{"id":86102,"date":"2010-08-20T21:58:50","date_gmt":"2010-08-20T21:58:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.feminissima.de\/?p=86102"},"modified":"2010-08-20T21:58:50","modified_gmt":"2010-08-20T21:58:50","slug":"das-gute-gefuehl-vor-gericht-forscher-untersuchen-verhalten-von-richtern-schoeffen-more","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2010\/08\/20\/das-gute-gefuehl-vor-gericht-forscher-untersuchen-verhalten-von-richtern-schoeffen-more\/","title":{"rendered":"!Das gute Gef\u00fchl vor Gericht&#8220; &#8211; Forscher untersuchen Verhalten von Richtern, Sch\u00f6ffen..more..:"},"content":{"rendered":"<p>Alle waren baff, dass j\u00fcngst im Fall Kachelmann zwei verschiedene Gerichte zu zwei verschiedenen Urteilen kamen &#8211; Rechtsprechung Gl\u00fcckssache?<br \/>\nMehr dazu wei\u00df das <br \/>\nMax-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsg\u00fctern, Bonn<br \/>\nhttp:\/\/www.mpg.de<br \/>Das gute Gef\u00fchl vor Gericht &#8211; Forscher untersuchen Probleme intuitiver Urteile von Richtern, Sch\u00f6ffen und Jurymitgliedern<br \/>\nBarbara Abrell, Referat Presse- und \u00d6ffentlichkeitsarbeit<br \/>\nMax-Planck-Gesellschaft zur F\u00f6rderung der Wissenschaften e.V.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen zwei Gerichte wie j\u00fcngst beim Fall des Fernsehwetterfroschs J\u00f6rg Kachelmann geschehen aufgrund der gleichen Aktenlage zu verschiedenen Ergebnissen kommen? Dahinter steckt weder Willk\u00fcr, noch Wahnsinn. &#8222;Vielmehr liegt es schlicht daran, dass sie die Beweise unterschiedlich werten. Wenn Richter, Sch\u00f6ffen oder Geschworene ihre Entscheidung treffen, spielen nicht immer nur rein rationale Erw\u00e4gungen eine Rolle, so Christoph Engel, Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsg\u00fctern in Bonn.<br \/>\nVon Haus aus Jurist verl\u00e4sst der Wissenschaftler in seiner Forschung gern die Grenzen seiner Disziplin und untersucht die Erkenntnisprozesse und das Verhalten von Menschen im Gerichtssaal in Hinblick auf die Rechtsnorm. &#8222;K\u00f6nnen wir intuitiven Urteilen trauen?&#8220;, lautete die Kernfrage einer Studie, die im &#8222;Journal of Empirical Legal Studies&#8220; erscheinen wird. Gemeinsam mit dem Psychologen Andreas Gl\u00f6ckner hatte Engel das Urteilsverhalten von 245 Studierenden der Universit\u00e4t Erfurt im Experiment getestet. Ihr Ergebnis gibt Anlass zu gemischten Gef\u00fchlen.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit Gl\u00f6ckner, der die Forschergruppe &#8222;Intuitive Experts&#8220; an dem Bonner Institut leitet, hatte Engel Studenten gebeten, in die Rolle eines Richters oder Geschworenen zu schl\u00fcpfen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten anhand eines Fallbeispiels unter zwei Beweisstandards befinden, ob der Angeklagte schuldig ist oder nicht. In mehreren Durchl\u00e4ufen variierten die Forscher dabei die Rahmenbedingungen. Eine Gruppe erhielt die Instruktion, die im amerikanischen Zivilprozess \u00fcblich ist. Sie sollten verurteilen, wenn &#8222;das \u00dcbergewicht der Beweise&#8220; gegen den Angeklagten sprach. Eine zweite Gruppe sollte dagegen nur verurteilen, wenn die Schuld &#8222;jenseits vern\u00fcnftiger Zweifel&#8220; lag. Au\u00dferdem variierte das Experiment den Beweiswert mehrerer Beweismittel und untersuchte deren Einfluss auf Urteile.<\/p>\n<p>Mit diesen Experimenten wollten Engel und Gl\u00f6ckner herausfinden, ob und inwieweit bei der Urteilsfindung genutzte intuitiv-automatische Prozesse rechtlich unerw\u00fcnschte Effekte mit sich bringen. Eine Frage war, ob der vom Gesetzgeber in einigen L\u00e4ndern gewollte Unterschied zwischen den Beweisma\u00dfen durch diesen mentalen Prozess \u00fcberspielt wird. Denn wie Psychologen und Kognitionsforscher herausgefunden haben, reagieren Entscheidungstr\u00e4ger vor Gericht nicht anders als gew\u00f6hnliche Menschen in Alltagssituationen, in denen aufgrund komplexer oder l\u00fcckenhafter Faktenlage rein rationales Abw\u00e4gen nicht m\u00f6glich ist. Sie l\u00f6sen das Problem mit Hilfe eines teilweise intuitiv-automatischen Entscheidungsprozesses, bei dem die Eindr\u00fccke, Erfahrungen und Gef\u00fchle mit rationalen Erw\u00e4gungen kombiniert werden.<\/p>\n<p>Doch was im Verlauf der Menschheitsgeschichte so manchem in brenzligen Situationen das Leben rettete, weil er zum Beispiel nicht lange dar\u00fcber philosophierte, ob Brummger\u00e4usche aus einer H\u00f6hle tats\u00e4chlich gef\u00e4hrlich sein k\u00f6nnen, oder heutige Zeitgenossen davor bewahrt, im Supermarkt vor dem \u00fcberbordenden Warensortiment in Entscheidungslosigkeit zu erstarren, erscheint aus Sicht eines Rechtsforschers als Strategie der Urteilsfindung im Gerichtssaal nicht unproblematisch. Denn zugunsten der Stimmigkeit der Geschichte k\u00f6nnen die Originalinformationen verf\u00e4lscht werden. &#8222;So lange es darauf f\u00fcr meine Entscheidung nicht ankam, denke ich, dass Zeugenaussagen relativ verl\u00e4sslich sind&#8220;, beschreibt Engel solche Koh\u00e4renz-Verschiebungen mit einem klassischen Beispiel aus dem Gerichtssaal: &#8222;Nun erfahre ich, dass ich einen Fall entscheiden soll, in dem es einen einzigen Zeugen gibt. Er belastet den Angeklagten. Auf Grund der \u00fcbrigen Beweismittel habe ich aber ziemliche Zweifel an der Schuld des Angeklagten. Dann kann ich meine Gesamt\u00fcberzeugung dadurch herstellen, dass ich meine Zweifel an der Vertrauensw\u00fcrdigkeit von Zeugenaussagen verst\u00e4rke &#8211; wohlgemerkt, ohne dass mir diese Ver\u00e4nderung der Bewertung bewusst geworden w\u00e4re.&#8220; Bei ihren Experimenten zum Urteilsverhalten aus rechtlicher und psychologischer Sicht sagten die beiden Bonner Forscher ihren Versuchspersonen zun\u00e4chst nicht, dass sie einen juristischen Fall entscheiden sollten. Sie pr\u00e4sentierten die sp\u00e4teren Beweismittel zun\u00e4chst in neutraler Einkleidung und fragten nach dem Beweiswerts, etwa wie verl\u00e4sslich die Aussage einer Person ist, die am Ort des Geschehens gewesen war.<\/p>\n<p>Danach erhielten sie Informationen \u00fcber einen Fall, bei dem ein Mitarbeiter einer Firma beschuldigt wurde, Geld aus dem Tresor entwendet zu haben, der unter anderem eine Zeugenaussage enthielt. Im Anschluss daran sollten sie sagen, ob sie den Angeklagten verurteilen oder freisprechen w\u00fcrden, und bewerteten wiederum die Vorhersagekraft der verschiedenen Informationen. Zum Abschluss mussten die Probanden in einem Fragebogen angeben, nach welcher Methode sie ihre Entscheidungen getroffen haben: mithilfe mathematischer Kalkulationen, &#8222;aus dem Bauch heraus&#8220; oder indem sie sich nach dem Koh\u00e4renz-Modell aus den Informationen eine plausible Geschichte konstruiert hatten.<\/p>\n<p>Es zeigte sich wie in vorangegangenen Untersuchungen, dass auch bei rechtlichen Urteilen die Bewertung von Informationen durch automatisch-intuitive Prozesse verzerrt wird: Personen konstruieren koh\u00e4rente Interpretationen. Informationen werden dabei so wahrgenommen, dass diese das eigene Urteil st\u00e4rker unterst\u00fctzen, als dies objektiv der Fall ist. Dieses Ph\u00e4nomen der Koh\u00e4renzverschiebung zeigte sich beispielsweise darin, dass die durch ein und dieselbe Person abgegebene Bewertungen der Zuverl\u00e4ssigkeit von Zeugen vor und nach dem Urteil sich systematisch unterscheiden. Studierende die im Sinne der Zeugenaussage entschieden, erh\u00f6hten ihre Bewertung der Zuverl\u00e4ssigkeit von Zeugen. Studierende, die ein Urteil f\u00e4llten, welches der Zeugenaussage entgegenlief reduzierten die Einsch\u00e4tzung. &#8222;Wir fanden allerdings heraus, dass Beweisma\u00dfinstruktionen nicht von Koh\u00e4renzverschiebungen untergraben werden&#8220;, berichten die Forscher. &#8222;Das hatten wir eigentlich bef\u00fcrchtet&#8220;, sagt Engel. &#8222;Wir nahmen an, dass der Beweisstandard die Verurteilungsrate nicht beeinflusst.&#8220; Doch entschieden sich die Erfurter Studierenden unter dem zivilrechtlichen &#8222;\u00dcbergewicht der Beweise&#8220; (&#8222;preponderance of the evidence&#8220;) mehr als doppelt so h\u00e4ufig f\u00fcr einen Schuldspruch als unter dem strafrechtlichen Standard &#8222;ohne vern\u00fcnftigen Zweifel&#8220; (&#8222;beyond a reasonable doubt&#8220;).<\/p>\n<p>Dagegen fanden die beiden Forscher ihre dritte Hypothese best\u00e4tigt: Prozentzahlen und objektive Wahrscheinlichkeiten spielen in solchen Entscheidungssituationen kaum eine Rolle. Jedenfalls konnten sie selbst dann, als sie die Wahrscheinlichkeit der belastenden Beweismittel deutlich so ver\u00e4nderten, dass prozentual alles auf einen Schuldspruch hinwies, keine signifikanten Effekte auf die Verurteilungsrate feststellen. Dass Statistiken und objektive Wahrscheinlichkeiten eine so geringe Rolle bei richterlichen Entscheidungen spielen, h\u00e4lt Engel &#8222;aus normativer Sicht schon f\u00fcr sehr bedenklich&#8220;. Es m\u00fcssten ja nicht gleich Algorithmen f\u00fcr Richter, Geschworene oder Sch\u00f6ffen entwickelt werden, meint er. &#8222;Es gen\u00fcgt ja schon, wenn die Statistiken im Gerichtssaal so verst\u00e4ndlich pr\u00e4sentiert werden, dass sie auch von Laienrichtern aufgenommen werden k\u00f6nnen&#8220;, schl\u00e4gt er zur L\u00f6sung des Problems vor. Im Zusammenspiel mit der Intuition habe man dann ganz gute Voraussetzungen f\u00fcr einen sinnvollen Umgang mit Recht und Gesetz. Au\u00dferdem fehlt es ja an Alternativen, gibt er zu bedenken. &#8222;Wer glaubt, dass Juristen etwas beweisen k\u00f6nnen wie ein Naturwissenschaftler, befindet sich auf dem Holzweg.&#8220;<\/p>\n<p>Weitere Informationen erhalten Sie von:<\/p>\n<p>Brigitte Martin<br \/>\nMax-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsg\u00fctern, Bonn<br \/>\nTel.: +49 228 91416 &#8211; 19<br \/>\nE-Mail: martin@coll.mpg.de<br \/>\nWeitere Informationen:<br \/>\nhttp:\/\/www.coll.mpg.de\/node\/8 &#8211; Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsg\u00fctern, Bonn<br \/>\nhttp:\/\/www.mpg.de &#8211; Weitere Pressemitteilung auf der MPG-Homepage<\/p>\n<p>URL dieser Pressemitteilung: http:\/\/idw-online.de\/pages\/de\/news382982<\/p>\n<p>Merkmale dieser Pressemitteilung:<br \/>\nPsychologie, Recht<br \/>\n\u00fcberregional<\/p>\n<p>Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen Deutsch print Druckansicht           <\/p>\n<p> Der idw<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle waren baff, dass j\u00fcngst im Fall Kachelmann zwei verschiedene Gerichte zu zwei verschiedenen Urteilen kamen &#8211; Rechtsprechung Gl\u00fcckssache?<br \/>\nMehr dazu wei\u00df das <br \/>\nMax-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsg\u00fctern, Bonn<br \/>\nhttp:\/\/www.mpg.de<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-86102","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-femrecht","entry"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>!Das gute Gef\u00fchl vor Gericht&quot; - Forscher untersuchen Verhalten von Richtern, Sch\u00f6ffen..more..: - Feminissima<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2010\/08\/20\/das-gute-gefuehl-vor-gericht-forscher-untersuchen-verhalten-von-richtern-schoeffen-more\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"!Das gute Gef\u00fchl vor Gericht&quot; - Forscher untersuchen Verhalten von Richtern, Sch\u00f6ffen..more..: - Feminissima\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Alle waren baff, dass j\u00fcngst im Fall Kachelmann zwei verschiedene Gerichte zu zwei verschiedenen Urteilen kamen - Rechtsprechung Gl\u00fcckssache? 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