{"id":86070,"date":"2010-02-17T11:39:27","date_gmt":"2010-02-17T11:39:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.feminissima.de\/?p=86070"},"modified":"2010-02-17T11:39:27","modified_gmt":"2010-02-17T11:39:27","slug":"presse-rueckblick-die-nerds-faznet-9-2009","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2010\/02\/17\/presse-rueckblick-die-nerds-faznet-9-2009\/","title":{"rendered":"PRESSE-R\u00dcCKBLICK &#8211; DIE NERDS&#8230;faznet 9\/2009"},"content":{"rendered":"<p>ja, manchmal ist gestern wie morgen&#8230;<br \/>Aufstieg der Nerds<br \/>\nDie Revolution der Piraten<\/p>\n<p>Von Frank Schirrmacher<br \/>\nDer Nerd erwacht zum politischen Tier<\/p>\n<p>Der Nerd erwacht zum politischen Tier<\/p>\n<p>21. September 2009 Die Journalistin Dagmar von Taube bringt demn\u00e4chst einen offenbar sehr interessanten Fotoband \u00fcber die Berliner Gesellschaft heraus. Bei dem wenigen, das man gesehen hat, handelt es sich um ein Panorama von Sch\u00f6nheit und Coolness und Macht, von Clubs und Bars, von Partys und Gastwirten \u2013 ganz Berlin, so scheint es, ist ein einziger Grill, auf dem K\u00f6nigskinder von heute in gl\u00fchender Liebe zu Kunst und Smalltalk vor sich hin brutzeln. Aber ehe daraus eine neue \u00c4ra wird, hier der Hinweis: Etwas fehlt.<\/p>\n<p>Es fehlt nicht nur hier, es fehlt \u00fcberall, wo solche balzacschen Gem\u00e4lde entworfen werden. Es fehlt, wie ich feststelle, auch in allen meinen Artikeln und in fast allen Artikeln meiner Kollegen der letzten Jahre. Es fehlt nicht nur in Berlin, sondern in M\u00fcnchen, Frankfurt und M\u00fcnster. Wir haben es entweder alle \u00fcbersehen oder nicht ernst genommen, auch deshalb, weil Coolheitsgesichtspunkte einer Pop-\u00d6konomie dagegen sprachen. Fragen Sie jeden Feuilletonredakteur: Was ist cooler? Ein wabernder, wilder Text des Kult-Denkers und Model-Ehemannes Slavoj Zizek, der uns z\u00fcchtigt und uns unsere eigene Spie\u00dfigkeit schmerzlich bewusst macht; oder sind es die Satzbefehle, die irgendein pizzaverschlingender Zwanzigj\u00e4hriger in seinem mit \u201eStar Wars\u201c-Memorabilien vollgestopften Kinderzimmer jetzt gerade in seinen Computer tippt? K\u00f6nnte man sich vorstellen, dass sie in einem von Dagmar von Taubes Get-togethers, w\u00e4hrend Nadja Auermann und Norbert Bisky noch feiern und flirten, \u00fcber das Problem von Botnets oder die besten Verfahren der \u201ew\u00fcrdevollen Herabstufung\u201c reden, der Art und Weise, wie man Websites auf Handys darstellt?<\/p>\n<p>\nNeuer Intellektuellentypus: Jens Seipenbusch, Bundesvorsitzender der Piratenpartei<\/p>\n<p>Neuer Intellektuellentypus: Jens Seipenbusch, Bundesvorsitzender der Piratenpartei<\/p>\n<p>Kurz: was fehlt, sind die Nerds.<\/p>\n<p>Typologie des Nerds<\/p>\n<p>Und jetzt, da sich aus ihrem innersten Kern eine neue und wahrscheinlich bald auch immer un-nerdigere, weil moderne politische Bewegung formiert, kann man nicht anders, als voller Respekt und ohne Ironie ihren Siegeszug zu r\u00fchmen. Sie haben die Gesellschaft l\u00e4ngst geentert, noch ehe Teile von ihnen sich als \u201ePiraten\u201c zusammentaten. Ob die \u201ePiraten\u201c Nerds sind oder nicht, ist eine der am hei\u00dfesten diskutierten Fragen der politischen Blogs im Internet. Mit gutem Grund: der klassische Nerd tr\u00e4gt Kopfh\u00f6rer, w\u00e4hrend er sich tief \u00fcber seine Computertastatur beugt und gedankenlos mit der linken Hand nach einem kalten St\u00fcck Pizza greift. In \u201eJurassic Park\u201c war der Typus, gespielt von Wayne Knight, zu besichtigen.<br \/>\nZum Thema<\/p>\n<p>    * Patent-Piraten auf W\u00e4hlerfang<br \/>\n    * Bundestagswahl: Piraten mit Potential<br \/>\n    * Seipenbusch neuer Vorsitzender der Piratenpartei<\/p>\n<p>Nerds sind meist m\u00e4nnliche junge Leute, die schon im Alter von vier Jahren damit beginnen, Spielzeugautos, Radios und Computer zu zerlegen und ganz anders wieder zusammenzubauen. Es gibt auch weibliche Nerds. Marissa Mayer von Google, die sich selbst einen Nerd nennt, ist die prominenteste Frau. Nerds verehren Daniel D\u00fcsentrieb, Jules Verne und sp\u00e4ter Neal Stephenson. Meist fallen sie schon fr\u00fchzeitig durch einen unb\u00e4ndigen Basteltrieb auf. Fr\u00fcher konnte man sie in der Schule leicht erkennen: Sie hatten Diplomatenkoffer mit Nummernschloss, dessen Code sie t\u00e4glich \u00e4nderten, trugen Pferdeschwanz und schwarze T-Shirts mit \u201eUltima Online\u201c-Logo. Der Typus ist seltener geworden, aber, wie ein Blick in das Publikum des letzten ZDF-Wahlforums zeigte, nicht ganz ausgestorben. Ausgehend vom neuen Google-Stil sind Nerds heute von der Pizza-und-Cola-Phase in das \u201eHealthy food\u201c-Biotop gewechselt und deshalb, anders als die gro\u00dfen Nerd-Pioniere wie Jaron Lanier und Nathan Myrvold, nicht mehr ohne weiteres zu erkennen.<\/p>\n<p>Ein Foto des jungen Bill Gates. Aufgenommen 1978. Es ist das letzte Jahr der Ruhe. Noch ein Jahr, dann wird, wie Gates sp\u00e4ter erkl\u00e4ren wird, der \u201edigitale Tsunami\u201c losbrechen. Dann wird klar werden, dass ein Massenmarkt f\u00fcr Computertechnologie entsteht. Das Foto zeigt einen etwas bleichen, jungen Mann mit ziemlich dicken Brillengl\u00e4sern. Zwei Jahre zuvor hatte er bei einer Tupperware-Party seiner Mutter sein erstes Computerprogramm vorgef\u00fchrt und war unter Fl\u00fcchen und Wutanf\u00e4llen gescheitert. \u201eEr geht wohl nicht in Discos\u201c, soll eine Freundin seiner Mutter bemerkt haben.<\/p>\n<p>Die Programmierung der Welt<\/p>\n<p>Portr\u00e4ts des Tycoons als junger Mann: Es gibt noch viele davon, von Bill Joy, dem Gr\u00fcnder der Computerfirma \u201eSun\u201c, von Danny Hillis, der den ersten Parallelrechner erdachte, von Charles Simonyi, der die wichtigsten Anwendungsprogramme erfand. Und dann sind da die zwei jungen M\u00e4nner. Sie haben zwar keine dicken Brillen, aber w\u00e4hrend ihre Kommilitonen in Clubs abh\u00e4ngen, sitzen sie zu Hause und spielen mit Lego. Sie bauen einen bunten Turm aus Legosteinen, einen Quader, wie man ihn aus jedem Kinderzimmer kennt, nur dass hier im Inneren eine Zentraleinheit, eine Festplatte und ein Algorithmus versteckt sind. Vier Jahre sp\u00e4ter wird dieser Legoturm das Herz der wertvollsten Firma der Welt geworden sein, die in allen ihren Niederlassungen Legosteine verstreut und in ihrem Markenzeichen \u201eGoogle\u201c bis heute den Farben Legos huldigt.<br \/>\nDiplomatenkoffer, Pferdeschwanz, Griff zur kalten Pizza: Der Nerd war einmal ein leicht identifizierbares Wesen<\/p>\n<p>Diplomatenkoffer, Pferdeschwanz, Griff zur kalten Pizza: Der Nerd war einmal ein leicht identifizierbares Wesen<\/p>\n<p>Die Nerds, die die Sprites auf ihrem C-64-Homecomputer programmierten, w\u00e4hrend ihre Mitsch\u00fcler in Clubs oder auf Demos waren, haben buchst\u00e4blich die Welt programmiert, in der wir uns heute bewegen. Wenn wir der modernen Welt ein Gesicht geben wollen, reden wir von Wall-Street-Haien und Managern, aber wir sollten anfangen, \u00fcber Nerds zu reden. Dieser Text ist in Word geschrieben. Word stammt von Charles Simonyi. Bereits als Vierj\u00e4hriger im kommunistischen Ungarn spielte er in der damals noch begehbaren Zentraleinheit des Computers, den sein Vater bediente.<\/p>\n<p>Mit zehn bestach er das Aufsichtspersonal, um an dem Computer, der mit riesigen Hebeln statt einer Tastatur ausgestattet war, zu programmieren. Mit achtzehn verlie\u00df er Ungarn. In Amerika schlug er sich als Privatlehrer durch und sa\u00df n\u00e4chtelang vor einem uralten IBM-Rechner. Mit einunddrei\u00dfig lehrte er Bill Gates kennen. F\u00fcr ihn erfand er \u201eWord\u201c und \u201eExcel\u201c, zwei Programme, die in den Tiefen des Codes kleine Gedenktafeln eingebaut haben, die sagen, dass sie \u201evom Ungarn\u201c (\u201ethe Hungarian\u201c) stammen. Und dann, mit \u00fcber f\u00fcnfzig, l\u00e4sst sich der Jules-Verne- und \u201eStar Wars\u201c-Fan von den Russen auf eigene Kosten ins Weltall schie\u00dfen. Das ist sozusagen der Nerd in Reinkultur.<\/p>\n<p>Drehbuch unseres Denkens<br \/>\nWord-Erfinder und Weltraumtourist Charles Simonyi<\/p>\n<p>Word-Erfinder und Weltraumtourist Charles Simonyi<\/p>\n<p>Der Nerd ist ein Wunder der Technik. Aber jetzt wird er zu einem Wunder unserer Gesellschaft. Man w\u00fcrde ihn in unserer coolen Glamourwelt auf jeder Party \u00fcbersehen, er w\u00fcrde kaum reden und keinen Wirbel machen. Ein gro\u00dfer Fehler, wie wir wom\u00f6glich bereits nach der Bundestagswahl bemerken werden.<\/p>\n<p>Nerds sind Menschen, die wissen wollen, wie Dinge funktionieren. Sie benutzen Schraubenzieher und sehr gro\u00dfe Lupen. Sie zerlegen Radios und Computer und bauen sie dann wieder zusammen. Allerdings kann der Computer dann Kaffee kochen, und das Radio sucht nach Signalen au\u00dferirdischen Lebens. Das erste Nerd-Programm im Internet war eine Webcam, die auf eine Kaffeemaschine in Oxford gerichtet war.<br \/>\nLego statt Disko: Google-Gr\u00fcnder Sergey Brin (rechts) und Larry Page<\/p>\n<p>Lego statt Disko: Google-Gr\u00fcnder Sergey Brin (rechts) und Larry Page<\/p>\n<p>Nerds, hei\u00dft es, haben es in der Pubert\u00e4t etwas schwerer als die Raver, eine Freundin zu finden. Das stachelt sie umso mehr an. Das Ergebnis liegt vor unser allen Augen: Nerds haben die Drehb\u00fccher unserer Kommunikation, unserer SMS-Botschaften, mittlerweile unseres Denkens geschrieben. Sie sind die gr\u00f6\u00dfte Macht der modernen Gesellschaft. Ihre Texte verstehen Au\u00dfenstehende nicht, obwohl sich alle nach ihnen richten, und sei es, wenn sie Suchbefehle bei Google eingeben. Es waren die Nerds, die als Erste erkannten, dass deshalb die Codes offen sein m\u00fcssten, \u00fcberpr\u00fcfbar und zumindest lesbar f\u00fcr die anderen Nerds. Denn es gibt, wie \u00fcberall, Abspaltungen, Verrat, Seitenwechsel auch bei den Nerds. Eine besonders gef\u00e4hrliche Gruppe sind die quants, die quantitativen Analysten; sie schrieben die Software f\u00fcr die Finanzprodukte, die die Katastrophe brachten.<\/p>\n<p>Der Nerd als politisches Tier<\/p>\n<p>Ihrem Wesen nach sind Nerds individualistisch. Aber sie sind Individualisten, die dank der digitalen Technologie die gr\u00f6\u00dfte Vernetzungsstufe der Menschheitsgeschichte m\u00f6glich gemacht haben: Vernetzung einzelner Subjekte, die ihren Charakter und ihre Individualit\u00e4t bewahren k\u00f6nnen, nicht nach ihrem \u00c4u\u00dferen beurteilt werden, nicht nach ihrem Geschlecht, nicht nach ihrem Diplomatenkoffer oder ihrer Jute-Tasche. Die Organisation ist so geschlechtsneutral, wie es das Internet ist. Das erkl\u00e4rt, wieso sie politisch geweckt wurden, als die Grundregeln bedroht zu sein schienen. Und das macht sie wichtig und notwendig.<\/p>\n<p>\u00dcber die \u201ePiraten\u201c l\u00e4sst sich Endg\u00fcltiges noch nicht sagen. Die Partei betrachtet die modernen Technologien als ein Instrument der Emanzipation. Ihr harter Kern ist nerdig, doch Jens Seipenbusch, der Bundesvorsitzende und ein Intellektueller von Format, zeigt bereits den \u00dcbergang: die Verwandlung des Nerds in ein politisches Tier. W\u00fcrden die Nerds jetzt oder bald ein politisches Mandat erringen, w\u00e4re das, nachdem sie die Kommunikation der Gesellschaft revolutioniert haben, ihr erster Triumph nicht mehr nur in der Welt der Legosteine, sondern in der Welt von Zement und M\u00f6rtel. Vielleicht w\u00fcrden die wahren Nerds im Lauf der Zeit und bei gr\u00f6\u00dferem Erfolg immer weniger, so wie sich in den achtziger Jahren die b\u00e4rtetragenden strickenden M\u00e4nner bei den Gr\u00fcnen keinen Au\u00dfenminister Joschka Fischer haben vorstellen k\u00f6nnen. Aber zu glauben, es handele sich um das Partikularinteresse einer partikularen \u00d6ffentlichkeit, w\u00e4re ein gro\u00dfer Fehler.<\/p>\n<p>Mathematisierung des Verhaltens<\/p>\n<p>Was wir erleben, ist der \u00dcbertritt einer anderen Intelligenzform in den Bereich der Politik. Ob durchweg zum Guten, das l\u00e4sst sich heute noch nicht sagen. F\u00fcr das Problem des Urheberrechts haben die \u201ePiraten\u201c so wenig eine Antwort wie die anderen: Ihr heutiges Programm, umgesetzt, bedeutete das Ende von Verlagen und K\u00fcnstlern. Auch \u00fcber den abgr\u00fcndigen Herrn Tauss sollte man schweigen, solange das Urteil nicht gesprochen ist. Jedenfalls verzichten die \u201ePiraten\u201c gl\u00fccklicherweise darauf, ihn zu einer Galionsfigur zu machen. Man kann nur hoffen, dass es so bleibt. Wenn die Schw\u00e4che eines Gesetzes dadurch bewiesen werden soll, dass ein Bundestagsabgeordneter aus angeblichen Recherchegr\u00fcnden einschl\u00e4gige Daten empf\u00e4ngt und versendet und das Ganze dann auch noch mit den Worten \u201eGeiles Material\u201c quittiert, dann ist man froh, dass es Gerichte gibt, die der \u201eRecherche\u201c nachrecherchieren.<\/p>\n<p>Doch wer diese Bewegung zu Bef\u00fcrwortern von Kinderpornographie machen wollte, handelte nicht nur moralisch, sondern auch intellektuell h\u00f6chst un\u00fcberlegt. Die Fragen, die die digitale Intelligenz stellt, sind legitim und \u00fcberf\u00e4llig. Dazu z\u00e4hlt auch das Netzsperrengesetz. Kein Mensch bestreitet die Notwendigkeit, der T\u00e4ter habhaft zu werden. Aber es w\u00e4re einem wohler, die Bundesregierung l\u00fcde die Kritiker ein, um gemeinsam ein Verfahren zu entwickeln, das funktioniert.<\/p>\n<p>Noch hat die Politik, haben viele Menschen kaum eine Ahnung, wie fundamental die Informationstechnologien unser Verh\u00e4ltnis zu uns selbst ver\u00e4ndern werden. Immer mehr Menschen bewegen sich in Informations\u00f6kologien, die harmlos wirken, aber in deren Untergrund hochkomplexe Berechnungen laufen, die menschliches Verhalten in Mathematik verwandeln. Das Feedback, das diese Systeme auf das \u201ewirkliche\u201c Leben haben, l\u00e4sst sich erst in Ans\u00e4tzen erkennen. Aber klar ist, eine Welt, in der vom Arbeitgeber bis zur Krankenversicherung ganze Lebensl\u00e4ufe in Daten zerhackt, neu zusammengesetzt und interpretiert werden, Daten, in denen nicht nur Aussagen \u00fcber die Gegenwart, sondern auch \u00fcber die Zukunft, die Leistungskraft, die Kreativit\u00e4t und wom\u00f6glich auch die politische Einstellung von Menschen gesammelt werden, eine solche Welt ver\u00e4ndert ihr Verh\u00e4ltnis zur Freiheit fundamental.<\/p>\n<p>Sie sind, was Sie sagen<\/p>\n<p>Insofern ist das Programm der Nerds, ob sie nun in der Piratenpartei sind oder in anderen Parteien, noch viel zu bescheiden. Sie, die die Systeme kennen, m\u00fcssen, wie seinerzeit die Renegaten der Atomspaltung, in politische Sprache \u00fcbersetzen, was technisch m\u00f6glich ist, was es aus uns macht und wie wir uns dagegen wehren k\u00f6nnen. In den Vereinigten Staaten sind Verhaltensvoraussagen zur Abwehr von terroristischen Verbrechen bereits ein florierender Markt. Aber eine Software, die solches Verhalten vorhersagen kann, kann das auch wom\u00f6glich bei anderen Fragen. Das betrifft nicht nur den Staat, der das Internet erst mit der n\u00e4chsten Politikergeneration wirklich entdecken wird, sondern vor allem auch Wirtschaft und Unternehmen.<\/p>\n<p>2006 ver\u00f6ffentlichten f\u00fcnf Forscher der Universit\u00e4t Minnesota einen Aufsatz mit dem Titel \u201eSie sind, was Sie sagen: Bedrohung der Privatsph\u00e4re durch \u00f6ffentliche \u00c4u\u00dferungen\u201c. Was sie zeigten \u2013 mittlerweile ist die Technik ausgereifter \u2013, war nichts anderes, als dass es Softwareprogramme gibt, die durch Zugriff auf Online-Datenbanken selbst bei Anonymisierung unglaubliche Korrelationen und Profile herstellen k\u00f6nnen. Da Menschen, \u00fcber das, was sie m\u00f6gen, gerne kommunizieren, einen Film, ein Musikst\u00fcck, ein Foto, und da sie das meistens auf mehreren Plattformen tun, von Facebook \u00fcber Amazon bis zum eigenen Blog, haben die Forscher gezeigt, dass es schon bei Verwendung von zwei Datenbanken m\u00f6glich war, sechzig Prozent jener Menschen zu identifizieren, die acht oder mehr Filme erw\u00e4hnten.<\/p>\n<p>Die Fragen, die aus Verhaltenssteuerung und Voraussage sich ergeben, aber auch die Abh\u00e4ngigkeit des modernen Menschen von unverstandenen Algorithmen sind Kernfragen der gesellschaftlichen Zukunft. Sie werden nicht weggehen und nicht ein f\u00fcr alle Mal gel\u00f6st werden k\u00f6nnen. Aber es ist entscheidend, dass man erkennt, dass die Informationsgesellschaft auf andere Weise, aber mit \u00e4hnlicher Dramatik unser Leben revolutioniert, wie es einst die Maschinenparks des industriellen Zeitalters taten.<\/p>\n<p>Gro\u00dfhirn der Gesellschaft<\/p>\n<p>Und dazu brauchen wir Nerds. Sie sind eine politische Kraft, ziehen Nicht-Nerds an sich heran und werden bald auch die anderen Parteien ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die digitale Intelligenz, f\u00fcr die der Urkern der Piratenpartei nur ein Symbol ist, denkt nicht mehr psychologisch. Hier reden Experten der Informationsverarbeitung. Es sind Leute, die nichts so sehr interessiert wie die Frage, wie Informationen zustande kommen, weil dann erst \u00fcber ihre Richtigkeit oder Unrichtigkeit geurteilt werden kann. Sie glauben zun\u00e4chst nicht an h\u00f6here Einsichten, sondern an Algorithmen, das hei\u00dft an stufenweise aufgebaute Rezepte, die zu einem Ergebnis f\u00fchren. Alles das, was hochkomplexe mathematische Theorien, sei es der Verhaltens\u00f6konomik, sei es der modernen Psychologie, in den letzten Jahren an neuen Erkenntnissen \u00fcber das Zustandekommen von richtigen oder unrichtigen Entscheidungen herausgefunden haben, ist f\u00fcr sie l\u00e4ngst Lebenswirklichkeit. Sie erleben es praktisch im Netz.<\/p>\n<p>Jeder bekanntere Blogger kann die Effekte von Gruppenurteilen und Gruppenpolarisierungen auf seiner eigenen Seite in Echtzeit studieren, jeder wei\u00df, dass das Ergebnis einer Debatte \u00fcber Wertfragen manchmal nur von der mathematischen Einsch\u00e4tzung durch rivva.de oder Google abh\u00e4ngt, jeder erlebt, wie ein felsenfester Konsens binnen Sekunden durch Kommentatoren aufgebrochen werden kann und durch Feedback zu einem neuen Konsens wird \u2013 und wer das alles nicht selbst erlebt, kann es bei Wikipedia oder Google-News studieren. Das Netz beendet das Verh\u00e4ltnis von Macht und Gedanken nicht, es verteilt es nur neu. Wer in den letzten Tagen gesehen hat, dass eine sich als PR-Trick herausstellende Information \u00fcber einen angeblichen Selbstmordanschlag in einer nicht existierenden amerikanischen Stadt \u00fcber Twitter kommuniziert und am Ende von der dpa in alle Welt verbreitet wird, der wei\u00df, dass \u201eUrteile\u201c, \u201eMeinungen\u201c und psychologische Trends mathematischen Mustern folgen.<\/p>\n<p>Anders aber, als die Cyber-Propheten glauben, ist das Netz auch strukturell keineswegs der Ort der Freiheit, als der es, auch aus Marketinggr\u00fcnden, annonciert wird. Man muss es anders formulieren: Das Netz stellt, gerade wegen seiner kontrollierten Strukturen, viele Freiheitsfragen auf ganz neue Weise. In seinem Maschinenraum arbeitet Software, die gleichsam \u00fcber unendlich viele Aktenordner, Protokolle, Querverweise, Fu\u00dfnoten, Eingaben das Verhalten steuert und pr\u00e4gt, ohne dass man es merkt. Die Vorstellung, dass das Netz an sich frei und kostenlos sei, ist eine der st\u00e4rksten Illusionen der Gegenwart. Es ist einer der meistkontrollierten Organismen, die wir kennen. Moderne Informationstechnologien sind dezentral, aber ihrem Wesen nach b\u00fcrokratisch.<\/p>\n<p>Deshalb siedeln die \u201ePiraten\u201c an einem Ort, den sie selbst erst vermessen, der aber, nach allem, was wir heute wissen, nicht das Herz, sondern das Gro\u00dfhirn moderner Gesellschaften betrifft. Die jungen Vertreter des alten Parteiensystems haben mit wachem Instinkt festgestellt, dass die \u201ePiraten\u201c zwar einerseits kommerzfeindlich (Kopierschutz), in einigen ihren Str\u00f6mungen partiell marxistisch (Vergesellschaftung der Inhalte), aber andererseits in ihrem Individualismus auch durchaus neoliberal sind. Eines der ersten Piratenschiffe im England der sechziger Jahre, das gekaperte Musik in den \u00c4ther sendete, hie\u00df \u201eThe Laissez Faire\u201c.<\/p>\n<p>Doppelte Moral<\/p>\n<p>Die existentielle Frage des geistigen Eigentums beispielsweise wird im Augenblick vor allem technisch beantwortet. Da das Internet kostenlose Kopien von allem und jedem zu Nullkosten erlaubt, folgt in den Augen der Piraten daraus die prinzipielle Freiheit der Inhalte. Es aber ist eine Schl\u00fcsselfrage der digitalen Zukunft, dass sich jedermann der unerw\u00fcnschten Verbreitung und des Diebstahls seines geistigen Eigentums widersetzen kann. Jonas Andersson hat das soeben am Beispiel der schwedischen Website \u201ePirate Bay\u201c (die mit den \u201ePiraten\u201c nicht in einen Topf geworfen werden kann) gezeigt. Die Gruppe der freien Inhaltelieferanten im Netz, jener Elite, die in eigenen Blogs und Foren Beitr\u00e4ge, Analysen und Kommentare liefert, ist im Vergleich zu denen, die sich ausschlie\u00dflich fremder Inhalte bedienen und sie auch noch verkaufen, erstaunlich gering.<\/p>\n<p>Viele, die im Netz das Urheberrecht in Frage stellen, basteln mittlerweile an ihrem eigenen Gesch\u00e4ftsmodell, und das ist vielleicht die aktuellste Erscheinungsform doppelter Moral: Es ist kein Zufall, dass der kluge Chris Anderson, Chefredakteur von \u201eWired\u201c und Autor des Buches \u201eFree\u201c, sowie der Cyber-Evangelist Jeff Jarvis ihre B\u00fccher gegen Geld verkaufen und ihre Verlage Urheberrechtsverst\u00f6\u00dfe streng ahnden. Allerdings muss man auch hier die Genese kennen: Kopierschutz bei Software oder Musik, der den Gebrauch fast unm\u00f6glich macht, und die potentielle Kriminalisierung der Computer-Kids, die sich ein Spiel kopieren, standen am Anfang der Massenbewegung.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen reden<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich sind die \u201ePiraten\u201c l\u00e4ngst nicht mehr die Nerds, die insbesondere Gr\u00fcne wie neulich Julia Seeliger in einer klugen Analyse in ihnen zu erkennen glauben. Auf alle F\u00e4lle sind sie der Kern der ersten digital-sozialen Bewegung. \u201eEure Wurzeln sind nur im Netz\u201c, schrieb Julia Seeliger in ihrem \u201etaz\u201c-Blog, um zu begr\u00fcnden, warum sie die \u201ePiraten\u201c zwar begr\u00fc\u00dfe, aber sie nicht w\u00e4hlen werde.<\/p>\n<p>Das Netz freilich ist jetzt selbst eine \u00d6kologie geworden und wird, im unmittelbar bevorstehenden, durch den Vorboten Twitter schon sp\u00fcrbaren Echtzeit-Internet, \u00fcber die mobilen Ger\u00e4te die Mauern zwischen der materiellen und der digitalen Welt noch l\u00f6chriger machen. Das wird, anders als viele glauben, nicht auf Kosten des Papiers gehen, sondern ihm eine neue Rolle in der Ko-Existenz der Plattformen zuweisen. Dazu braucht die Gesellschaft Gespr\u00e4chspartner, wenn sie nicht nur den Codes der Software und des n\u00e4chsten Hypes folgen will. Es w\u00e4re sch\u00f6n f\u00fcr alle, wenn die \u201ePiraten\u201c, ganz gleich ob als Partei oder als Bewegung, ein solcher Gespr\u00e4chspartner sein k\u00f6nnten. Um das herauszufinden, gibt es keine prognostische Software. Aber es gibt die M\u00f6glichkeit, ihnen zuzuh\u00f6ren und mit ihnen zu reden.<\/p>\n<p>Text: F.A.S.<br \/>\nBildmaterial: AFP, Dieter R\u00fcchel, dpa<\/p>\n<p>Lesermeinungen zum Beitrag [57]<\/p>\n<p>    * Sehr geehrter Herr Schirrmacher, &#8230; 23. September 2009, 13:27<br \/>\n    * Die richtigen Fragen stellen! 22. September 2009, 23:38<br \/>\n    * Frank Schirrmacher 22. September 2009, 15:24<\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ja, manchmal ist gestern wie morgen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-86070","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-femmedien","entry"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>PRESSE-R\u00dcCKBLICK - DIE NERDS...faznet 9\/2009 - Feminissima<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2010\/02\/17\/presse-rueckblick-die-nerds-faznet-9-2009\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"PRESSE-R\u00dcCKBLICK - DIE NERDS...faznet 9\/2009 - Feminissima\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"ja, manchmal ist gestern wie morgen...\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2010\/02\/17\/presse-rueckblick-die-nerds-faznet-9-2009\/\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Feminissima\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2010-02-17T11:39:27+00:00\" \/>\n<meta name=\"author\" content=\"admin\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Verfasst von\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"admin\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:label2\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data2\" content=\"16\u00a0Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\/\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"WebPage\",\"@id\":\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2010\/02\/17\/presse-rueckblick-die-nerds-faznet-9-2009\/\",\"url\":\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2010\/02\/17\/presse-rueckblick-die-nerds-faznet-9-2009\/\",\"name\":\"PRESSE-R\u00dcCKBLICK - DIE NERDS...faznet 9\/2009 - Feminissima\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\/\/feminissima.de\/#website\"},\"datePublished\":\"2010-02-17T11:39:27+00:00\",\"dateModified\":\"2010-02-17T11:39:27+00:00\",\"author\":{\"@id\":\"https:\/\/feminissima.de\/#\/schema\/person\/0b901e053624f88e7ecbea289d9d5128\"},\"breadcrumb\":{\"@id\":\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2010\/02\/17\/presse-rueckblick-die-nerds-faznet-9-2009\/#breadcrumb\"},\"inLanguage\":\"de\",\"potentialAction\":[{\"@type\":\"ReadAction\",\"target\":[\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2010\/02\/17\/presse-rueckblick-die-nerds-faznet-9-2009\/\"]}]},{\"@type\":\"BreadcrumbList\",\"@id\":\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2010\/02\/17\/presse-rueckblick-die-nerds-faznet-9-2009\/#breadcrumb\",\"itemListElement\":[{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":1,\"name\":\"Startseite\",\"item\":\"https:\/\/feminissima.de\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":2,\"name\":\"PRESSE-R\u00dcCKBLICK &#8211; 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