{"id":84480,"date":"2006-06-17T02:32:59","date_gmt":"2006-06-17T02:32:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.feminissima.de\/?p=84480"},"modified":"2006-06-17T02:32:59","modified_gmt":"2006-06-17T02:32:59","slug":"klaus-lemke-regisseur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2006\/06\/17\/klaus-lemke-regisseur\/","title":{"rendered":"KLAUS LEMKE, Regisseur"},"content":{"rendered":"<p>oh, man mu\u00df wieder viel \u00f6fter, ja t\u00e4glich, so wie fr\u00fcher, die S\u00dcDDEUTSCHE lesen, um \u00fcberhaupt!<br \/>\nAber zwischendrin war mal so ein leicht hoch-auff\u00e4llig konservativer Einknicker, der scheint wieder behoben&#8230;aber noch nicht wirklich wieder alles gecheckt&#8230;aber dieses INTERVIEW vom letzten JAHR, im NETZ gefunden&#8230;ist ein Batzen Gold, wirklich. Zeigt dir, dass da drau\u00dfen noch Leben ist, au\u00dferhalb von Berlin&#8230; &#8222;Richtiges Leben..!&#8220;<br \/>  Ressort: Kultur<br \/>\nURL: \/kultur\/artikel\/852\/53799\/article.html<\/p>\n<p>\n 27.05.2005   14:47 Uhr  <\/p>\n<p>Im Interview: Klaus Lemke<br \/>\nExakt seit letzten Sonntag <br \/>\nfinde ich Deutschland <br \/>\nnicht mehr uncool&#8220; <\/p>\n<p>Klaus Lemke hat Iris Berben endtdeckt und den deutschen Film um die g\u00f6ttliche Cleo Kretschmer bereichert. Im Interview spricht er \u00fcber die anstehenden Neuwahlen und generell \u00fcber Menschen, die noch \u00fcber einen Gesichtsausruck verf\u00fcgen. Und das sind nicht: professionelle Schauspieler. <br \/>\nRebecca Casati \/ Alexander Gorkow <\/p>\n<p>\nEs gibt offenbar immer noch zu wenige Drehorte, wo sich betrunkene Beleuchter, keifende Aufnahmeleiter und hysterische Schauspielerinnen neben dem Sixt-Budget-Lastwagen ihre dicken Beine in den Bauch stehen.<br \/>\nFoto: http:\/\/www.mach-dich-grade.de\/ <\/p>\n<p>\nKlaus Lemke wird im Herbst 65 und dreht seit 40 Jahren, wie er selbst sagt, \u201eWorking-Class-Filme\u201c. Er ist einer der gradlinigsten Filmemacher Deutschlands, und: der lustigste. Der WDR zeigt vom 6.Juni (23.15Uhr) an eine Auswahl seiner Filme. Es beginnt mit \u201eAmore\u201c (1979, mit Cleo Kretschmer und Wolfgang Fierek) \u2013 und endet am 4.Juli mit dem grandiosen neuen Film \u201e3Minuten Heroes\u201c, der auch auf dem M\u00fcnchner Filmfest laufen wird. Weitere Informationen unter: www.mach-dich-grade.de. Lemke lebt in M\u00fcnchen. <\/p>\n<p>SZaW: Klaus Lemke, reden wir \u00fcber Geschichten! Wie beginnen bei Ihnen Filmdreharbeiten?<\/p>\n<p>Lemke: Wenn alle da sind, gehts los. Da darf man nicht lange fackeln mit Stellproben und so. Ist das der Anfang vom Interview? <\/p>\n<p>\nSZaW: Wir fackeln auch nicht lange.<\/p>\n<p>Lemke: Das ist gut. So ist das gut. <\/p>\n<p>\nSZaW: Wir haben uns nochmal alte und neue Filme von Ihnen angeschaut, zum Beispiel die mit Ihrer Muse Cleo Kretschmer \u2013 aber auch mit Ihren neuen Musen . . .<\/p>\n<p>Lemke: . . . Annika, Julia, aaah, wunderbar, sie sind sch\u00f6n, sie saugen mich aus, ich liebe sie, sie lieben mich. Nat\u00fcrlich. <\/p>\n<p>\nSZaW: Wie kommen Sie immer noch an diese sch\u00f6nen M\u00e4dchen?<\/p>\n<p>Lemke: Nun, sch\u00f6n? Sie sind erst mal nur interessant. Sch\u00f6n werden sie erst durch mich! Das wissen die auch. Sie sind klug. Sie nutzen mich aus. Sie machen ihr Ding. <\/p>\n<p>\nSZaW: Sie arbeiten mit Jungs und M\u00e4dchen, die Sie auf der Stra\u00dfe oder in Caf\u00e9s aufgabeln. Man muss, wenn man sich durch Ihr Werk schaut, sagen: Die M\u00e4dchen in Deutschland haben sich ver\u00e4ndert, oder? <\/p>\n<p>Lemke: Die sind tougher geworden. Und sie wissen immer noch, dass sie durch mich die Geschichte ihres Lebens erz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Das ist gut so. Das geh\u00f6rt zum gro\u00dfen Lemke-Vampir-System.<\/p>\n<p>\nSZaW: Ist es auch ein Fehler manchmal?<\/p>\n<p>Lemke: Ein Fehler der M\u00e4dchen?<\/p>\n<p>\nSZaW: Nein, Ihr Fehler, sich da st\u00e4ndig ausnutzen zu lassen von diesen tollen Frauen.<\/p>\n<p>Lemke: Ich kann mich eh nur auf meine Fehler verlassen! Aber das Lemke-Vampir-System geht seit vielen Jahren so: Du saugst mich aus, ich sauge dich aus. Ich bin ein deutsches Traditionsunternehmen. <\/p>\n<p>\nSZaW: Und die Jungs? Richtig, dass Jungs bl\u00f6der sind als M\u00e4dchen? Weniger strategisch? Einfach, ja, d\u00fcmmer halt?<\/p>\n<p>Lemke: Bei den Jungs ist es immer noch so, dass ich denen den Arsch aufrei\u00dfen muss. Das sind Typen, die haben als DJ oder Autoschlosser gearbeitet, oder die hatten eine Festanstellung als arbeitsloser Jammerlappen. Nun kommt der Lemke und macht mit denen ein\u2019 Film. Bis zum dritten Drehtag finden die das schonungslos aufregend. Dann aber haben sie all ihren Freunden erz\u00e4hlt, dass sie in einem Film mitspielen. Schon verlieren sie die Lust. Die M\u00e4dchen haben da schon gecheckt, wie die Karriere weitergehen k\u00f6nnte. Ja, Jungs sind bl\u00f6der als M\u00e4dchen. Was schlecht ist, denn eine Gesellschaft ohne starke Jungs ist dem Untergang geweiht.<\/p>\n<p>\nSZaW: . . . und ohne starke M\u00e4dchen?<\/p>\n<p>Lemke: M\u00e4dchen brauchen starke Jungs. Sie wollen kleine Prinzessinen sein. Nat\u00fcrlich bestreiten sie das. Das ist ja das S\u00fc\u00dfe. <\/p>\n<p>\n\u00bb Ich fand Amerika so derartig cool, dass ich gerne in Vietnam einmarschiert und gleichzeitig dagegen protestiert h\u00e4tte. \u00ab<\/p>\n<p>\nSZaW: W\u00fcrden Sie nicht doch mal gerne mit richtigen Schauspielern drehen?<\/p>\n<p>Lemke: Die Antwort ist: nein. <\/p>\n<p>\nSZaW: Wieso nicht?<\/p>\n<p>Lemke: Schauspieler sind irre langweilig, finden Sie nicht? Das ganze System dahinter ist so entsetzlich langweilig. Dass die sich da einen Stoff \u00fcberst\u00fclpen, der nicht ihrer ist, sich zum Sklaven eines Regisseurs machen und dann \u00fcber ihre Figur schw\u00e4tzen, wie sie die angelegt haben, wie sie sich da in was reingelesen und sich was angeeignet haben. Sinnlos und pr\u00e4tenti\u00f6s. Ich interessiere mich nicht f\u00fcr Schauspieler. Ich brauche richtige Menschen. Menschen mit Geschichten. <\/p>\n<p>\nSZaW: Sie haben fr\u00fcher mitunter mit ber\u00fchmten Schauspielern gedreht. Und einige auch entdeckt, Iris Berben und . . . <\/p>\n<p>Lemke: . . . aber es war schon immer ein Problem f\u00fcr mich. Ich erinnere mich noch an diese Sachen, \u201eNegresco\u201c, mit Ira von F\u00fcrstenberg, 1967, da stand man da stundenlang am Set \u2019rum, bis die Beleuchtung stimmte und so ein Schei\u00df, und eigentlich habe ich mich f\u00fcr die kleinen s\u00fc\u00dfen M\u00e4dchen mit den aufgeweckten Gesichtern, die uns da begafften, ich hab\u2019 mich f\u00fcr die mehr interessiert als daf\u00fcr, ob Ira von F\u00fcrstenberg meinen Anweisungen folgt oder nicht. Dieses Film- und Schauspielergetue ist peinlich pr\u00e4tenti\u00f6s. <\/p>\n<p>\nSZaW: Werden Sie sich den neuen Film von Wim Wenders anschauen?<\/p>\n<p>Lemke: Wei\u00df ich gerade \u00fcberhaupt nicht. Wendersfilme muss man ja \u00fcberstehen . . . <\/p>\n<p>\nSZaW: \u00dcberstehen?<\/p>\n<p>Lemke: Wie die Masern. <\/p>\n<p>\nSZaW: Warum wollten Sie als junger Mensch Filmregisseur werden?<\/p>\n<p>Lemke: Amerika nat\u00fcrlich! Geschichten erz\u00e4hlen wie die Amerikaner. Ich fand Amerika so derartig cool, dass ich gerne in Vietnam einmarschiert und gleichzeitig dagegen protestiert h\u00e4tte. Ja, ich wollte Geschichten erz\u00e4hlen wie die Amerikaner.<\/p>\n<p>\nSZaW: Und wie geht das?<\/p>\n<p>Lemke: Indem man cool ist.<\/p>\n<p>\nSZaW: Wie ist man cool?<\/p>\n<p>Lemke: Indem man ein Junge ist, und indem man wie alle Jungs ist: unironisch.<\/p>\n<p>\nSZaW: Haben Sie Cleo Kretschmer und Wolfgang Fierek unironisch geliebt?<\/p>\n<p>Lemke: Ironie ist furchtbar. Nicht alles, was komisch ist oder sein kann, ist ironisch, verstehen Sie? Komik ist was anderes. <\/p>\n<p>\nSZaW: Ist Deutschland uncool?<\/p>\n<p>Lemke: Da kriegen Sie jetzt eine knappe Antwort: Exakt seit letzten Sonntag finde ich Deutschland nicht mehr uncool. <\/p>\n<p>\nSZaW: Wieso nicht?<\/p>\n<p>Lemke: Na h\u00f6rt mal! Wie der Schr\u00f6der mal eben mit der Winchester die Tauben vom Dach schie\u00dft, das war schon eine gro\u00dfe Nummer! Der l\u00e4sst die Merkel da falsch \u2019rumstehen. Die wusste ja erst mal nicht, was sie sagen soll, liest da das alte Zeug vom Zettel ab, die Rede von vorgestern. Sie h\u00e4tte nur sagen m\u00fcssen: \u201eHerr Schr\u00f6der, danke, Neuwahlen, darauf haben wir nur gewartet!\u201c W\u00e4r\u2019 sie die Gr\u00f6\u00dfte gewesen . . . Aber er war gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>\nSZaW: M\u00f6gen Sie Schr\u00f6der? <\/p>\n<p>Lemke: Er ist ein Supermacho, ich finde das phantastisch. Das war ja seine ureigene Idee, der ganze Wahnsinn mit Vertrauensfrage und Neuwahlen. Was f\u00fcr ein Schrei der Begeisterung durch das Land ging. Alles wird den Leuten heute so untergejubelt \u2013 von den einen Langweilern wie von den anderen Langweilern \u2013, pl\u00f6tzlich geht der H\u00e4uptling hin und sagt: \u201eGuten Abend, ich hab\u2019 die Schnauze \u00fcbrigens genau so voll wie ihr, ihr d\u00fcrft nochmal abstimmen, aber diesmal ist wirklich High Noon!\u201c Gro\u00df, finde ich.<\/p>\n<p>\nSZaW: Er wird im Herbst untergehen.<\/p>\n<p>Lemke: Aber mit Sexappeal.<\/p>\n<p>\nSZaW: Was ist Coolness?<\/p>\n<p>Lemke: Cool ist ganz klar, was ein Mann an seinen schlechten Tagen macht. <\/p>\n<p>\nSZaW: Wo ist die Coolness?<\/p>\n<p>Lemke: Die Coolness ist in der Sprache. Ich meine das ohne jede Underground-Attit\u00fcde oder so etwas. Ich hasse Underground und unbequem sein und diesen akademischen Mist. Es geht um Sprache, dass wir endlich ein Deutsch haben, das dem Ungef\u00e4hren des Englischen gleichkommt. <\/p>\n<p>\nSZaW: Deutsch ist erstmal keine coole Sprache.<\/p>\n<p>Lemke: Deutsch ist alles m\u00f6gliche, aber nicht cool. Es sei denn: Du gehst ins Milieu. Das Schwabing der sechziger Jahre war so ein Millieu. Die M\u00e4dchen und Jungs sind auch heute cool, die unstudierten. <\/p>\n<p>\nSZaW: Es muss doch ein paar coole Schriftsteller aus Deutschland geben . . . <\/p>\n<p>Lemke: Das ist schlimmes Kunstgewerbe, wenn man das mal durchdekliniert, oder? Immer so im Preistr\u00e4gerstil. Bei den Schriftstellerinnen geht\u2019s um Mami, Migr\u00e4ne und Magersucht. Bei den Jungs um die neue Nation, diese gek\u00e4mmten Jungs da heute im Feuilletonbetrieb, das sind so ganz besonders rebellische Klappst\u00fchle. Aber der fr\u00fche Wondratschek war cool, der Peter F.Brinkmann war cool, gro\u00dfartig \u2013 aber er war mir auch zu depressiv, ich m\u00f6chte da nicht immer dieses Gejammer um mich haben. Das Milieu in Hamburg ist cool. Der Kiez. Die Rocker. Das hat sich seit Ewigkeiten nicht ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>\nSZaW: Woran liegt das?<\/p>\n<p>Lemke: Hamburg ist eine Stadt am Hafen. Richtige Jungs gibt es nur in einer Hafenstadt.<\/p>\n<p>\nSZaW: Zur Schule gingen Sie in D\u00fcsseldorf . . . <\/p>\n<p>Lemke: . . . hat auch einen Hafen.<\/p>\n<p>\nSZaW: Also, die Sprache des Kiez . . . <\/p>\n<p>Lemke: . . . die M\u00e4dchen und Jungs in Hamburg sprechen dieses sehr feine Rockerdeutsch, das sind nur so ein paar Strichcodes, die blendend sch\u00f6n klingen! <\/p>\n<p>\nSZaW: Das hafenlose M\u00fcnchen hatten wir . . . <\/p>\n<p>. Lemke: . . M\u00fcnchen ist immer noch sexy, nat\u00fcrlich, aber ich hab\u2019 die Stadt jetzt 40 Jahre lang abgefilmt, da geht nichts mehr. Die Frauen in M\u00fcnchen sind nat\u00fcrlich immer noch absolut hochgef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>\nSZaW: Inwiefern?<\/p>\n<p>Lemke: Sie sind sch\u00f6n. Sie sind Risikomaterial. Und sie sind im Streubesitz. <\/p>\n<p>\nSZaW: Was ist mit Berlin?<\/p>\n<p>Lemke: Berlin?<\/p>\n<p>\n\u00bb Figuren wollen erraten und nicht erkl\u00e4rt werden. In den meisten Filmen, zumal den deutschen, muss man sie aber nicht erraten. \u00ab<\/p>\n<p>\nSZaW: Ja, schon davon geh\u00f6rt? Die Hauptstadt.<\/p>\n<p>Lemke: Berlin ist gar nichts. Neowilhelminischer Unsinn. Eine Steinw\u00fcste. Was f\u00fcr verwirrte S\u00f6hne, verspannte T\u00f6chter. <\/p>\n<p>\nSZaW: Schauen Sie viel fern?<\/p>\n<p>Lemke: Ich habe kein\u2019 Fernseher in M\u00fcnchen. Wenn ich in Hamburg drehe, schaue ich fern, im Hotel. Und ich gehe an fast jedem freien Tag ins Kino. Ich mag diese franz\u00f6sischen Ehe-Filme, mit diesen k\u00fcnstlichen Dialogen, immer dasselbe. Amerikanische Filme, immer noch . . . <\/p>\n<p>. <br \/>\nSZaW: . . der neue Wendersfilm spielt doch in Amerika, oder?<\/p>\n<p>Lemke: Keine Ahnung. Wieder die Masernfrage! Ihr seid wirklich richtig lustig.<\/p>\n<p>\nSZaW: Was wir von Ihnen eigentlich wissen wollen, wieso soviele deutsche Filme so langweilig sind und so dick auftragen. <\/p>\n<p>Lemke: Ich denke da nicht dr\u00fcber nach. Nicht mein Problem, euer Problem, oder?<\/p>\n<p>\nSZaW: Und Ihre Filme finden wir hingegen nicht langweilig, sondern aufregend und manchmal auch traurig \u2013 oder auch sehr lustig. Drum sitzen wir heute hier.<\/p>\n<p>Lemke: Also gut, ich kann ja nur sagen, wieso ich das alles so langweilig finde.<\/p>\n<p>\nSZaW: Die Typen sind so fad, oder? <\/p>\n<p>Lemke: Figuren wollen erraten und nicht erkl\u00e4rt werden. In den meisten Filmen, zumal den deutschen, muss man sie aber nicht erraten, weil sie ja st\u00e4ndig erkl\u00e4rt werden. Die Figuren sind da, um die Mechanik eines \u2013 leider meist ziemlich bl\u00f6den \u2013 Plots am Laufen zu halten. Und daran, dass sie st\u00e4ndig erkl\u00e4rt werden, merken Sie, dass die Leute, die den Film gemacht haben, den Plot vorher bei zig Gremien einreichen mussten. Und jedes Gremium hatte noch Fragen und W\u00fcnsche, bis die Figuren dann am Ende \u2013 also in der 120.Drehbuchfassung \u2013 so \u00fcbererkl\u00e4rt sind, dass du den Film vergessen kannst.<\/p>\n<p>\nSZaW: Seit vielen Jahren drehen Sie nur mit Laien. Ist das der Kniff f\u00fcrs Am\u00fcsement? Oder sind bei den anderen Filmen einfach die Drehb\u00fccher so ein Mist?<\/p>\n<p>Lemke: Vieles ist Mist. Origin\u00e4r deutsche Filme haben ja noch schlimmere Dialoge als amerikanische Filme, die nur schlecht auf Deutsch synchronisiert wurden. Dann ist da das ganz gro\u00dfe deutsche Ding: der Subventionswahnsinn! Diese Subventionierei macht aus jedem Film ein erstklassiges Begr\u00e4bnis. Man sollte diesen Subventionshaushalt sofort stoppen, nicht nur beim Film, auch beim Theater. Auf diese Art entsteht ein fettes Versorgungssystem. Aber keine Kunst, die es ernst meint \u2013 und die sich von selbst ihr Publikum sucht.<\/p>\n<p>\nSZaW: Sie haben gut reden.<\/p>\n<p>Lemke: Sowieso hab\u2019 ich gut reden.<\/p>\n<p>\nSZaW: Ihre Filme sind preiswert!<\/p>\n<p>Lemke: Ja, und wieso nur meine? Den anderen musst du sagen: Mensch, mach halt einen etwas kleineren Film, aber mach deinen Film! Wenn wir den Filmf\u00f6rderungswahnsinn \u00fcber Nacht abschaffen, sind wir in zwei Jahren das kreativste und erfolgreichste Filmland in Europa.<\/p>\n<p>\nSZaW: Ein paar Leute w\u00e4ren dann arbeitslos.<\/p>\n<p>Lemke: Ihr habt mich gefragt, wieso diese Filme so langweilig sind.<\/p>\n<p>\n\u00bb Wenn man Geschichten f\u00fcrs Publikum macht und die mit Steuermitteln finanziert, ist der Wurm drin. \u00ab<\/p>\n<p>\nSZaW: Was ist schlecht an Subventionen? <\/p>\n<p>Lemke: Wenn man Geschichten f\u00fcrs Publikum macht und die mit Steuermitteln finanziert, ist der Wurm drin. Jeder wei\u00df es, keiner \u00e4ndert es, weil es offenbar immer noch zu wenige Drehorte gibt, wo sich betrunkene Beleuchter, keifende Aufnahmeleiter und hysterische Schauspielerinnen neben dem Sixt-Budget-Lastwagen ihre dicken Beine in den Bauch stehen.<\/p>\n<p>\nSZaW: Nun ja, die Leute m\u00fcssen doch was verdienen, also nicht alle Filme . . . <\/p>\n<p>Lemke: Na, ich weine gleich. Was hat das den Steuerzahler zu interessieren, dass der Regisseur f\u00fcr zwei geschiedene Frauen und sechs Kinder aufkommen muss, der Vollidiot . . . Nein, nein, meine Lieben! <\/p>\n<p>\nSZaW: Die Filme sind Kompromiss-Bastarde? <\/p>\n<p>Lemke: Nat\u00fcrlich. Wenn du dich st\u00e4ndig h\u00fcbsch machen musst f\u00fcr die F\u00f6rdergremien, hier antichambrieren, da rumschleimen, das Drehbuch achtmal umschreiben, um auch das neunte Gremium zu \u00fcberzeugen: Danach bist du nat\u00fcrlich so mit den Nerven fertig, dass du im Ernst nicht auch noch einen guten Film drehen kannst. Es geht da immer um die gr\u00f6\u00dfte aller Jungsfragen: Mann oder Maus?<\/p>\n<p>\nSZaW: Dem deutschen Film fehlen M\u00e4nner?<\/p>\n<p>Lemke: Eine einzige M\u00e4usekatastrophe. <\/p>\n<p>\nSZaW: Was kostet ein Lemkefilm? Zum Beispiel so einer wie \u201e3 Minuten Heroes\u201c oder \u201eTr\u00e4um weiter, Julia!\u201c<\/p>\n<p>Lemke: Ein Lemkefilm in Hamburg kostet unter 50000 Euro. Ein Lemkefilm im Ausland kostet unter 100000 Euro. <\/p>\n<p>\nSZaW: Das strecken Sie vor \u2013 und verkaufen den Film sp\u00e4ter an einen Sender, wie jetzt zum Beispiel an den WDR?<\/p>\n<p>Lemke: So ist es. <\/p>\n<p>\nSZaW: Davon kann man leben?<\/p>\n<p>Lemke: Ich mach noch ein paar Werbefilme, ja, insgesamt kann man dann prima leben.<\/p>\n<p>\nSZaW: Ein gro\u00dfer Spielfilm ist unter vier Millionen Euro kein gro\u00dfer Spielfilm.<\/p>\n<p>Lemke: Aber um das Geld zusammenzukratzen, muss man Sachen machen, die furchtbar sind. Will ich nicht. Ergo: keine Gremien, keine Schauspieler, keine Kosten.<\/p>\n<p>\nSZaW: Was ist f\u00fcr Sie eine gute Geschichte? <\/p>\n<p>Lemke: Ich gehe auf die Stra\u00dfe und schaue den Leuten die Geschichten aus den Augen ab. Ich habe dann eine Geschichte im Kopf, mehr ein Handlungsger\u00fcst, da baue ich diese Leute dann ein. <\/p>\n<p>\nSZaW: Woran merken Sie, dass jemand eine so interessante Geschichte mitbringt, dass Sie den in einen Film einbauen wollen?<\/p>\n<p>Lemke: Wenn einer als Typ so stark ist, dass ich auf dessen St\u00e4rke eifers\u00fcchtig bin, baue ich den in eine Geschichte ein. Und wenn ich ein M\u00e4dchen sehe, die etwas drauf hat, das mir abgeht, dann will ich die haben. Wie gesagt: Ich sauge die aus. Und die mich nat\u00fcrlich auch.<\/p>\n<p>\nSZaW: Das Lemke-Vampir-System.<\/p>\n<p>Lemke: Und das Vodoo-Economic-System: Jeder bekommt 50 Euro am Tag, egal ob er die Kamera bedient oder ein M\u00e4dchen drei S\u00e4tze sagt oder ein Typ zwanzig.<\/p>\n<p>\nSZaW: Wie erkennen Sie, das jemand eine gute Geschichte hat? Was f\u00fcr Fragen stellen Sie den Leuten?<\/p>\n<p>Lemke: Keine Fragen! Bei den Jungs schaue ich mir die Freundin an. Wenn ich sehe, wie die ihn dirigiert, lerne ich mehr \u00fcber den, als wenn er mir da erz\u00e4hlt, was f\u00fcr ein hei\u00dfer Typ er ist. Und bei den M\u00e4dchen schaue ich in den Kleiderschrank.<\/p>\n<p>\nSZaW: Wieso das?<\/p>\n<p>Lemke: Ich frage nach ihrem Lieblingskleid. Und warum das ihr Lieblingskleid ist. Schon kommt die Geschichte. Das funktioniert immer, schon seit zig Jahren. <\/p>\n<p>\nSZaW: Wozu brauchen wir Geschichten?<\/p>\n<p>Lemke: Verf\u00fchrung halt. Man geht anders raus, als man reinkommt ins Kino. Dein Herzschlag ist wieder okay, wenn du dir einen Leone angesehen ist. Die Dinge sehen wieder besser aus. Oder?<\/p>\n<p>\nSZaW: Ja, das stimmt. Aber auch das Leben? <\/p>\n<p>Lemke: Nun, man denkt das immerhin. Ich brauche B\u00fccher, ich brauche Filme. Ich krieg\u2019 sonst die Frage nicht beantwortet, die ich mir \u2013 mit malizi\u00f6sem L\u00e4cheln nat\u00fcrlich \u2013 t\u00e4glich selbst stelle! <\/p>\n<p>\nSZaW: Wie lautet diese Frage? <\/p>\n<p>Lemke: Lemke, hast du den Fu\u00df in der T\u00fcr oder bereits wieder den Kopf in der Schlinge?<\/p>\n<p>\nSZaW: Und?<\/p>\n<p>Lemke: Und jetzt machen wir mal Schluss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>oh, man mu\u00df wieder viel \u00f6fter, ja t\u00e4glich, so wie fr\u00fcher, die S\u00dcDDEUTSCHE lesen, um \u00fcberhaupt!<br \/>\nAber zwischendrin war mal so ein leicht hoch-auff\u00e4llig konservativer Einknicker, der scheint wieder behoben&#8230;aber noch nicht wirklich wieder alles gecheckt&#8230;aber dieses INTERVIEW vom letzten JAHR, im NETZ gefunden&#8230;ist ein Batzen Gold, wirklich. 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