{"id":84664,"date":"2006-10-03T15:24:30","date_gmt":"2006-10-03T15:24:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.feminissima.de\/?p=84664"},"modified":"2006-10-03T15:24:30","modified_gmt":"2006-10-03T15:24:30","slug":"presse-hymne-an-wortmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2006\/10\/03\/presse-hymne-an-wortmann\/","title":{"rendered":"PRESSE: HYMNE AN WORTMANN"},"content":{"rendered":"<p>Der vielleicht sch\u00f6nste, eindrucksvollste, bewegendste Artikel von Reinhard Mohr in spiegel-online: \u00fcber einen Dokumentarfilm, der heute am PODSDAMER PLATZ in BERLIN PREMIERE hat: den sch\u00f6nsten, eindrucksvollsten, bewegendsten Film \u00fcber einen Sommer, der wie f\u00fcr die Ewigkeit gemacht war&#8230;der Sommer 2006&#8230;kurz: &#8222;Die WM!&#8220;<br \/>03. Oktober 2006<\/p>\n<p>WORTMANNS WM-FILM<\/p>\n<p>&#8222;Das ist unser Spiel! Das ist unser Spiel!&#8220;<\/p>\n<p>Von Reinhard Mohr <\/p>\n<p>Man hat es fast schon vergessen: Vor drei Monaten sorgte die deutsche Nationalelf bei der Fu\u00dfball-WM f\u00fcr ein anderes, euphorisches Deutschlandgef\u00fchl. S\u00f6nke Wortmanns &#8222;Deutschland &#8211; ein Sommerm\u00e4rchen&#8220; holt die Emotionen zur\u00fcck. Und zeigt einen Klinsmann, wie man ihn noch nie gesehen hat. <\/p>\n<p>Na toll. Jetzt haben wir wieder Gesundheitsreform rund um die Uhr. Merkel-Chaos. M\u00fcnte-Falten. Pofalla-N\u00e4seln. Kurt-Beck-Speck. Niemand blickt mehr durch. Nicht einmal Professor R\u00fcrup. Auch egal. Derweil setzen die islamistischen Terroristen ihren Kofferbomben-Dschihad fort, und die ihm vorauseilende Angst macht weder vor dem Papst noch vor Mozart-Opern halt. Dazu gibt&#8217;s Wahlerfolge der Neonazis und tonnenweise weiteres Gammelfleisch, und, nat\u00fcrlich, G\u00fcnter Grass, die alte Zwiebelhaut. Nicht zu vergessen das &#8222;Eva-Prinzip&#8220;. Und kein Ulrich Wickert mehr, der wenigstens eine &#8222;geruhsame Nacht&#8220; w\u00fcnscht.<\/p>\n<p> Kinowelt<\/p>\n<p>Das Deutschlandgef\u00fchl im Herbst 2006, ein grimmiges Winterm\u00e4rchen: &#8222;Ein feuchter Wind, ein kahles Land\/ Die Chaise wackelt im Schlamme&#8220; klagte schon Heinrich Heine in der holprigen Kutsche. Hinter Paderborn wurde es auch nicht besser. Besser? War es tats\u00e4chlich mal irgendwo und irgendwann besser bei uns? So richtig sch\u00f6n? Klasse, geil, cool, wunderbar, traumhaft, locker, leicht?<\/p>\n<p>Ja doch.<\/p>\n<p>Wer&#8217;s partout nicht glauben will, kann ab Donnerstag ins Kino gehen. Denn jetzt gibt es mit S\u00f6nke Wortmanns &#8222;Deutschland &#8211; ein Sommerm\u00e4rchen&#8220; den offiziellen Film zur fast schon vergessenen Wirklichkeit. Gerade mal drei Monate ist es her. Nur zur Erinnerung: &#8222;Wir stehen regelrecht unter Schock&#8220;, zitierte Andr\u00e9 Heller damals viele internationale Beobachter. &#8222;Die Deutschen sind uns pl\u00f6tzlich sympathisch!&#8220;<\/p>\n<p>Oh Schreck, wie konnte es so weit kommen? So fragte nicht nur das deutsche Feuilleton, das sogleich eine Patriotismusdebatte er\u00f6ffnete &#8211; \u00fcber den ausufernden schwarzrotgoldenen Flaggenschmuck, das massenhafte Mitsingen der Nationalhymne und jenes merkw\u00fcrdige Ph\u00e4nomen, dass nun auch junge Frauen die Abseitsregel erkl\u00e4ren konnten.<\/p>\n<p>Heimvideo f\u00fcr die Ewigkeit<\/p>\n<p>S\u00f6nke Wortmanns 108-min\u00fctiger Dokumentarfilm \u00fcber die deutsche Fu\u00dfballnationalmannschaft vor und w\u00e4hrend der WM, der heute, am &#8222;Tag der deutschen Einheit&#8220;, am Potsdamer Platz in Berlin Premiere feiert, ist zun\u00e4chst ein selten intimer Blick hinter die medialen Kulissen der Klinsi-Kicker, die unbedingt Weltmeister werden wollten. Fu\u00dfballdeutschland privat. Eine Art Heimvideo f\u00fcr die Ewigkeit.<\/p>\n<p>Zugleich aber ist Wortmanns Film eine Innenaufnahme deutscher Seelenzust\u00e4nde im Sommer 2006, das Protokoll einer Ver\u00e4nderung, die Skizze einer neuen Generation, das bewegte und bewegende Album eines anderen Lebensgef\u00fchls in Deutschland. Und damit auch eine Antwort auf die Frage, warum die Deutschen pl\u00f6tzlich so sympathisch wirkten und was es mit dem seltsamen &#8222;Partyotismus&#8220; auf sich hatte.<\/p>\n<p>Mit seiner Panasonic-Handkamera, einer sogenannten &#8222;Digicam&#8220;, hat Wortmann, das Plazet von DFB und Fifa in der Tasche, insgesamt zwei Jahre lang auf den Zufall, den Augenblick, die Stimmung gewartet. Er durfte in die Mannschaftskabine und aufs Zimmer der Spieler, zum Training und an die Massagebank, in die WM-Stadien und in den Teambus. Sein zweiter Kameramann Frank Griebe \u00fcbernahm die Au\u00dfenaufnahmen, jubelnde Fans und Stadionszenen. Etwa 100 Stunden gedrehtes Material kam so zusammen, das von Schnittprofis erst massiv, dann fein und feiner eingedampft wurde.<\/p>\n<p>Als es noch f\u00fcnf Stunden waren, &#8222;begann es spannend zu werden&#8220;, sagt Wortmann, dessen Spielfilmdeb\u00fct &#8222;Allein unter Frauen&#8220; 1991 den Reigen der &#8222;Beziehungsfilme&#8220; in den neunziger Jahren einleitete. Ber\u00fchmt und erfolgreich wurde er 1994 mit dem Zeitgeist-Epos &#8222;Der bewegte Mann&#8220;, das sechseinhalb Millionen Zuschauer anzog. Zuletzt brachte er &#8222;Das Wunder von Bern&#8220; (2003) in die Kinos, eine dramatische Reminiszenz an den legend\u00e4ren Gewinn der Fu\u00dfballweltmeisterschaft von 1954. <\/p>\n<p>Effiziente Amerikanisierung<\/p>\n<p>Am Anfang seines neuen Films ist Stille. Totenstille. Leere Gesichter. Nichts als Schweigen und Niedergeschlagenheit in der Mannschaftskabine nach dem 0:2 gegen Italien im Halbfinale. In letzter Sekunde hatten Totti &#038; Co. den Traum vom WM-Finale zerst\u00f6rt. Das ganze Land war pl\u00f6tzlich in eine merkw\u00fcrdige Stille und Ged\u00e4mpftheit verfallen, in Traurigkeit und Entt\u00e4uschung, die jedoch keineswegs in Aggressivit\u00e4t umschlugen. Nur zum &#8222;Italiener&#8220;, mit Verlaub, mochte man erstmal nicht mehr gehen. Die Nahrungsaufnahme zwischen Pizza und Pasta wurde massenhaft verweigert.<\/p>\n<p>R\u00fcckblende. Trainingslager auf Sardinien sieben Wochen zuvor. Die &#8222;Spielerfrauen&#8220;, die wie eine Modelschule auf Klassenausflug wirken, posieren in der Sonne, w\u00e4hrend Poldi und Schweini Bowling spielen, in Aldiletten herumalbern und zwischendurch von den amerikanischen Fitnessprofis im Kraftraum hart rangenommen werden. Dabei absolvieren sie gymnastische \u00dcbungen, \u00fcber die &#8222;Ente&#8220; Lippens, &#8222;Katsche&#8220; Schwarzenbeck und &#8222;Stan&#8220; Libuda nur den Kopf gesch\u00fcttelt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Diese Art von Amerikanisierung der Verh\u00e4ltnisse l\u00e4sst man sich freilich gerne gefallen: Effektiv, erfolgreich und elegant zugleich. &#8222;Deutsche Tugenden&#8220;, erkl\u00e4rt der damalige Co-Trainer Jogi L\u00f6w, &#8222;die sind doch sowieso nur noch die Grundlage&#8220;. Mit ihnen allein k\u00f6nne man heute keinen Blumentopf mehr gewinnen. Und so arbeiten nicht nur die kalifornischen Fitnessexperten, sondern auch Manager Oliver Bierhoff und der deutsche Psychologe Dr. Hans-Dieter Hermann, die Physiotherapeuten und Mannschafts\u00e4rzte, der Zeugwart, der &#8211; italienische! &#8211; Koch, der Dolmetscher, der Busfahrer und &#8211; last, but not least &#8211; der &#8222;Scout&#8220; Urs Siegenthaler, der jeden Grashalm auf Costa Rica pers\u00f6nlich kennt, gemeinsam am gro\u00dfen Projekt WM 2006.<\/p>\n<p>&#8222;Deutschland &#8211; ein Sommerm\u00e4rchen&#8220;: Deutsch, aber gl\u00fccklich<\/p>\n<p>Das alles aber w\u00e4re nichts ohne die schw\u00e4bische Klinsi-Power, ohne den gro\u00dfen Motivator, der die Jungs auf die einmalige Chance einschw\u00f6rt, die &#8222;nie wieder kommen wird, f\u00fcr keinen von uns!&#8220; Wohl noch nie hat man den sanften Blonden so gesehen wie in Wortmanns Film: Den Oberk\u00f6rper in st\u00e4ndiger Bewegung, sich teils t\u00e4nzelnd, teils markig um die eigene Achse drehend richtet, besser: schreit er seine Kabinenpredigten kurz vor dem Spiel an die Mannschaft, die mit hochgezogenen Augenbrauen und hoch gerollten Stutzen auf den B\u00e4nken sitzt: &#8222;Da brennt der Baum! Das ist unser Spiel. Das ist unser Spiel! Das lassen wir uns von niemand nehmen! Schon gar nicht von Polen!&#8220;<\/p>\n<p>Vieles spielt sich im Bett ab<\/p>\n<p>Stopp! Keine politisch korrekte Angst hier: Das h\u00e4tte er auch \u00fcber Uruguay gesagt. Und weiter geht&#8217;s, sei der Gegner nun Schweden, Argentinien oder Italien: &#8222;Die stehen mit dem R\u00fccken zur Wand! Und wir, wir dr\u00fccken die durch die Wand! Die haben Muffe vor Euch! Muffe, sag&#8216; ich! Denen m\u00fcssen wir auf die Fresse geben! Heute sind sie f\u00e4llig! Die hau&#8217;n wir weg!&#8220;<\/p>\n<p>Wenige Minuten vor dem Italien-Spiel zeigt sich Torsten Frings als gelehriger Klinsi-Sch\u00fcler: &#8222;Wir gehen jetzt raus und hau&#8217;n die Schei\u00dfe weg!&#8220;, vergattert er die Mannschaft. Es ist diese konkrete Poesie, deretwegen wir den Fu\u00dfball lieben, und S\u00f6nke Wortmanns Sommerm\u00e4rchen liefert einige Strophen zum gro\u00dfen Gesang.<\/p>\n<p>Vieles spielt sich im Bett ab, dem bevorzugten Ort f\u00fcr Gespr\u00e4che mit den Spielern, abseits der Partyzelte, Banketts\u00e4le und Lounge-Landschaften im Schlosshotel Grunewald. Vieles ist spontan, freiwillige oder eher unfreiwillige Situationskomik &#8211; ob bei Oliver Neuvilles Problemen mit der Urinprobe, Kloses rasanter Frisurver\u00e4nderung oder beim Hotel-Besuch der Bundeskanzlerin, den Bastian Schweinsteiger, der Mannschaftsclown, feixend f\u00fcr ein politisches Statement direkt in die Kamera nutzt: &#8222;Steuers\u00e4tze runter!&#8220; Hier und da ist der Mannschafts-Junior auch mit der &#8222;Schweinicam&#8220; in Aktion. <\/p>\n<p>Taktik hin, Wade her<\/p>\n<p>Doch Taktikbesprechung hin, Ballacks Wade her &#8211; all das ist kein Heldenepos, keine nationale Oper, kein kitschiges R\u00fchrst\u00fcck, auch keine verlogene Doku-Soap \u00e0 la &#8222;Elf-Freunde-m\u00fcsst-Ihr-sein&#8220;. Wortmanns Film ist schon eher ein Kammerspiel, anr\u00fchrend und bewegend, doch \u00fcberwiegend unpr\u00e4tenti\u00f6s und ohne saftig schmelzenden, schon gar nicht patriotischen Klangteppich.<\/p>\n<p>Der Soundtrack ist pointiert und wirkungsvoll, aber angenehm n\u00fcchtern und zur\u00fcckhaltend. Die entscheidenden Spiel- und Torszenen werden nur wie optische Stichworte zitiert, die der Chronologie der Ereignisse folgen. Gegen Ende freilich, nach der \u00fcberwundenen Schockstarre des verlorenen Halbfinales, kommt das Crescendo, braust der Jubel auf, eine kleine deutsche Apotheose: &#8222;Marmorstein und Eisen bricht&#8230;!&#8220; singt die Mannschaft nach dem Sieg \u00fcber Portugal in Stuttgart wie entfesselt, und auch der smarte Oliver Bierhoff legt nun alle Zur\u00fcckhaltung ab.<\/p>\n<p>In ganz Deutschland wurde der dritte Platz &#8211; fast &#8211; wie der WM-Titel gefeiert, und das war schon die halbe Antwort auf die Frage, die S\u00f6nke Wortmanns Film vervollst\u00e4ndigt: Effizienz und Lockerheit, Entschlossenheit und Leichtigkeit, Selbstbewusstsein und Selbstironie &#8211; das geht zusammen in Deutschland. Und ohne es darauf anzulegen, zeigen die Klinsi-Jungs, dass ihnen alles martialische Gehabe fremd ist. Sympathisch fremd.<\/p>\n<p>Wie nebenbei dokumentiert der Film durch seine eigene Dramaturgie und Tonlage, dass es im Sommer 2006 da eine historische Z\u00e4sur gegeben hat, die auch die 28. Gesundheitsreform nicht mehr ungeschehen machen kann: Deutsch, aber gl\u00fccklich. Mehr als ein Sommerm\u00e4rchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der vielleicht sch\u00f6nste, eindrucksvollste, bewegendste Artikel von Reinhard Mohr in spiegel-online: \u00fcber einen Dokumentarfilm, der heute am PODSDAMER PLATZ in BERLIN PREMIERE hat: den sch\u00f6nsten, eindrucksvollsten, bewegendsten Film \u00fcber einen Sommer, der wie f\u00fcr die Ewigkeit gemacht war&#8230;der Sommer 2006&#8230;kurz: &#8222;Die WM!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[32],"tags":[],"class_list":["post-84664","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-supissima","entry"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>PRESSE: HYMNE AN WORTMANN - Feminissima<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2006\/10\/03\/presse-hymne-an-wortmann\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"PRESSE: HYMNE AN WORTMANN - 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