{"id":85170,"date":"2008-05-11T00:20:58","date_gmt":"2008-05-11T00:20:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.feminissima.de\/?p=85170"},"modified":"2008-05-11T00:20:58","modified_gmt":"2008-05-11T00:20:58","slug":"aber-sie-ist-noch-da","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2008\/05\/11\/aber-sie-ist-noch-da\/","title":{"rendered":"..aber sie ist noch da&#8230;."},"content":{"rendered":"<p>Die Rubrik wird\/wurde wieder gel\u00f6scht.<\/p>\n<p>Finger\u00fcbungen.<\/p>\n<p>Lehrer Schmuck kam mit einem Stapel Klassenarbeiten den Flur entlang. Wir rannten zur\u00fcck zu unseren Pl\u00e4tzen. Waren schlagartig mucksm\u00e4uschenstill. Es war der erste Klassenaufsatz in Deutsch. In der neuen Schule. Ach was &#8211; neuen Schule? Im neuen Leben! Wir Sextanerinnen platzten vor Stolz, dass wir nun dazugeh\u00f6rten, zu jenen, die sich als Gymnasiasten bezeichneten. Wir hatten eine Aufnahmepr\u00fcfung bestanden. Acht Tage lang hatte sie gedauert. Dabei waren wir doch erst zehn Jahre alt. Und wir, meine Freundinnen und ich, mu\u00dften zehn Kilometer mit dem Zug fahren, um zu diesem altehrw\u00fcrdigen, irgendwie b\u00e4uchig und rund, aber zugleich auch abweisend wirkenden &#8211; lag es an dem Spitzdach, mit der \u00fcbergro\u00dfen Uhr? Geb\u00e4ude zu gelangen, namens Gymnasium. Vom Bahnhof bis zur Schule wirkten wir Sch\u00fcler wie ein Haufen Ameisen, der sich emsig und eilig in eine einzige Richtung bewegte.<\/p>\n<p>Lehrer Schmuck war klein, eher rundlich, hatte ein stets ger\u00f6tetes Gesicht, als st\u00fcnde er unter Hochdruck, als w\u00fcrde er jeden Augenblick explodieren, was \u00a0uns vorsichtig werden lie\u00df, von Anfang an, gegen\u00fcber unserem Deutschlehrer Schmuck.<\/p>\n<p>Ich beobachtete Lehrer Schmuck, wie er etwas kurzatmig und auf sonderbare Weise aufgeregt, den Stapel der vielen, und sicher schweren DIN-A-4-Hefte, sorgf\u00e4ltig auf seinem Pult vor der weiten gr\u00fcnen Tafel drapierte. Was hatte Lehrer Schmuck wohl alles lesen m\u00fcssen? Instinktiv duckte ich mich.<\/p>\n<p>Wie ein hohes P\u00e4ckchen, wirkten sie, die Hefte mit der Klassenarbeit in Deutsch. <span style=\"line-height: 1.6471;\">\u00a0Akkurat geschichtet. Kein L\u00f6schblatt, das aus einem der Hefte herausgeragt h\u00e4tte, lagen sie da, vor uns, wie zum Greifen nah, die Hefte der Klassenarbeit in Deutsch. Dem ersten Aufsatz, den wir je in unserem jungen Leben geschrieben hatten, ein Erlebnisaufsatz, so hatte es uns Lehrer Schmuck erkl\u00e4rt. \u00dcber etwas schreiben, was uns am Herzen lag.<\/span><\/p>\n<p>Lehrer Schmuck stand vor uns. Seine H\u00e4nde vor seinem durchaus sichtbaren Bauch gefaltet. Mir fiel auf, dass Lehrer Schmuck eigentlich eine Glatze hatte. Ein grauer Haarkranz umrahmte seinen Kopf, aber seine Stirn war bar jedweden Haarschmucks.<\/p>\n<p>Herr Schmuck r\u00e4usperte sich jetzt. In der \u00a0Klasse h\u00e4tte eine Stecknadel herunterfallen k\u00f6nnen. Diese Stille war ungewohnt. Sie war beunruhigend. Wir M\u00e4dchen waren in der Unterzahl. Und eigentlich machten die Jungen immer irgendein Ger\u00e4usch, konnten nicht still sitzen, wippten auf einem Stuhl oder schneuzten lautstark in ein Taschentuch. Nichts dergleichen. Eine lautlose Stille. Als seien wir erstarrt. Als harrten wir beklommen eines Urteils. Denn wir wu\u00dften, man hatte es uns in aller Deutlichkeit bei der Begr\u00fc\u00dfung in der Aula in ausgekl\u00fcgelte Worten gesagt &#8211; dieses erste Jahr war zugleich ein Probejahr. Auch wenn wir die Aufnahmepr\u00fcfung bestanden hatten.<\/p>\n<p>&#8222;Gut!&#8220;<\/p>\n<p>sagte Lehrer Schmuck, und ein kleines L\u00e4cheln versch\u00f6nte sein Gesicht. Die Strenge schien aus seinen Z\u00fcgen zu weichen. Pl\u00f6tzlich war die Angst vor der Klassenarbeit verflogen. Was konnte schon passieren? Die Aufnahmepr\u00fcfung war bestanden, und sogar mit einer passablen Note. Das erste Jahr als &#8222;Obersch\u00fcler&#8220; lag vor uns. Ein erster Aufsatz, wenngleich im Hauptfach Deutsch, sollte er verhauen sein, w\u00fcrde das f\u00fcr keinen und keine von uns das Ende der gerade erst begonnenen neuen Schullaufbahn bedeuten.<\/p>\n<p>Es war ein Erlebnisaufsatz. Wir hatten w\u00e4hlen k\u00f6nnen. Zwischen vier verschiedenen Themen: Familie, Natur, Tiere, Verkehr.<\/p>\n<p>&#8222;Wir wollen es ja nicht so spannend machen!&#8220;<\/p>\n<p>sagte Lehrer Schmuck, als ginge es \u00fcberhaupt noch spannender.<\/p>\n<p>&#8222;Im Gro\u00dfen und Ganzen sind die Arbeiten in Ordnung. Es sind nur zwei Arbeiten dabei, die etwas mager ausgefallen sind.&#8220;<\/p>\n<p>Ich merkte, wie ich mich noch eine Spur kleiner machte.<\/p>\n<p>&#8222;Aber eine Arbeit ist so au\u00dfergew\u00f6hnlich, da\u00df ich sie Euch vorlesen m\u00f6chte, ohne den Namen vorab zu nennen. H\u00f6rt einfach \u00a0zu. Dieser Aufsatz, und es ist der Einzige, hat von mir eine &#8222;SEHR GUT!&#8220; erhalten.&#8220;<\/p>\n<p>Ich sp\u00fcrte mein Herz schneller klopfen. Welcher Beneidenswerte, welche Begnadete, gleich den ersten Aufsatz mit dieser Lobeshymne bekr\u00e4nzt! Und auch noch \u00a0vorgelesen!<\/p>\n<p>Unwillk\u00fcrlich rutschte ich noch tiefer in meinen Stuhl. F\u00fchlte mich verloren und allein. Was hatte ich hier zu suchen? Sie waren doch alle so begabt. Mein Klassenlehrer hatte mich ausgelacht, als ich gesagt hatte, ich gehe aufs Gymnasium. Aber er hatte dann doch unterschrieben, weil ich so gebettelt hatte, was ich verabscheute, um etwas zu betteln, es war nicht meine Art, \u00a0aber ich hatte mich verstellt, hatte ihn so treuherzig gebeten, mir doch den Versuch zu g\u00f6nnen&#8230;<\/p>\n<p>Warum ein Lehrer seine Genehmigung geben mu\u00dfte, wenn ein Kind auf eine h\u00f6here Schule wollte, hatte ich ohnehin nicht verstanden, doch schlie\u00dflich hatte der alte, graue, hagere Mann m\u00fcrrisch eingewilligt &#8211; &#8222;Du f\u00e4llst ja sowieso bei der Aufnahmepr\u00fcfung durch!&#8220;<\/p>\n<p>Aber ich hatte sie bestanden, die Aufnahmepr\u00fcfung.<\/p>\n<p>Spielend sogar! Wie hatte ich diese Woche genossen!<\/p>\n<p>Jemand wie ich geh\u00f6re nicht aufs Gymnasium: Ein Gymnasium sei nur f\u00fcr die Kinder von \u00c4rzten, Rechtsanw\u00e4lten, Pfarrersfamilien und von Lehrern nat\u00fcrlich, hatte mir der Klassenlehrer mit auf den Weg gegeben.<\/p>\n<p>Auch mein Vater hatte sich meinem Wunsch, aufs Gymnasium zu gehen, widersetzt. Ich sollte eine Haushaltsschule besuchen. Um sp\u00e4ter einem Mann anst\u00e4ndig den Haushalt f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Ich hatte lachen m\u00fcssen. Mein Vater war w\u00fctend geworden. Nur meine Gro\u00dfmutter hatte ihn davon abhalten k\u00f6nnen, mich zu verpr\u00fcgeln, weil ich so vorlaut war. Und weil ich gar gelacht hatte.<\/p>\n<p>Lehrer Schmuck griff ein Heft aus dem Stapel heraus. Er hatte es mit einem roten Faden versehen, so dass er es gleich fand. Unsere Augen hingen an Lehrer Schmucks Handbewegungen. An seinem roten Gesicht. Als k\u00f6nne es uns etwas verraten.<\/p>\n<p>Lehrer Schmuck schlug das Heft auf und begann vorzulesen.<\/p>\n<p>Nach dem zweiten Satz sp\u00fcrte ich, wie mir hei\u00df und kalt wurde, \u00a0wie meine Stirn zu schwitzen begann:<\/p>\n<p>Es war meine Arbeit.<\/p>\n<p>Es war ein Aufsatz \u00fcber ein St\u00fcck Erde, \u00fcber ein Feld, das sich ein Jahr lang ausgeruht \u00a0hatte, ein ganzes \u00a0Jahr lang \u00a0&#8222;nutzlos&#8220; gewesen war, keine Ernte erbracht hatte. Ein St\u00fcck Land, das sich quasi ein Jahr lang &#8222;schulfrei&#8220; genommen hatte. Und wie es nach diesem Jahr des Ausruhens aufgebl\u00fcht war.<\/p>\n<p>Als Herr Schmuck zu Ende gelesen hatte, dachte ich, jeder m\u00fcsse an meinem hochroten Kopf der Verlegenheit erkennen, da\u00df es ich war, ich, die Kleine aus der d\u00f6rflichen Vorstadt vor der \u00a0Kleinstadt, die diesen Aufsatz geschrieben hatte. Und ich rutschte so tief in meinen Stuhl, dass er jeden Augenblick h\u00e4tte nach hinten wegkippen k\u00f6nnen. Wie peinlich mir dies jetzt alles war. Als h\u00e4tte ich mein Herz ge\u00f6ffnet. Und jeder konnte hineinschauen. Diese geschundene Erde. Die hatte endlich pausieren d\u00fcrfen. Nach all den vielen Jahren, da sie nur ausgenutzt worden war. Sie durfte zw\u00f6lf Monate lang ausruhen. Daf\u00fcr schenkte sie im Sommer, der folgte, \u00a0Blumen \u00fcber Blumen. Kornblumen, waren die Leuchtendsten, mit ihrem Tiefblau&#8230;ich sah sie vor mir, und all die B\u00fcsche von wilden Kamillenbl\u00fcten, die begeisterten Kinder, ein Feld voller Blumen! Und der rote Klatschmohn, schau doch nur!&#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Rosa!&#8220; Ich blickte erschrocken auf. Ja?<\/p>\n<p>Die Klasse hatte angefangen zu klatschen.<\/p>\n<p>&#8222;Steh ruhig auf, Rosa,&#8220; sagte Lehrer Schmuck.<\/p>\n<p>&#8222;Das ist Dein Applaus!&#8220;<\/p>\n<p>Ich wu\u00dfte gar nicht, was ich sagen sollte, wie ich reagieren sollte, ich hatte so etwas noch nie erlebt. Blo\u00df nicht weinen dachte ich. Blo\u00df nicht weinen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich verneigte ich mich, zwischen Weinen und Lachen, vor der Klasse, vor Lehrer Schmuck, linkisch, so voller Freude, dass ich nicht wu\u00dfte, wohin mit mir, meinen Armen, meinem K\u00f6rper, meiner Seele. Es war ein so neues, so fremdes, so unbekanntes Gef\u00fchl, diese Art von Freude!<\/p>\n<p>Ich begriff, Lehrer Schmuck hatte mich verstanden. Ich wu\u00dfte selbst nicht so genau, was ich damit meinte. Aber ich wu\u00dfte es. Er hatte mich verstanden. Ich brauchte keine Angst mehr zu haben. \u00a0Lehrer Schmuck nickte mir zu.<\/p>\n<p>Als die Stunde zu Ende war, alle nach drau\u00dfen in die Pause st\u00fcrmten, bat mich Lehrer Schmuck wie beil\u00e4ufig zu sich, so dass es nicht auffiel:<\/p>\n<p>&#8222;Ein wunderbarer Aufsatz! Du hast ein gro\u00dfes Talent!&#8220;<\/p>\n<p>Als ich mittags nach hause kam, aufgeregt, voller Vorfreude &#8211; vor Aufregung gl\u00fchend, sp\u00fcrte ich sofort, als ich die Eltern sah, dass ich sie mit meiner Sehr Gut in Deutsch nicht bel\u00e4stigen konnte. Es w\u00fcrde sie nicht interessieren. Ihre Gesichter wie hinter dunklen Jalousien. Und ich wu\u00dfte sofort, sie hatten wieder Krach gehabt. Sie sa\u00dfen am Tisch mit der wei\u00dfen Tischdecke, vor den Goldrandtellern, das M\u00e4dchen, das sie Dienstm\u00e4dchen nannten, legte mit bleichem Gesicht das viel zu schwere Silber in Form von Messern und Gabeln und L\u00f6ffeln auf den Tisch und brachte die Vorsuppe. Mein Vater verscheuchte das M\u00e4dchen mit einer schroffen Handbewegung.<\/p>\n<p>Der L\u00f6ffel war zu schwer f\u00fcr mich. Die fettige Suppe war mir zuwider. Und sie war zu hei\u00df.<\/p>\n<p>Trotzig warf ich in das Schweigen :<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe den besten Klassenaufsatz in Deutsch geschrieben. Er wurde sogar vorgelesen!&#8220;<\/p>\n<p>Meine Mutter l\u00e4chelte ein schwaches, vorsichtiges L\u00e4cheln, es erhellte ihr Gesicht.<\/p>\n<p>Mein Vater schnaubte:<\/p>\n<p>&#8222;Davon wird niemand satt!&#8220;<\/p>\n<p>Ich rannte in mein kleines Zimmer und wollte losheulen. Aber ich hatte keine Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p>Ich klappte das Tagebuch zu. Kindheit. Vorbei. Vorbei?<\/p>\n<p>Ich hatte die Wohnung meiner Mutter aufzul\u00f6sen. \u00a0Seit Monaten hatte ich die Miete weiterhin gezahlt. Sie wirkt traurig, eine Wohnung, die \u00fcbrig bleibt, wenn ihre Bewohnerin verstorben ist, wird von Monat zu Monat d\u00fcsterer, wirkt anklagend, wie im Stich gelassen. Was wollte ich behalten? Wohin mit all den Sachen?<\/p>\n<p>Die dunklen, massiven M\u00f6bel des sogenannten Herrenzimmers mit dem wuchtigen Schreibtisch. Ich hatte als Kind \u00a0seine Seitenf\u00e4cher gemocht. Und die tiefe Schublade, in der man alles fand, wenn man nur lange genug suchte: Radiergummi, Bleistifte, eine Lupe, Klebstoff, Schnellhefter in verschiedenen Farben, \u00a0Briefpapier, \u00a0die unterschiedlichsten F\u00fcllhalter, ein Glas mit Tinte. Tintenpatronen. Wie oft hatte er als Buffet gedient, dieser Schreibtisch: Bei Geburtstagen, zu Weihnachten. Die Geschenke lie\u00dfen sich dekorativ auf ihm aufbauen. Besonders feines Geschenkpapier wurde zusammengefaltet in einer der Seitent\u00fcren aufgehoben. Ich strich ein kleines St\u00fcck roten Seidenpapiers glatt. Legte es zur\u00fcck. Von wann war es?<\/p>\n<p>Der schwere Wohnzimmerschrank mit seinen T\u00fcren und Schubladen! In der untersten Schublade lag noch immer die alte Spiele-Sammlung. Das Mensch-\u00e4rgere-dich-nicht-Spiel gab es auch noch. Zwei gl\u00e4serne Schiebet\u00fcren \u00fcber den Schubladen verliehen dem Schrank einen Anflug von Grazie. \u00a0Noch immer die B\u00fccher von einst, hinter den Glasscheiben. B\u00fccher, die au\u00dfer mir wohl nie jemand gelesen hatte. Sie waren von einem Buchclub. &#8222;Tiefer S\u00fcden&#8220; hatte mich sehr beeindruckt. Ich nahm ein Buch heraus. Lie\u00df die Seiten durch meine Finger gleiten. Wie fein das Papier damals war, hauchd\u00fcnn, fast wie Seide. Ich stellte das Buch zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ich war auf den Speicher gegangen. Die Geschichten dieses Speichers, ich hatte sie eines Tages aufschreiben wollen. Einer hatte sich dort erh\u00e4ngt. Ich hatte ihn gefunden, als ich die gro\u00dfe W\u00e4sche abnehmen sollte. Zwischen den wei\u00dfen Laken hatte ich seine Beine entdeckt. Es war einer der S\u00f6hne der Nachbarin aus dem Parterre. Eine Fl\u00fcchtlingsfamilie. Dieser Sohn &#8211; so hatte ich mitgeh\u00f6rt, sei ein Kunstf\u00e4lscher gewesen. Das Wort hatte mich \u00a0fasziniert. Was war Kunst? Und was war ein Kunstf\u00e4lscher. Das verstehst du noch nicht, hatte man mich abgefertigt. Eines Tages werde ich die Geschichte dieses Mietshauses schreiben, hatte ich gedacht, denn in das sch\u00f6ne neue Haus mit der Wiese drumherum war Papa l\u00e4ngst mit einer anderen Frau gezogen. Ich war nicht traurig, als er endlich aus der Wohnung ausgezogen war. F\u00fcr meine Mutter tat es mir leid. Das mit dem Haus und der anderen Frau. Aber in einem kleinen Mietshaus passierte doch viel mehr. Was sollte man allein in einem gro\u00dfen Haus anfangen?<\/p>\n<p>Die T\u00fcr unserer Mansarde klemmte noch immer. Zwischen allerlei Ger\u00fcmpel hatte ich in einer gro\u00dfen Schachtel, die wohl mal wei\u00df gewesen war, meine Tageb\u00fccher entdeckt. Gleich im Stehen angefangen zu lesen. Ein wenig. Ich w\u00fcrde sp\u00e4ter weiterlesen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht nie mehr. Eigentlich hatte ich sie l\u00e4ngst vergessen. Mit 16 hatte ich aufgeh\u00f6rt, Tagebuch zu schreiben.<\/p>\n<p>Mit spitzen Fingern \u00f6ffnete ich einen der beiden Schr\u00e4nke aus Kunststoff, in denen man Sachen verstaut hatte, die kein Mensch mehr brauchte, aber auch nicht wegwerfen wollte. Ich roch den vergilbten, pudrigen Abglanz des Parfums meiner Mutter, als ich das schwarze Abendkleid aus Taft auseinanderfalten wollte, doch es fielen mir nur Stoff-Fetzen entgegen. Das Modellkleid war \u00a0mit einer Schere zerschnitten worden. Dabei hatte ich j\u00e4h die Vision, ich h\u00e4tte das Kleid einst vor einem Schrank h\u00e4ngen gesehen. Und h\u00e4tte auch meine Mutter in dem Kleid gesehen. Es war eine undeutliche Erinnerung. Ich warf das Kleid zur\u00fcck in den Schrank aus Kunststoff, zog den Rei\u00dfverschlu\u00df zu, griff nach meinen Tageb\u00fcchern, verschlo\u00df die Mansarde, verlie\u00df den Speicher und ging zur\u00fcck in den ersten Stock in die Wohnung meiner Mutter. Das Haus war leer. Es wohnte niemand mehr in diesem Haus. Es war ohne Zentralheizung. Meine Mutter war die letzte Mieterin gewesen. Die Miete preiswert. Der \u00d6l\u00f6fen stank immer. Das Linoleum hasste ich. Wie auch die Teppiche, die die Einfachheit des Hauses, der Wohnung, kaschieren sollten. Mit den Jahren waren die Versch\u00f6nerungsversuche immer verzweifelter ausgefallen, schien mir. Die Tapeten mochte ich gar nicht erst anschauen. Die Vorh\u00e4nge erst recht nicht. \u00a0Statt einer echten Farbe Gro\u00dfgemustertes. Aber ich hatte nichts gesagt. \u00a0Meine Mutter war nie umgezogen. Seitdem sie mit ihrem Mann und mir, ich war wohl damals sieben Jahre alt, in diese 4 Zimmer-Wohnung umgezogen war. Es war zuallererst ein m\u00e4chtiger, goldschimmernder Kronleuchter angeschafft worden. Und nach und nach eine Einrichtung, die Wohlstand ausstrahlen sollte. An die alte Wohnung, in der ich wohl geboren war, erinnerte ich mich sehr gut. Dabei war ich doch noch so klein gewesen. Dort war das Br\u00fcderchen gestorben. Keine zwei Jahre alt.<\/p>\n<p>Ich erinnerte mich an die Schreie meiner Mutter nach ihrem verstorbenen Jungen, und an meine furchtbaren Ohrenschmerzen. Es war eine Mittelohrentz\u00fcndung. Und dass ich mich unter der bodenlangen Tischdecke versteckt hatte. Weil ich lebte. Wof\u00fcr ich mich sch\u00e4mte. Ich erinnerte mich daran, dass ich in der schlauchartigen, l\u00e4nglichen K\u00fcche mit dem Herd, der eine angenehme W\u00e4rme verbreitete, auf einen Schemel gestiegen war, so oft, um aus dem Fenster hinausblicken zu k\u00f6nnen. Mein Blick fiel auf einen schmalen Garten mit ein paar vereinzelten Blumen. Er hatte so einsam gewirkt, dieser kleine, \u00e4rmliche Garten. Aber ich hatte die Blumen gez\u00e4hlt. Und ich erinnerte mich daran, dass in dieser K\u00fcche ein Huhn geschlachtet worden war. Wie ihm der Kopf abgehackt worden war. Und wie dieser kleine K\u00f6rper des Huhns noch lange gezittert hatte. Aber ich durfte nicht weinen. Und pl\u00f6tzlich erinnerte ich mich daran, wie an einem Heiligen Abend, nachdem meine Mutter schon aufgegeben hatte, auf meinen Vater zu warten, und in diesem Herd die Glut fast ausgegangen war, die Kerzen des d\u00fcrren Weihnachtsbaums so gut wie niedergebrannt, mein Vater heimgekommen war, eine geschlachtete Gans unter dem einen Arm und einen schwarzen Sch\u00e4ferhundwelpen unter dem anderen, und alle Beklommenheit von mir gefallen war, meine Mutter wieder gelacht hatte und ich \u00fcbergl\u00fccklich, einen Hund zu Weihnachten als Geschenk bekommen zu haben. Sp\u00e4ter hatte mein Vater diesen Hund erschossen. Weil er mein ein und alles war. Nein, er hatte ihn erschie\u00dfen lassen. Es nie eingestanden. Ich hatte es herausgefunden. Einer der Arbeiter meines Vaters hatte es mir schlie\u00dflich verrate. Ich war dreizehn Jahre alt. Die Eltern lebten in einem Scheidungskrieg. Es war so furchtbar, dass ich nicht einmal in meinem Tagebuch dar\u00fcber geschrieben hatte. Es war der Tag, an dem ich wu\u00dfte, ich konnte diesen Eltern nie mehr vertrauen.<\/p>\n<p>*Fortsetzung folgt: vielleicht&#8230;.<\/p>\n<p>AUSSEN VOR<\/p>\n<p>9.11. 2017 \/ 01:24, auf Donnerstag.<\/p>\n<p>Erstes Kapitel<\/p>\n<p>Sie waren grell, die Farben. Zugleich schienen sie stumpf, matt, wie achtlos aufgetragen, Farben, wie sie auf angestaubten, mit raschen Pinselstrichen \u00fcbermalten Pappw\u00e4nden von Kulissen zu finden sind, backstage, nach Ende der Saison. Eine Sonne, rund, eidottergelb, woll\u00fcstig schaukelnd in s\u00fc\u00dflichen Limonaden aus Regenbogenfarben. Gl\u00fchend. Kochend, erbarmungslos. Der Himmel in verwaschenem Babystramplerblau. Doch das Wasser! Das Wasser, dieses Meer, spr\u00fchte metallisch, spuckte graue Gischt, zuckte, atmete, bebte, zitterte, mit schaumigem Maul, wie ein Rennpferd, vor dem Start. Der Himmel \u00a0ver\u00e4nderte sich. Wurde fahl. \u00a0Das schieferne Meer ausgestreckt, glatt wie ein \u00d6lteppich. Ich lehnte an der Felswand, am Ende des Strands.<\/p>\n<p>Es begann sich zu bewegen. Das Meer. Als ob dieser endlose Teppich aus \u00d6l sich zusammenzog, kr\u00e4uselte, die glatte Fl\u00e4che zerbrechend, zerbr\u00f6selnd, wie eine br\u00fcchig gewordene Leinwand. Es schlich sich an. Kroch mit breiten, grauen Zungen \u00fcber den menschenleeren Strand, lauernd, t\u00fcckisch, zielbewu\u00dft, und tonlos. Als sei ein Radio ausgeschaltet worden. Als ob du Dein Geh\u00f6r verloren h\u00e4ttest. Kein Laut, nirgends. Kein einziger M\u00f6wenschrei. Kein Rascheln im Sand. Kein Fl\u00fcgelschlag. Kein Wind. Auch die Luft stand still. \u00a0Das Wasser kam n\u00e4her. Erreichte meine Zehen. Meine F\u00fcsse. Schlingerte meine Waden hoch. Warm, glitschig. Jetzt schwappte es an meinen Oberschenkel, \u00fcberflutete meinen Scho\u00df, umfing meine Taille, t\u00e4tschelte den Busen, den Hals und dann &#8211; ein \u00fcberdimensioniertes, schmatzendes Glucksen, wie alle Lautsprecher auf Maximum gedreht, f\u00e4delte sich das Wasser in meinen Mund, in meine Nasenl\u00f6cher, meine Ohren. Ich wollte schreien, aber das Wasser rann in meine Kehle, f\u00fcllte meinen K\u00f6rper, machte mich stimmlos.<\/p>\n<p>Ich erwachte. Todesangst. K\u00e4lte im Zimmer. Dunkelheit. Neben mir tiefe Atemz\u00fcge. Er schlief. Ich f\u00fchlte mich klamm und nass. Die Panik pochte in meinen Ohren. \u00a0Ich lag ganz steif. Ich wollte ihn nicht wecken. Aber ich w\u00fcnschte mir, er w\u00fcrde jetzt wachwerden, von allein, und mich w\u00e4rmen. In den Arm, in beide Arme nehmen, mich an seinen schlafwarmen K\u00f6rper dr\u00fccken, mich festhalten und w\u00e4rmen, mir beruhigede Worte ins Ohr fl\u00fcstern, bis die Angst \u00a0verscheucht war. Und ich begriffen hatte, es war nur ein Traum. Ein m\u00f6rderischer Traum. Ich hatte abends die Nachrichten im Radio geh\u00f6rt. Sie hatten von \u201eSeenebel\u201c gesprochen, das Wort hatte sich in meine Seele eingekerkert, \u00fcbte eine unerkl\u00e4rliche Anziehungskraft auf mich aus. Es war mir eigentlich fremd, das Wort, es klang unheimlich, Bilder von Geisterschiffen tauchten auf, und ich sp\u00fcrte die Beklemmung der Mannschaft: Mitten auf dem Meer, im Nebel, auf einem schwankenden Kahn, einem orientierungslos gewordenen Schiff. Nur die sensorischen Augen des Kompasses.<\/p>\n<p>Doch mein Mann wachte nicht auf. Seine Atemz\u00fcge, tief und regelm\u00e4\u00dfig. Im Zimmer aber war es kalt und nachtschwarz. Ich rollte mich vorsichtig auf die Seite, ihm den R\u00fccken zu, zog meine Decke \u00fcber die Augen, das hatte ich als Kind immer gemacht, um mich vor der Welt zu verstecken, versuchte wieder einzuschlafen. Dieses letzte Bild zu verdr\u00e4ngen, wie das Meer endg\u00fcltig von mir Besitz ergriffen hatte, mich in einer dunklen Woge, die den weit ausladenden Schwingen eines Raubvogels glich, oder eines Engels, in die Tiefe gerissen hatte.<\/p>\n<p>Ich hatte mich darauf gefreut, in die N\u00e4he des Meeres zu ziehen. Es war nur eine knappe Autostunde bis zum Meer, keine Tagesreise, wie zuvor.<\/p>\n<p>Ich liebte das Meer. Wie es kam und ging, die Nordsee. Und ich liebte meinen Mann, vor allem. \u201eMein Mann\u201c, welch merkw\u00fcrdiges Wort, als geh\u00f6re einem der andere jetzt, durch ein St\u00fcck Papier auf dem Standesamt. Sechzehn Tage verheiratet, und seit zwei Tagen umgezogen. Weit weg, die alte Umgebung, meine Umgebung.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6rte den Wind um das Haus heulen, dessen W\u00e4nde mir pl\u00f6tzlich d\u00fcnn und br\u00fcchig erschienen. Ein Ferienhaus. Im Januar. Ofenheizung.\u00a0 Abseits gelegen. Als \u00dcbergangsl\u00f6sung. Bis das Haus, das wir mieten wollten, frei war. Eine Notl\u00f6sung. Denn schon in ein paar Tagen sollte mein Mann seinen neuen Posten antreten. Bei einem Fernsehsender. Ein neues Format. Einer gro\u00dfen Show, die alle zwei Wochen live ausgestrahlt werden sollte. Gute drei\u00dfig Kilometer von unserer Gartenh\u00fctte, wie ich das Haus nannte, entfernt. Ich w\u00fcrde mit dem Rad in das n\u00e4chste Dorf fahren, um neue Vorr\u00e4te einzukaufen. Meinen Wagen hatte ich verkauft.<\/p>\n<p>Er ber\u00fchrte mich, fr\u00fch am Morgen, als ich noch schlief. Ich sp\u00fcrte seine Lust, dr\u00e4ngend.<\/p>\n<p>\u201eNoch geschlossen!\u201c murmelte ich und r\u00e4kelte mich,<\/p>\n<p>Er schob mein Nachthemd hoch, seine fiebrigen H\u00e4nde tasteten \u00fcber meine nackte Haut.<\/p>\n<p>\u201eDu hast den sch\u00f6nsten K\u00f6rper der Welt!\u201c fl\u00fcsterte er.<\/p>\n<p>\u201eUnd Deine Kurven sind lebensgef\u00e4hrlich!\u201c<\/p>\n<p>Ich lachte leise.<\/p>\n<p>Ja, ich mochte meinen flachen Bauch, der sich wie eine Talmulde zwischen den beiden H\u00fcftknochen erstreckte, und meine Taille. Auch meine Br\u00fcste gefielen mir. Sie waren nicht zu gro\u00df und nicht zu klein. Und meine Beine waren gerade und lang. Ich hatte mir eigentlich nie besondere Gedanken \u00fcber meine Formen gemacht. Die Resonanz kam von au\u00dfen. Und es konnte durchaus l\u00e4stig sein. Meine schl\u00e4frigen Gedanken rissen ab&#8230;er, mein Mann, wu\u00dfte, wie er mich wecken konnte, wie meine Schl\u00e4frigkeit beinah \u00fcbergangslos einer Lust wich, einer Gier, als w\u00fcrde ein Vorhang weit aufgerissen und das Paar lag nackt auf einer leeren B\u00fchne, von einem blutroten Lichtkegel angestrahlt. Nichts st\u00f6rt die Lust. Niemand. Sie sind allein, nur sie beide sind auf dieser B\u00fchne. Er hatte seine H\u00e4nde unter meinen Hintern geschoben und begonnen, mit seiner Zunge meine Schamlippen zu teilen, seine Z\u00e4hne bissen zu, ein wenig, ich schrie auf, kurz, er leckte er mich mit kleinen, heftigen Zungenst\u00f6\u00dfen, als sei ich eine Frucht, die man ausl\u00f6ffelt.<\/p>\n<p>\u201eKomm zu mir!\u201c keuchte ich \u2013<\/p>\n<p>Aber ich wu\u00dfte, er w\u00fcrde erst in mein Inneres kommen, zu mir, in mich kommen, \u00a0wenn seine l\u00fcsterne Zunge mir den ersten eruptiven H\u00f6hepunkt geschenkt hatte. Und es gab diesen point of no return, wo er nicht mehr aufh\u00f6ren durfte, ich nichts mehr dachte, alles Blut aus meinem Kopf in meine Lenden geflossen war, sich alle Nerven zusammengezogen hatten, bis aufs \u00c4u\u00dferste konzentriert in einer fernen Welt, bis meine H\u00fcften in Ekstase hochschossen, und ich schrie, seinen Mund f\u00fcr eine Sekunde noch fester in meinen Scho\u00df presste, mit beiden H\u00e4nden, um dann, als mein Sein zu tausend Monden hochflog \u2013 seinen Kopf wegschob \u2013 beiseite schob, zwischen Weinen und Lachen, \u00a0ersch\u00fcttert, fliegend. Er lie\u00df mir nur ein paar Sekunden, dann besuchte er endlich unser inneres Haus, unser gemeinsames Sein, mit einem Teil seines K\u00f6rpers, f\u00fcr den ich das Wort Penis meide, weil es so medizinisch\u00a0 klingt, \u00a0so steril, so n\u00fcchtern&#8230;Ich sog ihn ein, nahm ihn in mich auf, sp\u00fcrte, wie er in mich glitt, in mir wohnte&#8230;meine Beckenmuskeln umfingen ihn, hart, gierig, er st\u00f6hnte auf, er \u201ekam\u201c innerhalb\u00a0 von Sekunden, wie die Sprache schn\u00f6rkellos diese Sekunde der Ewigkeit, der selbstvergessenen Seligkeit, des intimsten Teilens, umschreibt. Wir blieben ineinander verschlungen liegen, ich wei\u00df nicht mehr, wie lange. Irgendwann wurde mir kalt. Und ich zog die Decke \u00fcber unsere K\u00f6rper. Mein Mann war noch einmal eingeschlafen. Er hatte noch zwei Tage frei, dann begann seine neue Arbeit als Regisseur einer Fernsehshow.<\/p>\n<p>Wir hatten uns auf der Weihnachtsfeier unseres damaligen Senders kennengelernt, war es vor zwei oder drei Jahren?<\/p>\n<p>Es war Winter. Dezember. Dunkel. Kalt. Kerzenlicht. Weihnachtsfeiern. Gl\u00fchweinduft. Alles gratis. Die Firma, der Sender, hatte eingeladen. Die wei\u00dfbefrackten Kellner balancierten auf silbernen Tablets den dampfenden Gl\u00fchwein, servierten t\u00e4nzelnd, elegant, mit einem s\u00fcffisanten L\u00e4cheln, als w\u00fc\u00dften sie Bescheid. Die Firma hatte die Tische in der Kantine zu langen Reihen zusammengeschoben. Wei\u00dfe Tischdecken. Adventsgestecke mit roten Kerzen. Es sollte gem\u00fctlich wirken, sozusagen. Anheimelnd. So sollte es auch sein. Sich kennenlernen. Sich n\u00e4herkommen. Das Betriebsklima intensivieren, verbessern. Mein Gegen\u00fcber trug eine dicke Brille, die Augen dahinter wirkten vergr\u00f6\u00dfert. Ich beobachtete unwillk\u00fcrlich, wie der Mann sich eine Zigarette drehte. Seine H\u00e4nde. Nicht zu gro\u00df, kraftvoll, kultiviert, leicht gebr\u00e4unt. Verstohlen dachte ich, wie es sein w\u00fcrde, wenn diese H\u00e4nde eine Frau ber\u00fchrten. Ich sp\u00fcrte, wie ich err\u00f6tete. Schon die Gedanken daran waren verboten. Das Gebot des m\u00fctterlichen Calvinismus hatte zum t\u00e4glichen Dessert geh\u00f6rt: \u201eKomm mir blo\u00df nicht mit einem unehelichen Kind heim!\u201c<\/p>\n<p>Es war die Art, wie der Mann die Zigarette drehte. Gleichsam z\u00e4rtlich, als sei es ein K\u00f6rper, strichen die Finger des fremden Mannes das wei\u00dfe d\u00fcnne Papier \u00fcber dem Tabak glatt, ehe seine Zunge langsam \u00fcber den Klebestreifen fuhr; ich blickte wie ertappt zur Seite. Hatte ich den Mann vorher schon einmal gesehen? Vielleicht. Dann und wann, mittags, in der Kantine. Fl\u00fcchtig. Er mochte\u00a0 beim Fernsehen sein. Ich arbeitete f\u00fcr den H\u00f6rfunk. Die Abteilungen lagen weit voneinander entfernt. Die riesigen Fernseh-Studios brauchten Platz. Und die \u00dcbertragungs-Trucks. Dann die B\u00fcro-Etagen der Redaktionen und der Verwaltung. Allein die HoLi (Honorar- und Lizenzabteilung) beanspruchte ein Geb\u00e4ude nur f\u00fcr sich allein. Doch, das Gel\u00e4nde konnte als weitl\u00e4ufig bezeichnet werden. Und so war es nicht ungew\u00f6hnlich, dass man sich bei der allj\u00e4hrlichen Weihnachtsfeier vielleicht das erste Mal \u00fcber den Weg lief, auch wenn man schon Jahre im selben Haus t\u00e4tig war. Ich selbst war erst seit knapp zwei Jahren am Sender. Ich war stolz darauf. Denn ich hatte Erfolg. Mit meinen Gedanken, und entsprechend meinen Sendungen. Egal. Weihnachtsfeier! Jetzt! Anno 1975. Ich betrachtete unentwegt den durch seine Brille eher distanziert wirkenden Mann mir gegen\u00fcber, der so hingebungsvoll und zugleich distinguiert die Herstellung seiner Zigarette zelebrierte. Sie nun an beiden Enden mit der Fingerkuppe seines Zeigefingers abklopfte, noch ein paar widerspenstige Kr\u00fcmel Tabak wegzupfend. Ich wartete gespannt darauf, dass er sie nun anz\u00fcndete, die Kippe, und wie er sie anz\u00fcndete, ob er ein Feuerzeug benutzte, oder ob er Streichh\u00f6lzer aus seiner kleinen dunkelbraunen Ledertasche ziehen w\u00fcrde, die neben ihm auf dem Tisch lag. Ich sah f\u00f6rmlich, wie die Flamme vom Z\u00fcndholz hochsprang, roch den Schwefel, das Feuer. Und es mu\u00dfte dann rasch sein, das Anz\u00fcnden der Zigarette, sonst verbrannte man sich die Fingerspitzen. Oder wenn man nicht aufpasste, versengte das Feuer einem die Haarspitzen, wenn man sich \u00fcber das dargebotene, brennende Z\u00fcndholz beugte.<\/p>\n<p>Doch der Mann z\u00fcndete seine gerade gedrehte Zigarette nicht an.<\/p>\n<p>Stattdessen legte er sie auf den Tisch, schaute mich an, und fragte:<\/p>\n<p>\u201eDarf ich Ihnen eine Selbstgedrehte anbieten?\u201c<\/p>\n<p>Ich wurde rot.<\/p>\n<p>\u201eSie beobachteten mich so intensiv, dass ich davon ausgehe, dass Sie ebenfalls rauchen, und auf eine Selbstgedrehte scharf sind?!\u201c<\/p>\n<p>Ein unbestimmtes L\u00e4cheln in seinen Mundwinkeln. Der Hauch eines ironischen Untertons in seiner Stimme. Seine Stimme passt zu seinen H\u00e4nden, dachte ich. Versuchte, dem Klang nachlauschend, instinktiv zu orten, woher der Mann kam. Hochdeutsch, ja. Aber eine Tonf\u00e4rbung, so schien mir, die einer anderen Region entstammte.<\/p>\n<p>\u201eWoher kommen Sie?\u201c fragte ich.<\/p>\n<p>Er nahm seine Brille ab. Ohne die Brille wirkte sein Gesicht weicher, nein, schmaler, verletzlicher, dachte ich. Seine Augen, \u00a0jetzt unverh\u00fcllt, blickten fast tr\u00e4umerisch, dachte ich, grau-blau, mit langen dunklen Wimpern. Als h\u00e4tte jemand die Augen mit einem dunklen Kajalstift umrandet. Ich f\u00fchlte mich benommen. Hatte ich bereits den dritten Gl\u00fchwein konsumiert? Viel zu schnell? Um meine Nervosit\u00e4t \u2013 oder war es Sch\u00fcchternheit, zu bet\u00e4uben? Und ich hatte noch nichts gegessen. Dabei war das rustikale Buffet l\u00e4ngst er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>\u201ePardon, falls ich die falsche Frage gestellt habe!\u201c grinste ich, hoffentlich nicht zu verlegen.<\/p>\n<p>\u201eDas passiert mir oft, dass ich die falschen Fragen stelle!\u201c f\u00fcgte ich hinzu. Abwartend. Er antwortete nicht.<\/p>\n<p>Er nahm die Zigarette, drapierte sie mit einer ironischen Geste der Grandezza auf eine der wei\u00dfen Servietten, die er aus einem der Becher gez\u00fcckt hatte,\u00a0 Becher, mit weihnachtlichen Motiven, die auf den Tischen in genau austarierten Abst\u00e4nden standen, und schob sie zu mir her\u00fcber:<\/p>\n<p>\u201eBitte sehr!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDanke!\u201c<\/p>\n<p>Klang es ironisch? Mokant? Vielsagend? Ich wu\u00dfte es nicht mehr.<\/p>\n<p>Mein Gegen\u00fcber neigte sich zu mir her\u00fcber. Reichte mir Feuer. Mit einem goldenen Feuerzeug. Es \u00f6ffnete sich mit einem dezenten Klicken. Unsere H\u00e4nde ber\u00fchrten sich, als die Flamme sich der Zigarette n\u00e4herte, w\u00e4hrend ich mit der anderen Hand meine Haare aus dem Gesicht strich, und den Blick senkte, um mich auf die Flamme zu konzentrieren. Meine Hand zitterte leicht.<\/p>\n<p>Ich nahme den ersten Zug \u2013 blickte von unten zu ihm hoch und sagte:<\/p>\n<p>\u201eDanke. Schmeckt gut!\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlles klar!\u201c\u00a0 sagte er trocken.<\/p>\n<p>\u201eM\u00f6chten Sie auch einen Zug?\u201c fragte ich.<\/p>\n<p>Er nickte wortlos.<\/p>\n<p>Ich reichte ihm die Zigarette. Unsere H\u00e4nde ber\u00fchrten sich.<\/p>\n<p>Er hielt meine Hand fest.<\/p>\n<p>\u201eEigentlich darf man hier im Saal nicht wirklich&#8230;.rauchen&#8230;!\u201c<\/p>\n<p>Ich nickte.<\/p>\n<p>\u201eWir k\u00f6nnten drau\u00dfen auf der Terrasse weiterrauchen?\u201c<\/p>\n<p>Ich nickte. Griff nach meiner Handtasche.<\/p>\n<p>\u201eWann sehen wir uns?\u201c fragte er.<\/p>\n<p>\u201eMorgen, zum Fr\u00fchst\u00fcck?\u201c<\/p>\n<p>Ich klang k\u00fchn. War ich das wirklich?<\/p>\n<p>\u201eIch wohne in der N\u00e4he. So gegen elf?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn du mir deine Telefonnummer gibst?\u201c<\/p>\n<p>Ein spontanes Rendez-Vous mit einem Mann, von dem ich nichts wu\u00dfte, au\u00dfer, dass er aufreizende H\u00e4nde hatte, eine Kippe zur Perfektion zu drehen verstand, und sehns\u00fcchtige Augen besa\u00df! Das lag alles am Dezember. Der Gl\u00fchwein. Weihnachten vor der T\u00fcr und das Neue Jahr. Alles unwirklich.<\/p>\n<p>Ich besa\u00df ein ausgepr\u00e4gtes Faible f\u00fcr hauchd\u00fcnne, hochstielige, Sektkelche. Und hatte daher auch fast immer eine Flasche Champagner im K\u00fchlschrank. Oder doch zumindest einen besseren Sekt. Was w\u00fcrde ich anziehen? Sollte ich meine blondbraunen Haare hochstecken? Mein Profil konnte sich sehen lassen. Jedenfalls von der einen Seite.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht mehr, was ich trug, wie ich meine Haare drapiert hatte. Es kam auch zu keinem noch so winzigen Schluck schwarzen Kaffees aus der grazilen Tasse des wei\u00dfen Porzellans aus Limoges, und es kam auch zu keinem Bi\u00df in das echt franz\u00f6sische Croissant, es war noch ofenwarm, als er kam, und erst recht kam es zu keinem Versuch eines wie auch immer gearteten Small-Talks.<\/p>\n<p>Er stand in der T\u00fcr. Nahm die Brille ab, schob sie in seine Winterjacke aus dunkelgr\u00fcnem Stoff. Ich zog ihn herein, schlo\u00df die Haust\u00fcr. Wir kamen nicht weit. Wir kamen nicht einmal bis in eines der Zimmer. Noch im Flur l\u00f6ste er meine Haare auf (ich\u00a0 hatte sie wohl doch hochgesteckt), noch im Flur ri\u00df ich ihn aus seiner Jacke, zog den Rei\u00dfverschlu\u00df seiner Jeans herunter, liebkosten meine Lippen ungest\u00fcm seinen Penis. Er roch gut. Doch der Mann nahm mich hoch, zog den Rei\u00dfverschlu\u00df hoch,\u00a0 l\u00e4chelte sein unbestimmtes L\u00e4cheln, ich \u00f6ffnete eine T\u00fcr, es war mein Schlafzimmer.<\/p>\n<p>Ich habe alles vergessen, au\u00dfer, und das werde ich niemals vergessen, nein, nie h\u00e4tte ich gedacht, dass es &#8211; !\u00a0 Es war nicht so, dass ich nachher gl\u00fccklich war. Ich war auch nicht ungl\u00fccklich. Ich war \u2013 \u00fcberw\u00e4ltigt.\u00a0 Herrenlose Worte f\u00fcr z\u00fcgellose Gef\u00fchle..? Ich fand keine. Wozu auch? Als wir endlich den Champagner aus den s\u00fcndhaft teuren, hauchd\u00fcnnen, schlanken, hohen Sektkelchen in kleinen Schl\u00fcckchen tranken, uns dabei anstarrend, wie in Trance, war es fast dunkel drau\u00dfen. Die Dezembertage waren kurz. Um vier Uhr war es schon dunkel. Oder fast. Wir lagen ausgestreckt auf meinem Bett, nackt, die Bettw\u00e4sche aus Satin, in Ros\u00e9 und Lila, auf den Boden gerutscht, zerkn\u00fcllt, verschwitzt, ich f\u00fchlte mich wie von einer\u00a0 Welle auf einen samtenen Strand geschleudert, ich hatte die mir unbekannte Lust genossen, hemmungslos, das Liebesspiel auskostend, mich hingebend, ohne Vorbehalt, mich davontragen lassend, ich f\u00fchlte ich mich wie ein erlegtes Wild: Wehrlos. Ausgeliefert. Schlimmer: \u201e &#8230;ihm, dem Mann, den ich nicht kannte, willenlos ergeben\u201c. Nein \u2013 verfallen! War das richtige Wort.<\/p>\n<p>Als h\u00e4tte er meine Gedanken gelesen, streichelte er erneut und behutsam meine noch immer steinharten Brustwarzen. Er stellte den Sektkelch beiseite und tastete mit seiner anderen Hand wieder zu meinem Scho\u00df. In meinen Scho\u00df. Dann rutschte er, meine Br\u00fcste, meinen Bauch, meinen Nabel k\u00fcssend, mit seinem Mund in meinen Scho\u00df \u2013 schenkte meinem Scho\u00df ein Schl\u00fcckchen k\u00fchlen Champagners, ehe er mich mit seiner herrischen und gierigen Zunge ausschl\u00fcrfte, zwischendurch kleine Bisse,\u00a0 ich schrie auf, er sog an meinem Venush\u00fcgel, als wolle er mich bis zum letzten Tropfen aussaugen, ich schrie, ich st\u00f6hnte, ich keuchte, der erneute H\u00f6hepunkt&#8230;.Springflut, G\u00e4nsehaut, von oben bis unten, fly me to the moon, ja! Du hast es getan!\u00a0 Der Mann..g\u00f6nnte mir eine kurze Pause, leckte mich dann weiter, nun tastend, vorsichtig, er wu\u00dfte, dass die Wucht meines Orgasmus den Durst meiner Lust gestillt hatte&#8230;dass meine Glieder sich entspannten, dass meine Gier ruhiger geworden war, das wilde Tier, f\u00fcr einen Augenblick&#8230;.ja, er g\u00f6nnte mir eine Pause: lie\u00df seine Zunge ruhen. Bewegungslos. Zwischen meinen gro\u00dfen Schamlippen. In meinem Scho\u00df. Seine Finger lagen auf meinen Brustwarzen. Einfach nur so.\u00a0 Neues Verlangen entflammte. \u00a0Ich stammelte, schluchzte, flehte, fl\u00fcsterte, schrie: \u201eMehr, mehr, mehr, mehr!\u201c<\/p>\n<p>Seine Zunge blieb ruhig. Seine H\u00e4nde auf meinen Br\u00fcsten blieben unbeweglich. Es machte mich rasend: War es das, was sie als \u201eWollust\u201c beschrieben? Doch dann begann sich seine Zungenspitze zuckend durch die Landschaften meiner\u00a0 &#8211; er sagte \u2013 \u201eM\u00f6se\u201c &#8211; zu schl\u00e4ngeln, ich erschauerte. Dann beherrschte auch er sich nicht l\u00e4nger: Er durfte und konnte seine orale Begierde mit seinem Mund, seiner Zunge, seinen Z\u00e4hnen in meinem Scho\u00df ausleben, ich lie\u00df ihn gew\u00e4hren, er schenkte mir nie erlebte Gef\u00fchle, mein K\u00f6rper, meine Sinne antworteten mit ungekannter, bedingungsloser Hingabe. Allm\u00e4hlich wanderten seine H\u00e4nde, die meine H\u00fcften festgehalten hatten, w\u00e4hrend seine Zunge jetzt begann, in kurzen, kr\u00e4ftigen, Bewegungen in meine Vagina zu dringen, meine Vagina auszulecken, er dabei leise grunzende Laute von sich gab, ich mich in erneuten Kaskaden der Lust verlor, wanderten seine H\u00e4nde zu meinem Hintern, H\u00e4nde, diese H\u00e4nde,\u00a0 verf\u00fchrerische H\u00e4nde, Finger, die sich in aufreizender Langsamkeit in Geheimnisse vortasteten, hineintastend, mir stockte der Atem. Sein Kopf, der in meinem Scho\u00df lebte, seine zuckende Zunge in der Schlucht meiner unendlichen Lust, sein Mund, der schmatzte, seine Z\u00e4hne, die mit kleinen Bissen immer wieder eine neue Wollust eines kurzen spitzen Schmerzes in mir hervorriefen, es war, als wolle er meinen Scho\u00df und meine Vagina verschlingen, und seine H\u00e4nde, seine sch\u00f6nen, sinnlichen H\u00e4nde, mit den schlanken, aber kr\u00e4ftigen Fingern, die jetzt die die D\u00fcnen und Berge meines Hinterns vorsichtig erkundeten, ich h\u00f6rte meinen tiefen Seufzer: \u00a0ich w\u00fcrde zur\u00fcckbleiben, ausgeleckt, ausgesogen, zerbissen, ausgewaidet. Ein ekstatisches, wundes Wild. Alles geh\u00f6rt dir, alles, fl\u00fcsterte ich, und dr\u00fcckte seinen Kopf noch fester in meinen Scho\u00df. Dann lie\u00df der Mann ab von meinem Scho\u00df, drehte mich um, warf mich auf den Bauch, streichelte mit beiden H\u00e4nden meinen R\u00fccken, k\u00fcsste mich zart in die Mulde zwischen R\u00fccken und Po, und begann, \u00fcbergangslos, meinen Hintern zu lecken. Etwas in mir zuckte zur\u00fcck, Scham, Tabu, moralische Abwehr, instinktiv, aber seine H\u00e4nde hielten meine H\u00fcften fest umklammert und sein woll\u00fcstiges St\u00f6hnen lie\u00df mich die Abwehr, eine anerzogene, sicherlich, eine kulturelle, sicherlich \u2013\u00a0 vergessen, mich selbst vergessend, alles vergessend, zugleich, w\u00e4hrend der Mann woll\u00fcstig meinen Arsch leckte, schoben seine Finger sich schon wieder zwischen meine Schamlippen, wo eben noch seine gierige Zunge geleckt hatte, seine Z\u00e4hne zugebissen hatten, diese Finger kreisten zwischen den von der Lust aufgebl\u00e4hten und halbwunden Schamlippen, nass von den Absonderungen einer uners\u00e4ttlichen Gier und von Champagner, und nahmen ein ganz klein wenig jenen H\u00fcgel der Lust, der unpoetisch \u201eKitzler\u201c\u00a0 hei\u00dft, zwischen Daumen und Zeigefinger, um mir einen kurzen s\u00fc\u00dfen Schmerz der Lust zuzuf\u00fcgen, sogleich wieder streichelnd, beruhigend, und weiter wandernd, hin zu jener himmlischen\u00a0 Pforte, meine Vagina!\u00a0 mit zwei Fingern, als wollten sie sie weiten. Aber die Pforte war ge\u00f6ffnet, alles in mir war weit ge\u00f6ffnet, etwas in mir fragte sich fl\u00fcchtig, ob er vielleicht gar nicht selbst zu mir kommen wollte? Er lutschte noch immer an meinem Hintern, schien mir dort einen Knutschfleck zu verpassen.\u00a0 Mein aufgeregter Atem kam kaum noch mit. Ich hechelte. \u00a0Er hatte mir bereits alles gegeben. Wollte er selbst sich mir nicht hingeben?\u00a0 War\u00a0 es ihm vielleicht zu viel N\u00e4he? Und wieso fing ich pl\u00f6tzlich an zu denken!\u00a0 Als ob er meine aufkommende Verunsicherung gesp\u00fcrt h\u00e4tte, vertiefte der Mann seine Finger in meiner Vagina und tauchte nun wieder mit seiner Zunge in meinen Hintern ein. \u00a0Ich h\u00f6rte meinen Atem,\u00a0 mein Gurren, mein Fauchen, mein Aufschreien, \u00a0dazwischen Aufschluchzen fast, es war mehr, als ich mir jemals h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen, was ich gerade erlebte, und\u00a0 pl\u00f6tzlich hatte ich genug. Der Zenit der Lust war mehr als einmal \u00fcberschritten&#8230;ich wollte jetzt in Ruhe gelassen werden. Fast lachte ich bei diesem Gedanken. Dieser Gedanke war wohl erlaubt, nach all den vielen Stunden, in denen wir hemmungslos gefickt hatten? Oder fiel das noch unter \u201ePetting?\u201c Ich h\u00e4tte gerne gelacht, entspannt, gl\u00fccklich, aber ich sp\u00fcrte, der Mann war noch nicht so weit, es h\u00e4tte ihn sicher verletzt, wenn ich unversehens gelacht h\u00e4tte, da war noch eine Gier in ihm, die ich sp\u00fcrte, und die mich zugleich neugierig werden lie\u00df? W\u00fcrde er seinen Schwanz noch in mich stecken, oder nicht? Ich wollte ihn sp\u00fcren. Ihn kennenlernen. Aber wir hatten Zeit&#8230;und ich hatte nicht gewu\u00dft, dass es auch einen analen Orgasmus gibt, oder wie bezeichnet man dieses s\u00fc\u00dfe Gef\u00fchl der Verzuckung und Verz\u00fcckung&#8230;..und es wie aus Dir herausrinnt, dein weibliches Sperma, ich sage Nektar dazu&#8230;.<\/p>\n<p>Jetzt aber drehte ich mich um, mit dem Lachen eines Raubtiers \u2013 den Rachen weit ge\u00f6ffnet und befreite mich mich von den H\u00e4nden und der Zunge dieses Mannes, der, so dachte etwas in mir, ich war keine Psychologin, einen Hang zum Oralen hatte, zweifelsfrei. Wie gut mir das tat..!\u00a0 Aber nun war es genug.<\/p>\n<p>Denn nun wollte ich aktiv werden! \u00a0Ich begann, den Mann zu k\u00fcssen und zu streicheln, mit kleinen Bissen, von seinem Hals bis hinab zu seinem Penis, der hart von seinem K\u00f6rper abstand. Ich lie\u00df meine Zunge um die Eichel kreisen, begann zu saugen, er st\u00f6hnte auf, aber zog mich wieder hoch, zu sich,\u00a0 k\u00fcsste meinen Hals,\u00a0 die feuchten Haare in meinem Nacken, griff zum Champagner. Er war noch k\u00fchl. Ich hatte den Sektk\u00fcbel bis zum obersten Rand mit Eis gef\u00fcllt. Der Mann schenkte mir ein Glas Champagner ein und reichte es mir. Ich prostete ihm zu. Sein Mund kehrte zur\u00fcck zu meinem Gesicht, seine Zunge jetzt verspielt in meinem Ohr, dann fl\u00fcsterte der Mann:<\/p>\n<p>\u201eLeg Dich hin, auf den R\u00fccken, mach gar nichts!\u201c<\/p>\n<p>Ich legte mich flach auf den R\u00fccken, auf das schwei\u00dfnasse und champagnerdurchtr\u00e4nkte Bett. Er rutschte hinab zu meinen F\u00fcssen. Begann, meine Fu\u00dfsohlen zu lecken, und die Zehen, ich schrie auf \u2013 \u201eH\u00f6r auf! Bitte. Ich halte es nicht mehr aus! Es ist zu viel..!\u201c<\/p>\n<p>Er lachte ein wenig, dunkel, ein bisschen gemein,\u00a0 dann schob er meine Beine auseinander.<\/p>\n<p>\u201eBitte mach nichts!\u201c raunte er.<\/p>\n<p>\u201eSei wie eine teilnahmslose Puppe! Sei meine Puppe!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch versuche es!\u201c<\/p>\n<p>Nach den H\u00f6henfl\u00fcgen orgiastischster Gef\u00fchle war ich ges\u00e4ttigt, ein wenig ersch\u00f6pft, ein wenig beschwipst, es w\u00fcrde mir nicht schwerfallen, seinen Wunsch zu erf\u00fcllen, hoffte ich.<\/p>\n<p>\u201eDarf ich?\u201c fragte er. \u201eDarf ich mit der Puppe spielen, ja?\u201c<\/p>\n<p>Klar! Ich war neugierig. Ich hatte keine Ahnung, was der Mann mit mir vorhatte.<\/p>\n<p>Er spielte, er sei ein Junge, der eine Puppe gefunden hat, betastet sie, bespuckt sie, beschimpft sie, schl\u00e4gt sie ein bisschen auf den Unterleib bei\u00dft sie ein wenig in die Innenseite ihrer Oberschenkel. Dort, wo es warm und weich ist.<\/p>\n<p>Nun entdeckt er, \u00a0der Junge, dass die Puppe eine \u00d6ffnung hat, die er noch gar nicht gesehen hat. Was dort wohl ist ? Mu\u00df man vorsichtig sein? Er st\u00f6\u00dft sein Glied wie zur Probe in diesen breiten roten Schlitz, der ihm entgegenschimmert.\u00a0 Nur seine Eichel, wagt sich vor, anfangs, dann sein Glied immer ein St\u00fcck tiefer in mich hinein, bleibt kurz, zieht sich ruckartig wieder zur\u00fcck. Bleibt drau\u00dfen, z\u00f6gert. Dringt wieder\u00a0 in die Puppe ein. Jetzt etwas forscher, als erwarte er eine Reaktion. Die Puppe reagiert nicht.<\/p>\n<p>Wieder zur\u00fcck, raus aus der Puppe. Der \u201eJunge\u201c wird (spielt) jetzt \u201ew\u00fctend werden\u201c :<\/p>\n<p>\u201eDu dumme Puppe, kannst Du nicht einmal etwas sagen, und reagieren?\u201c<\/p>\n<p>Ich spiele das Rollenspiel mit und bleibe stumm und unbeweglich. Mein Herz schl\u00e4gt wie wild. Habe ich ein wenig Angst? Oder regt mich das Spiel ebenso auf, wie ihn.<\/p>\n<p>Jetzt aber z\u00f6gert der Mann nicht mehr.<\/p>\n<p>Er st\u00f6\u00dft mit aller Kraft seinen Penis in das Innere der Puppe. Ich schreie auf. Er h\u00e4lt mir den Mund zu. Und er geht r\u00fccksichtslos mit der Puppe um. Sie geh\u00f6rt ihm ja.<\/p>\n<p>Darf er ja. Denn es ist ja eine Puppe, und sie ist aus Plastik. Er lebt sich in meinem Inneren aus,\u00a0 wie zuvor mit Zunge, Fingern, Z\u00e4hnen und Lippen in meinem\u00a0 Scho\u00df, und in meinem Hintern. Es gef\u00e4llt mir, da alles weich und warm in mir ist und feucht, und dass ich teilnahmslos bleiben soll, h\u00e4lt meine Erregung hoch. Als er ruhiger wird, sogar z\u00e4rtlich, zu weinen anf\u00e4ngt, unterdr\u00fccke ich mit allerletzter Selbstbeherrschung eine Reaktion.<\/p>\n<p>Ich lasse ihn noch eine Weile gew\u00e4hren, spielen, er \u00fcbers\u00e4t mein Gesicht mit K\u00fcssen. Ich kann nichts daf\u00fcr, dass ich einen weiteren Orgasmus bekomme. Er sp\u00fcrt es in mir: wie mein Inneres konvulsivisch zuckt. \u00a0Der Mann st\u00f6hnt. Er bleibt bewegungslos auf mir, der Puppe, liegen. Sein Schwanz ist noch immer in mir. Hei\u00df und stark. Ich ziehe jetzt die Muskeln meiner Vagina zusammen, als wolle ich seinen Penis zerbrechen, dann lasse ich wieder los, ziehe die Muskeln wieder zusammen, so fest, ich kann. Es ist wie vaginales Schwanzlutschen. Der Mann stutzt, r\u00fchrt sich nicht, in meinem Inneren. Meine Augen sind geschlossen. Ich h\u00f6re nur seinen schweren Atem. \u00a0Jetzt umklammern die Muskeln meines Beckenbodens diesen Schwanz in mir. So dass der Mann sich wirklich f\u00fchlen mu\u00df, wie in einer engen Vagina aus Kunststoff, die ihn unnachgiebig umschlie\u00dft. Und jetzt, erst jetzt, jetzt endlich \u2013 nach all den Stunden, l\u00e4sst der Mann sich gehen, gibt sich hin, schenkt mir sein Sperma, \u00fcberflutet mich,\u00a0 entspant sich, h\u00e4lt mich dabei mit beiden Armen fest umschlungen. Sein Schrei hat etwas Ungest\u00fcmes, Urt\u00fcmliches. Sein Schrei verklingt in meinem schwei\u00dfnassen Haar, zwischen meinem Hals und meinen Br\u00fcsten, zwischen Kinn und meiner Schulter. Meine Fingerspitzen ruhen auf seinem R\u00fccken. Unser Atem wird ruhiger. Wie eine Gischt, die auf flachem Strand ausl\u00e4uft. Ich sp\u00fcre eine stille Freude in mir.<\/p>\n<p>Er l\u00e4sst sich auf den R\u00fccken fallen.<\/p>\n<p>\u201eDanke!\u201c sagt er leise.<\/p>\n<p>Ich unterdr\u00fcckte ein spontanes Auflachen. Denn ich sp\u00fcrte den Ernst in seiner Stimme.<\/p>\n<p>\u201eGleichfalls!\u201c\u00a0 antwortete ich stattdessen, mit dem Echo meines inneren Lachens.<\/p>\n<p>Mein Haus lag am Ende eines Weges. Die Hitze unserer Leidenschaft\u00a0 hatte die kahlen B\u00e4umen des Winters zum Bl\u00fchen gebracht. Hatte das Eis auf dem Teich zerspringen lassen.<\/p>\n<p>Ich k\u00fcsste die H\u00e4nde des Mannes.<\/p>\n<p>Wir blieben nebeneinander liegen. Schweigend. Es war l\u00e4ngst dunkel im Zimmer. Abgesehen von dem Streifen Licht,\u00a0 \u00a0von einer fernen Stra\u00dfenlampe. Die Wirklichkeit r\u00fcckte n\u00e4her, unwiderruflich. Der Abschied.<\/p>\n<p>Ich bin verloren, dachte ich.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nichts vom Leben des Mannes. Wenn er geht, wohin er geht. Ob er wiederkommt? Wir haben uns alles gegeben. Eine Wiederholung, gar eine Steigerung, kann es nicht geben. Oder?<\/p>\n<p>\u201eM\u00f6chtest du mich wiedersehen?\u201c fragt er.<\/p>\n<p>Ich rolle mich zu ihm hin\u00fcber, fl\u00fcstere ihm ins Ohr:<\/p>\n<p>\u201eJa, mein Prinz. Wann immer wir uns wollen!\u201c<\/p>\n<p>Und bei\u00dfe leicht in sein Ohrl\u00e4ppchen.<\/p>\n<p>Er lacht leise.<\/p>\n<p>\u201eSoll ich uns zwei Zigaretten drehen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEine, f\u00fcr uns zwei!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu hast ja recht.\u201c Sagt der Mann.<\/p>\n<p>Und f\u00fcgt hinzu: \u201eWillst du mich heiraten?\u201c<\/p>\n<p>\u201eVielleicht. Frag mich noch einmal, sp\u00e4ter!\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlles klar, meine Sch\u00f6ne!\u201c<\/p>\n<p>\u201eHast du einen Namen? Von welchem Namen kann ich tr\u00e4umen, wenn du weg bist?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch hei\u00dfe Leonhard\u201c, ich h\u00f6re sein L\u00e4cheln zwischen den Silben.<\/p>\n<p>\u201eMein L\u00f6wenherz \u2013 ich dichte dich an \u2013 werde ich dich wiedersehen oder nie mehr sehen, kommst du zur\u00fcck, oder bleib ich zur\u00fcck&#8230;\u201c singe ich, z\u00e4rtlich, nein, tr\u00e4llere eher, leise jedoch, die Silben dehnend. Ich vermisse ihn schon jetzt.<\/p>\n<p>Er dr\u00fcckt mich an sich, stumm.<\/p>\n<p>Als er sich angezogen hatte, fast an der Haust\u00fcr stand, kn\u00f6pfte ich ihm seine dunkelgr\u00fcne Winterjacke zu. Hauchte einen Ku\u00df auf seine Wangen, rechts und links, sp\u00fcre seine aufkeimenden Bartstoppeln, meine Haare noch immer feucht und verschwitzt, kleben an meinem Hals, mein kn\u00f6chellanger Morgenmantel aus permuttfarbenem, schweren Satin, den ich einst in S\u00fcdfrankreich auf einem Flohmarkt erstanden hatte, mit seinen Trompeten\u00e4rmeln, und den Verzierungen aus belgischer Spitze, verleiht mir Eleganz, Selbstsicherheit und betont meine Taille.<\/p>\n<p>Er blickte mich an\u00a0 \u2013 ja, wie? Bewundernd?<\/p>\n<p>\u201eWie hei\u00dft Du eigentlich?\u201c<\/p>\n<p>Wir k\u00fcssten uns lachend. Meine H\u00e4nde lagen auf seinen Schultern.<\/p>\n<p>\u201eGib mir den Namen, den du mir w\u00fcnschst,\u201c<\/p>\n<p>antwortete ich.<\/p>\n<p>\u201eEinen, den nur du und ich kennen..\u201c<\/p>\n<p>Ich fragte nicht nach seiner Telefonnummer.<\/p>\n<p>\u201eRuf mich an, wenn wir uns brauchen!\u201c hauchte ich in sein Ohr.<\/p>\n<p>\u201eJeden Tag, meine Geliebte!\u201c<\/p>\n<p>\u201eM\u00f6chtest Du mich Gwendolyn nennen?\u201c<\/p>\n<p>Doch, sagte er, und gab mir noch einen Ku\u00df auf mein Haar.<\/p>\n<p>\u201eEr gef\u00e4llt mir sogar sehr gut, der Name, fur Dich, meine S\u00fc\u00dfe!\u201c<\/p>\n<p>Tage vergingen.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6rte nichts von ihm.<\/p>\n<p>Er rief nicht an.<\/p>\n<p>Was war geschehen? H\u00e4tte ich nach seiner Telefonnummer fragen sollen? Ich kannte seine Liebe.<\/p>\n<p>Seinen Vornamen.<\/p>\n<p>Sonst nichts..<\/p>\n<p>Ich ging erst am Ende der Woche wieder in die Firma.<\/p>\n<p>Hatte mich krank gemeldet.<\/p>\n<p>Ich weinte in unser zerkn\u00fclltes, verw\u00fcstetes, verschwitztes Bett. Ich duschte mich nicht, ich wusch mich nicht, ich wollte seinen Duft bis in alle Ewigkeit in mir, auf mir tragen. Bis er wieder anrief. Bis er wieder vor meiner Haust\u00fcr stand.<\/p>\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter ging ich wieder in die Firma. Leonhard hatte nicht angerufen. Vielleicht w\u00fcrde ich ihm in der Kantine begegnen? Und wie sollte ich reagieren? W\u00fcrde ich weglaufen? Oder ihn kess fragen: \u201eDrehst Du mir eine Kippe?\u201c Nein, ich w\u00fcrde mich verkriechen. Ich f\u00fchlte mich kleinlaut und verwirrt.<\/p>\n<p>Und dann stand er eines Abends wieder vor meiner Haust\u00fcr.<\/p>\n<p>\u201eWas ist passiert?\u201c fragte ich.<\/p>\n<p>\u201eIch hatte einiges zu kl\u00e4ren. Und ich mu\u00dfte nachdenken. Und ich m\u00f6chte Dich noch einmal fragen \u2013<\/p>\n<p>\u201eWillst du mich heiraten?\u201c<\/p>\n<p>\u201eKomm erst mal rein, Du Irrer, Du Verr\u00fcckter, Du &#8211; !\u201c Er lie\u00df mich nicht ausreden. K\u00fcsste mir den Mund zu. Trug mich ins Wohnzimmer.<\/p>\n<p>\u201eIch lebe in Scheidung,\u201c sagte Leonhard \u2013 und:\u00a0 \u201eEs tut mir leid. Wir haben noch einen harten Weg vor uns. Aber wenn du willst, gehe ich mit Dir bis ans Ende der Welt!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas Bett w\u00fcrde mir im Augenblick gen\u00fcgen!\u201c \u2013 rief ich ausgelassen und rannte vor ihm weg. In unser Bett. Am Ende des Abeds gestand er mir, dass er auch zwei Kinder h\u00e4tte, die er sehr liebe. Ob ich das aushalten k\u00f6nne?<\/p>\n<p>Ich schon! Aber die Kinder?<\/p>\n<p>\u201eWie alt sind sie?\u201c<\/p>\n<p>Eine Tochter von Zehn, und der Junge w\u00fcrde demn\u00e4chst acht Jahre alt.<\/p>\n<p>Ich erschrak.<\/p>\n<p>\u201eDas tut den Kindern sicher weh, dass Ihr Euch scheiden lasst\u201c\u00a0 &#8211; h\u00f6rte ich mich sagen.<\/p>\n<p>\u201eEs ging nicht mehr, schon lange nicht mehr. Streitende Eltern sind auch nicht das wahre Gl\u00fcck f\u00fcr kleine Kinder!\u201c<\/p>\n<p>\u201eStimmt.\u201c Antwortete ich schmallippig.<\/p>\n<p>\u201eDa kenn ich mich leider auch aus. Meine Eltern!\u201c<\/p>\n<p>Zweites Kapitel<\/p>\n<p>Ich sitze am schwarzen Strand einer Vulkaninsel. Die Brandung des Atlantiks \u00fcbert\u00f6nt die Welt. Jedes Klagen, jedes Weinen, jedes Jammern; jedes insgeheime Schluchzen, jede Verzweiflung, jede Einsamkeit; jede Hilflosigkeit. \u00dcbert\u00f6nt jeden Abgrund\u00a0 von Mord und Tod. Von gebrochenen Herzen. Von verratener Liebe. Von ausgel\u00f6schter Zukunft. Von verlorener Kindheit. Du lauschst dem Atmen des Ozeans. Ebbe und Flut. Tag und Nacht. Leben und Vergehen. Unermessliches und Unfassbares. \u00dcber mir ein weiter Himmel in T\u00fcrkisblau bis ans Ende aller vorstellbaren Zeit. Hinter mir, jenseits des Strandes, eine schmale, menschenleere\u00a0 Stra\u00dfe, die zum Ende der Insel f\u00fchrt. Ein paar flache wei\u00dfe H\u00e4user schmiegen sich in die auslaufenden Spalten eines Gebirges: T\u00e4ler, die aussehen, wie aus Papier gefaltet, entstanden aus erstarrter Lava, vor Millionen von Jahren. Es ist Mittag. In der N\u00e4he mu\u00df ein Feuer sein. Ob jemand grillt? Ich blicke den Strand entlang. Aber ich sehe keinen einzigen Menschen.<\/p>\n<p>Ich musste eingeschlafen sein. Ein ungew\u00f6hnlicher Traum. Ein sch\u00f6ner Traum. Oder? Ich lag auf dem Bett. Allein. Es war still in dem gro\u00dfen Haus. Ich sp\u00fcrte, dass er gegangen war. Und da\u00df er nicht wieder zur\u00fcckkommen w\u00fcrde. Zu mir. Ich setzte mich in dem breiten Bett auf. Es geh\u00f6rte nun wieder mir allein. Ich sann kurz nach, \u00fcber das \u201ewieder\u201c. Wir hatten es doch gemeinsam gekauft, das Bett. Wahrscheinlich hatte ich instinktiv etwas anderes gemeint. Es war zu Ende. Vorbei. Nach acht Monaten des Verheiratetseins.<\/p>\n<p>Morgens hatte es zu regnen angefangen. Ein schwerer, dampfiger Juliregen, und bis Mittag hatte sich der Weg, der zu den Kuhweiden und dem breiten, grauen Strom am Ende\u00a0 der Marsch f\u00fchrte, in eine weite, matschige Pf\u00fctze unbestimmbarer Tiefe verwandelt. \u00a0Der Regen hatte den scharfen Geruch der Schweine vom nahen Bauernhof weggewaschen. Die Sauen und ihre Jungen waren im Stall. Fast vermisste ich ihr kehliges, ungeduldiges Quieken. Ich stand jetzt am Fenster, im zweiten Stock des Hauses, das wir inzwischen gemietet hatten. Es war ein anderes Haus, gr\u00f6\u00dfer, n\u00fcchterner, ungem\u00fctlicher, in einem ebenfalls anderen Ort, als das uns damals in Aussicht gestellte, am Rande einer Pferdeweide, in einem vertr\u00e4umten K\u00fcnstlerort: Mein Mann hatte sich in letzter Minute mit dem Vermieter \u00fcberworfen. Der hatte den Mietvertrag kurzerhand zerrissen. Ich hatte ihn noch angefleht, uns das Haus doch noch zu geben. Aber der Vermieter,\u00a0 mit einem Blick auf meinen Mann, hatte geantwortet: \u2013 \u201eNiemals!\u201c und uns ein geringsch\u00e4tziges \u201eViel Gl\u00fcck!\u201c hinterher geworfen. Ob er mich damit gemeint hatte? Mein Mann war v\u00f6llig aus der Rolle gefallen, hatte sich in einen Tobsuchtsanfall gesteigert, als er im Mietvertrag den Passus gelesen hatte \u2013 \u201eDie Mieter sind f\u00fcr die Wartung des Hauses verantwortlich\u201c. Ein Verm\u00f6gen k\u00f6nne das kosten, hatte mein Mann geschnaubt. Was, wenn das Dach in Wirklichkeit marode war? Die Heizung kaputtging? Und so war es nichts geworden, mit dem sch\u00f6nen Einfamilienhaus, an einer Pferdeweide \u00a0mit einem versponnen Garten, und der Adresse in einem renommierten K\u00fcnstlerdorf. W\u00e4re ja auch alles viel zu spie\u00dfig gewesen, dachte etwas in mir. Damals hausten wir in der Gartenh\u00fctte, und waren aus dem Moloch einer Gro\u00dfstadt gekommen. Die Idylle hatte uns die Sinne geraubt. Und den Verstand. Eigentlich machten Idyllen mich sowieso mi\u00dftrauisch. Und vielleicht hatte Leonhard ja auch recht gehabt. Aber, wie er sich aufgef\u00fchrt hatte! Man h\u00e4tte ja ein vern\u00fcnftiges Gespr\u00e4ch f\u00fchren k\u00f6nnen: \u201eWas f\u00e4llt denn alles unter Wartung? Der Begriff ist etwas vieldeutig, oder?\u201c Eine Sekunde lang hatte ich bef\u00fcrchtet, Leonhard w\u00fcrde sich auf den Vermieter st\u00fcrzen und ihm die Kehle zudr\u00fccken, vor lauter Wut und Hass. Sp\u00e4ter hatte er mir vorgeworfen, ich w\u00e4re ihm in den R\u00fccken gefallen, wie eine winselnde H\u00fcndin h\u00e4tte ich vor dem Kerl gestanden, damit er uns doch noch das Haus vermiete.<\/p>\n<p>Da stand ich also, in meinem neuen, eleganten Nachthemd, \u00a0aus champagnerfarbener Seide, mit kurzen Fl\u00fcgel\u00e4rmelchen und einem Dekollet\u00e9, das meine Br\u00fcste einbettete, eine Art Empire-Stil, ein zartes Gewand, an meinem K\u00f6rper entlang flie\u00dfend, bis knapp zu den Kn\u00f6cheln, ein luxuri\u00f6ses, verf\u00fchrerisches Etwas, Reichtum (und Kaprizi\u00f6ses) vort\u00e4uschend; \u00a0ich hatte es mir vor zwei Tagen gekauft, und hatte nicht vor, es in diesem Sommer noch einmal auszuziehen.\u00a0 Meine rechte Hand lag auf meinem gew\u00f6lbten Bauch, sechster Monat. Ich starrte \u00fcber das weite, flache Land. Das Gr\u00fcn des Sommers versank im Grau des Regens.<\/p>\n<p>Ich nahm den Brandgeruch wahr,\u00a0 pl\u00f6tzlich. Oder hatte er mich geweckt? \u00a0Vorsichtig \u00f6ffnete ich das Fenster. Sah ich Rauch? Oder waren es blo\u00df Regenschwaden? Doch das milchiggraue Gewaber war von bei\u00dfendem Geschmack. Es kam von rechts; ein anderes Geh\u00f6ft lag dort, versteckt hinter wuchtigen Eichen, mit einem weithin sichtbaren Storchennest auf dem Giebel der Scheune. Die Jungst\u00f6rche balancierten bereits seit einiger Zeit auf dem Rand des Nestes. Breiteten ihre Schwingen aus. Konnten sie schon fliegen? Ich sp\u00fcrte die Besorgnis um die St\u00f6rche. Ich kannte inzwischen die Legende: es galt als ganz schlechtes Omen, wenn den Jungst\u00f6rchen etwas zustie\u00df. Noch schlimmer f\u00fcr Haus und Hof und Familie stand es allerdings, so die Legende, wenn ein Halbstarken-Jungstorch (sie wurden so genannt) kleinere Jungen aus dem Nest stie\u00df.<\/p>\n<p>Ein Feuerwehrwagen k\u00e4mpfte sich jetzt schaukelnd, mit gellendem und rotierendem Blaulicht durch den vom Regen aufgeweichten Weg, er sollte seit drei Jahren asphaltiert sein, gefolgt von einem weiteren Einsatzwagen.<\/p>\n<p>Ich zog mich rasch an. Unten im Wohnzimmer, im ersten Stock, lag ein Zettel auf dem Tisch, und daneben ein Zehnmarkschein! beschwert mit dem Ehering meines Mannes.<\/p>\n<p>\u201eSieh zu, wo du bleibst!\u201c<\/p>\n<p>stand auf dem Zettel hingekritzelt. Ich sp\u00fcrte einen Hustenanfall. Doch dazu war jetzt keine Zeit. Ich eilte zur Haust\u00fcr. Sah den Qualm. Drau\u00dfen ein Durcheinander von Stimmen, ein Geschrei, lautes Weinen, Befehle der Feuerwehrm\u00e4nner an Gaffer, Platz zu machen. Ein Mann kam mir entgegengelaufen und klammerte sich an mich. \u00a0Ich kannte ihn vom Sehen. Wir waren uns gelegentlich in der Marsch begegnet. Er war meist in einer Art J\u00e4gerbekleidung unterwegs.<\/p>\n<p>\u201eDie St\u00f6rche, die St\u00f6rche!\u201c<\/p>\n<p>Schrie der Mann. Er stand ganz offenbar unter Schock.<\/p>\n<p>\u201eMeine Frau hat die Scheune angez\u00fcndet. Sie ist wahnsinnig geworden!\u201c<\/p>\n<p>Es war der Bauer. Der Besitzer des Geh\u00f6fts hinter den Eichen. Ich hatte nicht gewu\u00dft, dass ihm und seiner Familie \u00a0der gro\u00dfe Bauernhof geh\u00f6rte, sonst h\u00e4tte ich mich wohl sehr dar\u00fcber gewundert, dass er, allein wie ich, und eine andere Frau, die ich ebenfalls gelegentlich traf, durch die Marsch stapfte. Ich sah diese Frau jetzt von der anderen Seite kommend\u2013 vom Haus aus betrachtet, von links,\u00a0 \u2013 offensichtlich war sie eine Nachbarin.<\/p>\n<p>\u201eWas ist denn geschehen?\u201c rief sie aufgeregt.<\/p>\n<p>\u201eDie Scheune brennt!\u201c schrie der Bauer, er hatte mich losgelassen, Tr\u00e4nen liefen \u00fcber sein Gesicht.<\/p>\n<p>\u201eWo ist denn Ihre Frau jetzt?\u201c h\u00f6rte ich mich fragen, fast stimmlos.<\/p>\n<p>\u201eIn der Scheune. In der Scheune!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie ist verschwunden. Sie hat die Scheune angez\u00fcndet. Und jetzt ist sie wohl verbrannt!\u201c<\/p>\n<p>Das Bauernhaus selbst konnte gerettet werden. Die Scheune brannte nieder. Die Kriminalpolizei war umgehend zur Stelle. Auch ein Notarzt. Ebenfalls ein Tierarzt. Waren die Jungst\u00f6rche noch zu retten? Und wo waren die Eltern, das Storchenpaar? Von der Ehefrau des Bauern gab es keinerlei Spur in der Scheune. Demnach war sie nicht verbrannt. Oder?<\/p>\n<p>\u201eWenn sie verbrannt w\u00e4re \u2013 g\u00e4be es ja Beweise!\u201c<\/p>\n<p>\u201eKommen Sie!\u201c sagte die Frau, die sich als Martina vorstellte,<\/p>\n<p>\u201eich mache uns einen Tee!\u201c\u00a0 Ich folgte ihr.<\/p>\n<p>Martina wohnte in dem Bungalow hinter den mannshohen Hecken strahlend wei\u00dfer, wilder Rosen. Jedesmal, wenn ich in die Marsch ging,\u00a0 kam ich an dem Haus vorbei, blieb meist einen Moment stehen, und sog den feinen Duft der zarten Rosen ein. Mit dem Regen war der Glanz verflogen.<\/p>\n<p>Ein wei\u00dfer Fl\u00fcgel und eine gebl\u00fcmte Biedermeiercouch im Wohnzimmer meiner neuen Bekannten zogen meine Blicke auf sich.<\/p>\n<p>\u201eWie sch\u00f6n Sie es haben!\u201c\u00a0 sagte ich bewundernd, oder klang es ein wenig sehns\u00fcchtig?<\/p>\n<p>Ich stellte mich als Elisabeth vor, ich w\u00fcrde jedoch Elsa oder Elisa bevorzugen.<\/p>\n<p>\u201eDarf ich Elsa sagen?\u201c<\/p>\n<p>Gerne.<\/p>\n<p>\u201eWas f\u00fcr eine Trag\u00f6die!\u201c seufzte\u00a0 Martina, als wir beim Tee sa\u00dfen.<\/p>\n<p>Ich nickte.<\/p>\n<p>\u201eUnd ich wurde gerade von meinem Mann verlassen!\u201c<\/p>\n<p>\u201eEr hat Sie in diesem Zustand sitzengelassen?\u201c fragte Martina ungl\u00e4ubig.<\/p>\n<p>Ich zuckte mit den Schultern.<\/p>\n<p>\u201eEs lief nicht wirklich gut &#8211; !\u201c sagte ich gedehnt.<\/p>\n<p>\u201eIch tauge nicht zur Ehefrau! Nur zur Geliebten!\u201c<\/p>\n<p>Martina schaute mich an. War es fragend? Abwartend? Mitf\u00fchlend?<\/p>\n<p>\u201eDas klingt sarkastisch, Elsa\u00a0 &#8211; oder?\u201c<\/p>\n<p>Ich mochte Martinas Gesicht. Blaue Augen. Dunkle, kr\u00e4ftige Haare. Kinnlang. Ein Mund, der aufbl\u00fchte, wenn er lachte. Ich hatte sofort Vertrauen zu Martina gefasst. Sie mochte um die F\u00fcnfzig sein. Aber eigentlich wirkte sie zeitlos.<\/p>\n<p>\u201eEr ist gegangen, und ich habe den Mietvertrag f\u00fcr das viel zu gro\u00dfe Haus mit unterschrieben. Er hat mir zehn Mark auf den Tisch gelegt, seinen Ehering, nebst einem Zettel: Sieh zu, wo du bleibst! \u2013 Das w\u00fcrde einer Geliebten niemals passieren. Ihr w\u00fcrde das Haus geschenkt! Und mindestens eine fette Abfindung bei Umtausch!\u201c<\/p>\n<p>Doch, mein Sarkasmus gefiel mir.<\/p>\n<p>Martina wu\u00dfte nicht, wie sie reagieren sollte. Sie blickte bek\u00fcmmert.<\/p>\n<p>\u201eIch h\u00e4tte es ahnen k\u00f6nnen, wenn ich gewollt h\u00e4tte &#8211; ! Was aber ist das im Vergleich zu der Trag\u00f6die, deren Zeugen wir gerade wurden, und man wei\u00df ja nicht, was da noch alles kommt!\u201c<\/p>\n<p>Vermutlich dachte Martina, ich sei wohl gut im Verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>\u201eDa werden gerade Leben zerst\u00f6rt- im Namen einer Liebe? Die nicht mehr vorhanden ist? Mu\u00df der Mensch danach automatisch zur rei\u00dfenden Bestie werden?\u201c<\/p>\n<p>\u201eTja &#8211; !\u201c Ich hielt die Teetasse aus hauchd\u00fcnnem Porzellan zwischen meinen H\u00e4nden und wu\u00dfte nicht, was ich in diesem Augenblick sagen sollte.<\/p>\n<p>\u201eDie Ehe der beiden war schon lange nicht mehr gut, es gab Ger\u00fcchte, dass der Bauer seit einiger Zeit zu trinken angefangen h\u00e4tte&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Martina beendete den Satz nicht.<\/p>\n<p>\u201eDas Seltsame ist \u2013 dass ich jenseits des Schocks, auf diese Weise im Stich gelassen zu werden, das Gef\u00fchl habe, es passe zu mir und meinem Leben oder wie ich es ausdr\u00fccken soll, ich bin \u00a0au\u00dfen vor \u2013 und eigentlich war es schon immer so. Ich geh\u00f6rte nicht dazu. Ich wollte es. Aber es gelang mir nicht. Oder jeweils nur f\u00fcr kurze Zeit. So, wie mich auch Erfolg \u00fcber die Ma\u00dfen erstaunt. Ich war beruflich gerade ziemlich erfolgreich, als mir Leonhard \u00fcber den Weg lief. Von dem Tag an war nur noch sein Leben wichtig. Und ich \u00fcberschlug mich, mein Leben und meine Karriere fortan schleifen zu lassen. \u00a0\u201eAlles f\u00fcr ihn zu tun.\u201c Wie selbstzerst\u00f6rerisch mu\u00df man sein, \u00a0einen frisch geschiedenen Mann mit zwei kleinen Kindern geheiratet zu haben, seine festen Sendungen bei einer Rundfunkstation aufzugeben, wie auch die alten Freunde und stattdessen dem Mann zu folgen, auf den hier die f\u00fcr ihn gro\u00dfe Karriere-Chance wartet, w\u00e4hrend ich auf Heimchen am Herd getrimmt werden soll. Und abends bitte die Beine breit, jederzeit! Und ab einem Zeitpunkt, vor unserer Eheschlie\u00dfung\u00a0 h\u00e4tte ich auch wissen k\u00f6nnen, dass\u00a0 sich hinter der gewinnenden, \u00a0liebensw\u00fcrdiger Fassade, den weltl\u00e4ufigen Umgangsformen,\u00a0 ein furchteinfl\u00f6\u00dfender Choleriker verbirgt? Was wollte ich nicht sehen? Was habe ich ausgeblendet. Und warum?! Dass er mich nun sitzenl\u00e4sst, mag die Angst vor Verantwortung sein. Ein neues Kind? Er hat doch schon zwei. Ich sollte keine Mutter werden. Damit war ich f\u00fcr ihn nicht mehr interessant. Eine Mutter konnte er nicht mehr ficken. Und er hasste schwangere Frauen! Das hatte er mir einmal gestanden. Und es hat mich nie mehr losgelassen. Die Bettgespielin, ja. Aber eine Mutter? Kein Sex mehr? Auf Jahre? Der K\u00f6rper verhunzt, die Br\u00fcste nicht mehr f\u00fcr den Mann, sondern das Neugeborene&#8230;<\/p>\n<p>\u201eManche nennen es Liebe, andere nennen es anders \u2013 wer wei\u00df, was Dir an ihm vertraut war! Dass du so zielsicher den falschen Partner ausgew\u00e4hlt hast. Der auftaucht und Dein Leben in den Matsch wirft, denn sicher hattest Du genug Verehrer, nehme ich an, Elsa.. Auch der Schmerz kann lieb\u00e4ugeln, vielleicht hattest Du einen cholerischen Vater..? Hast nie die Emotionen bekommen, die du haben wolltest? Was wurde dir angetan, als Kind, dass du diesen monstr\u00f6sen Einbruch in Dein Leben \u2013 so unbeeindruckt weg steckst?<\/p>\n<p>Martina klang behutsam, fast beil\u00e4ufig. Ich war ihr dankbar daf\u00fcr. Sie machte keine gro\u00dfe Sache aus dem Drama, das mich gerade heimsuchte, und das mir so beunruhigend vertraut vorkam.<\/p>\n<p>Ich stand unvermittelt auf, bedankte mich f\u00fcr den Tee, Martina sagte, komm jederzeit, du bist willkommen! Und wenn du willst, k\u00f6nnen wir reden! Ich hab mich von Lehramt auf Psychotherapie umschulen lassen, das mal nebenbei, eine spezielle Ausbildung, ein privates Ausbildungsinstitut, weil ich ja schon \u00e4lter bin, mich aber so vieles interessiert, was mir so r\u00e4tselhaft erscheint, \u00a0in den \u2013 naja \u2013 zwischenmenschlichen Trag\u00f6dien..warum sie entstehen, und als ehemalige Lehrerin merkte ich ja auch den Kindern an, wenn die Atmosph\u00e4re \u201ezuhause\u201c nicht stimmte. Aber ich hatte keine \u201eTechnik\u201c zur Hand, um ihnen zu helfen. Jetzt biete ich privat Beratungen an, f\u00fcr Eltern, Sch\u00fcler und Lehrer. Eine Paartherapie traue ich mir allerdings nicht zu..\u201c. Sie l\u00e4chelte mich an.<\/p>\n<p>\u201eBei uns ist nichts mehr zu retten. Wir hatten nach einer immensen Auseinandersetzung, ein Jahr vor unserer Heirat, eine Paartherapeutin aufgesucht. Nach nur 2 Sitzungen rief mich die Therapeutin an, sagte, sie beginge wohl gerade einen Kunstfehler und vergraule ihre eigenen Kunden, aber ich solle mir im Klaren dar\u00fcber sein, dass dieser Mann so dezidiert affektive Defizite habe, dass er nie eine St\u00fctze sein k\u00f6nne, f\u00fcr einen Partner. Er sei wie ein unberechenbares Kind, das w\u00fctend bis zur Mordlust wird, wenn man ihm den Schnuller verweigert \u2013 oder wegnimmt! \u00a0Er brauche eine Einzeltherapie \u2013 um seine Verletzungen heilen zu lassen, seine Ehe aufzuarbeiten, das Verh\u00e4ltnis zu seinen Geschwistern und seiner Mutter kl\u00e4ren \u2013 auch die neue Position fordere ihn weit \u00fcber seine psychischen M\u00f6glichkeiten, und mir m\u00fcsse klar sein, dass ich sein Blitzableiter sein w\u00fcrde, das sei die Rolle, die mir der Mann unbewu\u00dft zuteilte, ich w\u00fcrde ihn besch\u00fctzen m\u00fcssen, das erwartete er, nicht umgekehrt. Sollte ich beruflich erfolgreicher werden, als der Mann, s\u00e4he er darin eine Kr\u00e4nkung. Er w\u00fcrde wohl alles daf\u00fcr tun, unbewu\u00dft selbstverst\u00e4ndich, mich zu sabotieren, so dass ich nur noch f\u00fcr ihn da sei, in jeder Hinsicht von ihm abh\u00e4ngig. Er w\u00fcrde seine nicht bearbeiteten Konflikte an mir auslassen. Erst w\u00fcrde er mich sabotieren, dann mich daf\u00fcr beschimpfen, wenn ich ihm zuliebe, nicht mehr erfolgreich w\u00e4re, beruflich&#8230;\u00a0 Aber vor allem M\u00e4nner dieses Typs werden sich wohl nie professionell helfen lassen, sagte die Therapeutin, sondern geben ihre Verletzungen einfach ungefiltert weiter. Sie machen Frauen ungl\u00fccklich. Und im Beruf Untergebene. Also \u2013 ich rate Ihnen \u2013 \u00a0rennen Sie davon. Lassen Sie die H\u00e4nde von diesem Mann. Als Ehepartner. Er ist so narzisstisch gest\u00f6rt, dass ihm Mitgef\u00fchl fehlt. Damit einher geht meist auch mangelndes Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen. Das Schlimmste, dieser Mann ist emotional ein Fass ohne Boden. Ganz gleich wieviel Liebe und Verst\u00e4ndnis Sie ihm auch entgegenbringen, es wird nie genug sein \u2013 und er wird Sie verlassen, ohne mit der Wimper zu zucken,\u00a0 wenn er auf einen fetteren Busen trifft, bildlich gesprochen..!\u201c<\/p>\n<p>Ich stand schon an der T\u00fcr und grinste etwas schief.<\/p>\n<p>Auch Martina war aufgestanden, kam mit zur Haust\u00fcr.<\/p>\n<p>\u201eDas ist ja interessant! Du hast ihn aber trotzdem geheiratet. Oder gerade deswegen? Ist das Masochismus oder Altruismus..? \u00a0Wie gesagt, manche nennen es Liebe, und das Sprichwort sagt, sie mache blind. Sie schaltet das nat\u00fcrliche, das angeborene Gesp\u00fcr fur Gefahr aus. Wir rennen mit gro\u00dfer Begeisterung ins eigene Verderben&#8230;.Wir reden, liebe Greta &#8211; &#8230;\u201c.<\/p>\n<p>In diesem Augenblick kam Martinas Mann aus der Schule, er war ebenfalls Lehrer.<\/p>\n<p>\u201eWas ist denn da draue\u00dfen los \u2013 Feuerwehr und so..?\u201c und f\u00fcgte \u00fcberrascht hinzu, als er Elsa sah &#8211;<\/p>\n<p>\u201eOh hallo. Wir haben Besuch!\u201c<\/p>\n<p>Ich sah sofort das Aufglimmen eines Begehrens in seinen Augen und stellte fest, dass er \u00fcberraschend attraktiv war, auch wenn er zu bieder angezogen war. Lehrer halt. Er war hochgewachsen, und obwohl er in den F\u00fcnfzigern sein durfte, wirkte seine Gestalt jungenhaft, schlaksig irgendwie, ein offenes Gesicht, markant geschnitten, helle, wache Augen, die ich mir durchaus schalkhaft vorstellen konnte. Automatisch l\u00e4chelte ich.<\/p>\n<p>\u201eJa, ich wollte gerade gehen..! Ich bin die neue Nachbarin!\u201c<\/p>\n<p>Martina Verhalten hatte sich mit dem Auftauchen von Jens schlagartig \u00a0ver\u00e4ndert. Gerade noch souver\u00e4n, zugewandt, klug, ohne eine nervige, aufgesetzte Attit\u00fcde des \u201eMitgef\u00fchls\u201c &#8211;\u00a0 wirkte sie pl\u00f6tzlich kameradschaftlich, geschlechtslos, beliebig, wie sie ihrem Mann mit einem kleinen Scherz die Aktentasche abnahm und augenzwinkernd \u00e4u\u00dferte, sein Essen stehe bereit, wie es sich f\u00fcr eine nun selbst\u00e4ndige Hausfrau geh\u00f6re! \u00a0Ich hatte das verwirrende Gef\u00fchl,\u00a0 \u00a0zwei \u00a0Geschwister st\u00e4nden mir gegen\u00fcber. \u00a0Oder sah so eine perfekte Ehe aus? Dass man sich neckte? Oder trat diese Phase ein, wenn Sexualit\u00e4t keine Rolle mehr spielte? Vorher hei\u00dfe Sexpartner waren zu \u201eVati\u201c und \u201eMutti\u201c geworden? Die Unterw\u00e4sche aus kochfester Baumwolle, statt des frivolen Dessous? Was bleibt, wenn die Hitze der Leidenschaft erkaltet ist? Platonische Liebe? Ich kannte nur Krieg oder R\u00fcckzug. Martina und Jens hatten drei erwachsene Kinder, ein sch\u00f6nes Haus, nicht \u00fcberkandidelt, und waren noch immer zusammen. Konnten miteinander scherzen. Immerhin&#8230;<\/p>\n<p>Wieder in \u201eunserem\u201c Haus, rief ich die Vermieterin an: Mein Mann h\u00e4tte mich verlassen, ich sei schwanger, k\u00f6nne allein das Haus nicht finanzieren. Sie war sofort auf meiner Seite. Frauen lieben das ja, wenn eine andere ein Ungl\u00fcck beherzt angeht. Sie w\u00fcrde mir einen Monat schenken, damit ich mir in Ruhe\u00a0 eine Wohnung suchen k\u00f6nne. Das sei ihr Geburtsgeschenk im Voraus an mich. Wir hatten einen guten Kontakt gehabt, und es tat ihr leid, ich glaubte ihr, dass ein doch so \u201eaugenscheinlich gl\u00fcckliches und gutsituiertes Paar\u201c \u2013 so schnell ein Ende n\u00e4hme. Ich war ger\u00fchrt. Musste aufpassen, dass ich nicht sentimental wurde oder mir gar die Tr\u00e4nen kamen. Dass ich so leicht den auf 5 Jahre befristeten Mietvertrag w\u00fcrde aufl\u00f6sen k\u00f6nnen, und die Hausbesitzerin mit sogar eine Monatsmiete schenkte, verbuchte ich als ein Erfolgserlebnis. Leonhard hatte mir angek\u00fcndigt, er kehre nach seinem Urlaub nicht zur\u00fcck, h\u00e4tte ein anderes Haus gemietet. Mit einer neuen Frau. Seiner neuen Sekret\u00e4rin. Auch seine erste Frau war Sekret\u00e4rin gewesen. Ich verabscheute diesen Beruf. Bezeichnete ihn als Prostitution, und der Chef war der Freier.<\/p>\n<p>Liebte ich Leonhard noch? Zuletzt hatte er mich mit einem Messer in der Hand durchs Haus gejagt, in einem seiner Wutausbr\u00fcche. Ich hatte laut um Hilfe geschrien. Aber niemand hatte mich geh\u00f6rt. Ich h\u00e4tte ihn anzeigen k\u00f6nnen. Dabei hatte ich ihn lediglich gefragt, ob er mir sein Auto leihen k\u00f6nnte. Diese Todesangst um mein ungeborenes Baby. Ein paar Wochen zuvor hatte Leonhard verlangt, ich solle abtreiben. Er wolle kein weiteres Kind mehr. Und\u00a0 wenn ich ehrlich war, war es nicht sein erster t\u00e4tlicher Angriff auf mich. Weil er seine Wutausbr\u00fcche nicht im Griff hatte. Damals, als es zum ersten Mal geschehen war, und ich mit einer Gehirnersch\u00fctterung im Krankenhaus lag, wir waren noch nicht verheiratet, hatte er sich auf Knien vor mir entschuldigt, es w\u00fcrde nie wieder passieren. Ich solle um Himmels Willen bei ihm bleiben. Ein Leben ohne mich, sei unvorstellbar f\u00fcr ihn. Ich hatte mich damals \u00fcberreden lassen, zu ihm in die Stadt zu ziehen. Mein kleines Haus vor der Stadt aufzugeben. Nach ein paar Monaten hatten wir uns schon wieder getrennt. Ich ertrug ihn einfach nicht st\u00e4ndig. Und meine Leidenschaft f\u00fcr ihn war durch die Streitereien um Kleinigkeiten abgek\u00fchlt. Ich wollte morgens ausschlafen und nicht von seinem steifen Penis bel\u00e4stigt werden. Ich war selbst erschrocken, als ich merkte, dass es mir zuviel wurde. Dass der Zauber jener geheimen Treffen verflogen war, wenn man jeden Abend ins Bett geht, die Leidenschaft zu einem Akt der Routine wird. Aber schon ein paar Wochen sp\u00e4ter waren wir wieder zusammen. In getrennten Wohnungen, allerdings. Als er das Angebot in die entfernte Stadt im Norden erhalten hatte, dort eine neue FernsehShow als Regisseur mitzugestalten, hatte er mir den dritten Heiratsantrag gemacht. \u201eOhne Dich gehe ich nicht dorthin.\u201c Und vielleicht w\u00fcrde auch eines seiner Kinder dann geregelte Verh\u00e4ltnisse vorfinden, wenn sie auf Besuch k\u00e4men. Wir w\u00fcrden uns ein sch\u00f6nes Haus mieten, er verdiente ja genug Geld. Und da war noch meine Mutter. Die sich so auf einen \u201eSchwiegersohn\u201c freute. Ich wurde bald Drei\u00dfig, und sie beklagte sich, die Hoffnung auf einen Enkel h\u00e4tte sie ja schon fast aufgegeben. Wem und was gehorchte ich \u2013 als ich mein bisheriges Leben an den Nagel h\u00e4ngte? Und nun? Was sollte aus mir werden, und dem Ungeborenen, unserem Kind, entstanden in einer jener N\u00e4chte, da die Lust unserer K\u00f6rper wieder einmal jede Bitterkeit kritteliger Alltagskleinlichkeiten verdr\u00e4ngt hatte?<\/p>\n<p>Welchem Klischeedenken ich indes verhaftet war, was Martina und Jens betraf, sollte ich ein paar Tage sp\u00e4ter entdecken. Martina war in einen jungen Pfarrer verliebt, den sie auf einem Seminar kennengelernt hatte, und Jens in die Frau eines Kollegen. Nichts war, wie es schien.<\/p>\n<p>DRITTES KAPITEL<\/p>\n<p>Es war dieser kalte Morgen.<\/p>\n<p>Einer jener grauen Vormittage, in einer Gegend, die auch geistig dem Wetter glich.<\/p>\n<p>Sonne eher selten.<\/p>\n<p>Vor dem Haus in der Hauptstra\u00dfe stauten sich wie \u00fcblich die Autos vor einer Ampel.<\/p>\n<p>Alles war laut.<\/p>\n<p>Und grau.<\/p>\n<p>Der Treppenaufgang zu unserer Wohnung im ersten Stock roch nach Bohnerwachs.<\/p>\n<p>Holztreppen, die jeden Freitag geputzt und samstags mit Bohnerwachs eingerieben wurden, danach blankgeputzt. Es war meine Aufgabe. Ich sang, und mochte den Hall im Treppenhaus. Ich war neun Jahre alt. Meine Mutter lie\u00df mich auch die W\u00e4sche machen. Den schweren Korb mit der nassen W\u00e4sche hoch auf den Speicher tragen, und die Laken aufh\u00e4ngen. Doch, es war ein Samstag. Sonst w\u00e4re ich an jenem Vormittag in der Schule gewesen. Und die Mutter im B\u00fcro.<\/p>\n<p>Es war dieses Getrampel im Haus. Diese Unruhe. Ich h\u00f6rte laute Stimmen. Auch Schreie? Meine Mutter rannte aus der Wohnung und rief mir zu:<\/p>\n<p>\u201eDu bleibst hier, verstanden?\u201c<\/p>\n<p>Es war ein zweist\u00f6ckiges Mietshaus. \u00dcber uns noch eine Familie. Und parterre wohnte seit einiger Zeit eine sogenannte Fl\u00fcchtlingsfamilie. Ich fragte, was denn eine Fl\u00fcchtlingsfamilie sei. Mir war dieses Wort fremd. Ich kannte es nicht. Hatte es bisher noch nie geh\u00f6rt. Was bedeutete dies? \u201eSie sind gefl\u00fcchtet\u201c. Aber wovor? \u201eDas verstehst du noch nicht!\u201c Wie ich diese Formulierungen verabscheute! Ich war doch kein kleines Kind mehr. Ich ging zur Schule. Und wollte in sp\u00e4testens zwei Jahren das Gymnasium in der Nachbarstadt besuchen. Das stand f\u00fcr mich fest. Auch wenn meinem Klassenlehrer dabei so ein s\u00e4uerliches L\u00e4cheln in die Mundwinkel kroch, wenn ich das sagte:<\/p>\n<p>\u201eIch geh auch aufs Gymnasium! Wie meine Freundinnen!\u201c<\/p>\n<p>Und mein Vater, eigentlich war er ja noch so jung, das aber wurde mir erst viel sp\u00e4ter bewu\u00dft, er war ja l\u00e4ngst noch keine Drei\u00dfig, mich anbr\u00fcllte:<\/p>\n<p>\u201eDu gehst auf kein Gymnasium!\u201c<\/p>\n<p>Ich wu\u00dfte, ich w\u00fcrde aufs Gymnasium gehen, oder mein Vater m\u00fcsste mich totschlagen.<\/p>\n<p>Das aber, dessen war ich mir sicher, w\u00fcrde meine Gro\u00dfmutter, die Mutter meiner Mutter, verhindern. Mein Vater war schnell dabei, mit seinen \u201eNeins!\u201c und er schlug auch schnell zu, wenn ich nach dem WARUM fragte, f\u00fcr sein NEIN. Wenn ich mir etwas w\u00fcnschte. Etwa eine Katze. Statt einer Erkl\u00e4rung schlug er zu. Sonderbar.. Wie oft er mich verpr\u00fcgelt hatte, oder wie der Sprachgebrauch es ausdr\u00fcckte \u2013 \u201ewindelweich geschlagen\u201c hatte, meine Mutter hatte mich nie besch\u00fctzt, nur meine Gro\u00dfmutter, wenn ich das Gl\u00fcck hatte, dass sie kam, wenn mein Vater gerade auf mich eindrosch und mich anbr\u00fcllte, einmal war sie mit dem Regenschirm auf ihn losgegangen, der pitschnass war, von dem Regen drau\u00dfen und hatte meinen Vater angeschrien \u2013 \u201eSich an einem wehrlosen Kind, einem kleinen M\u00e4dchen zu vergreifen, pfui Teufel!\u201c Und sie hatte ihm den nassen Regenschirm um die Ohren geschlagen. Meine Nase blutete, ich mu\u00dfte mich auf die buckelige Chaiselongue legen, und der verhasste nasse Handlappen wurde mir auf die Nase und in den Nacken gelegt. Meine Mutter gab gerne eine Ohrfeige. Knallte mir eine, mitten ins Gesicht. Und nachher sollte ich wieder \u201eein liebes Kind\u201c sein. Dabei hatte ich doch gar nichts gemacht. Nur nachgefragt. Das brachte sie in Rage.<\/p>\n<p>Die merkw\u00fcrdige Unruhe au\u00dferhalb unserer Wohnung, im Hausflur, vor den Glasscheiben, die mit Vorh\u00e4ngen verdeckt waren, schien anzuschwellen. Menschen schienen treppauf-treppab zu eilen. Die Holztreppen knarrten. Ein Konzert von schrillen Stimmen streifte mein Ohr.<\/p>\n<p>Ich riss die Korridort\u00fcr auf, und rannte die Treppen hinauf, nach oben, zum Speicher, von dort schienen die aufgeregten Stimmen zu kommen, wie ein auf- und abschwellendes Crescendo. Die blankgewienerten Holztreppen wurden nach oben hin enger, beinah zu Wendeltreppen, am letzten Absatz, vor der Speichert\u00fcr, dr\u00e4ngten sich Menschen, die Stimmen \u00fcberschlugen sich, und ich sah, wie jemand wild gestikulierte. Was war da los? Ich schl\u00e4ngelte mich durch ein paar fremde K\u00f6rper,\u00a0 duckte mich, machte mich klein und stand endlich in dem gro\u00dfen Trockenspeicher, wo ich so oft die W\u00e4sche aufh\u00e4ngen musste, weil meine Mutter keine Lust dazu hatte. Auch jetzt waren wieder Bettlaken zum Trocknen aufgeh\u00e4ngt. Ich schob ein wei\u00dfes Laken, das mir die Sicht versperrte zur Seite. Und mein Blick erstarrte. Zwischen wei\u00dfen, trocknenden Bettlaken, hing ein Mensch, am Haken, vor der Decke herab. Er hatte sich aufgeh\u00e4ngt. Es war einer der S\u00f6hne, der \u00e4lteste?\u00a0 der neuen Familie, der Fl\u00fcchtlingsfamilie.<\/p>\n<p>Ich rannte zur\u00fcck nach unten, in die Wohnung, warf mich auf die Couch und brach in Tr\u00e4nen aus. Ich kannte die Worte noch nicht, f\u00fcr meine Gef\u00fchle, es war Mitleid?\u00a0 Spontane Trauer? Entsetzen? Alles zusammen? Dieses freudlose, schlichte Mietshaus. Die verhassten Treppen. Der uralte Speicher, die vergammelten Mansarden, in denen Plunder aufbewahrt wurde. Wozu.<\/p>\n<p>Meine Mutter kochte Kaffee. Und reichte belegte Brote. Sie war gut in sowas. Damals jedenfalls. In unserer Wohnung standen pl\u00f6tzlich all die fremden Menschen.<\/p>\n<p>Und einer in Uniform. Der Fragen stellte.<\/p>\n<p>Und erstmals sah ich die Mutter des Mannes, der sich auf unserem W\u00e4schespeicher das Leben genommen hatte. Sie war eine alte Frau. Wei\u00dfhaarig. Klein, ein wenig rundlich, was eigentlich nicht zu ihren scharfgeschnitterten Z\u00fcgen passte. Sie trug einen schwarzen Schal, locker geschlungen, um ihre wei\u00dfen Haare. Sie weinte nicht. Sie sagte nichts.\u00a0 Sie hielt die Tasse mit dem hei\u00dfen Kaffee in ihren H\u00e4nden und murmelte irgendwann ein aufgeschrecktes \u201eDankesch\u00f6n!\u201c Ich h\u00f6rte etwas von Ostpreussen, was mir nichts sagte, und von \u201edie alte Heimat\u201c \u2013 als unsere Korridort\u00fcr aufgerissen wurde, und die beiden anderen Geschwister, auch sie erwachsen, aus meiner Sicht des kleinen M\u00e4dchens, standen im Raum.<\/p>\n<p>\u201eWas ist denn passiert? Wieso ist unsere Mutter nicht unten in ihrer Wohnung?\u201c riefen sie durcheinander.<\/p>\n<p>Ich hatte mich in eine Ecke unseres Wohnzimmers verkrochen, sah all diese aufgel\u00f6sten Gesichter, ich verstand wenig, von all den Worten, aber ich wu\u00dfte, etwas Furchtbares war geschehen, und hatte diese Familie, die so stolz schien, so unnahbar, so gemessen, wenn man sie im kalten Hausflur traf, ihr k\u00fchles \u201eGuten Tag! \u2013 Sie war, gebrochen, zerbrochen, diese Familie, die \u201eFl\u00fcchtlingsfamilie\u201c genannt wurde.<\/p>\n<p>Ich habe diesen Vormittag nie vergessen k\u00f6nnen. Und werde es auch nicht, niemals. Jetzt, nach den Ereignissen in meinem Leben, und des Nachbarn, dessen Scheune niedergebrannt, die Frau verschwunden, \u00fcber den Zustand der St\u00f6rche wu\u00dfte ich noch nichts \u2013 und ich jetzt, wie mitten aus meinem doch noch jungen Leben gerissen, zertr\u00fcmmert irgendwie, eine Frau mit ihrem Ungeborenen im Leib, noch kein Jahr verheiratet, in die Fremde mit dem Geliebten gezogen, verlassen, alleingelassen, sich selbst \u00fcberlassen. Nicht zu wissen, wohin. Und wovon sollte ich leben? Ich hatte kaum gearbeitet, seit wir in den Norden gezogen waren. Mein Mann wollte es so. Er hatte es schmeichelnd formuliert \u2013 \u201eJetzt brauchst Du doch mal eine Weile nicht zu arbeiten, kannst uns das Haus einrichten..\u201c Jaja, in Wirklichkeit die Hausmagd vom Dienst, daf\u00fcr hatte ich nicht geheiratet, dass ich ab sofort wieder so viel arbeiten mu\u00dfte, im Haushalt, wie fr\u00fcher f\u00fcr meine Mutter? Der K\u00fchlschrank leer? Wo war das Bier? Und abends dann die Sch\u00fcrze an den Nagel, die Lippen rot angemalt und die Beine breit machen? Nein, so hatte ich mir eine Ehe nicht vorgestellt. \u00dcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>Meine Gedanken wanderten zur\u00fcck in dieses schmucklose, einfache Haus in der Kleinstadt, in der ich als Kind gewohnt hatte, und in dem sich ein junger Mann aufgeh\u00e4ngt hatte. Ja, es schien alles zu passen. Denn ich mochte dieses Haus nicht. Auch nicht die Wohnung.\u00a0 Auch nicht den Ton, der zwischen meinen Eltern herrschte, und der mich auch traf, ich sp\u00fcrte diese angespannte, ungute Atmosph\u00e4re, die jederzeit in Gewalt ausarten konnte, wenn wir mittags beim unvermeidlichen Essen zusammensa\u00dfen. Ein unpassendes Wort fiel \u2013 und es war Krieg! Mein Vater br\u00fcllte herum. Er schlug auch gerne mit der Faust auf den Tisch. Meine Mutter blickte unter sich oder weinte. Und ich sa\u00df dazwischen, hilflos, ausgeliefert. Und ich zuckte erschrocken zusammen, auch das passte zu allem, wenn die Panzer um die Kurve bogen, die Erde bebte, das Geschirr auf dem Tisch klirrte, dabei war der Krieg doch zu Ende. Sie nannten es \u201eMan\u00f6ver\u201c. Alles war bedrohlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Rubrik wird\/wurde wieder gel\u00f6scht.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[36],"tags":[],"class_list":["post-85170","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-zeitschritt","entry"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>..aber sie ist noch da.... - Feminissima<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2008\/05\/11\/aber-sie-ist-noch-da\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"..aber sie ist noch da.... - 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