{"id":84433,"date":"2006-04-19T13:56:41","date_gmt":"2006-04-19T13:56:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.feminissima.de\/?p=84433"},"modified":"2006-04-19T13:56:41","modified_gmt":"2006-04-19T13:56:41","slug":"spiegel-buch-heimkinder-schicksale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2006\/04\/19\/spiegel-buch-heimkinder-schicksale\/","title":{"rendered":"SPIEGEL-Buch  Heimkinder-Schicksale"},"content":{"rendered":"<p>&#8230;ein totgeschwiegenes Kapitel &#8211; der deutsche Sadismus hinter dem Nonnenh\u00e4ubchen und dem Talarengewand&#8230;ein Spiegel-Autor hat jetzt in Interviews &#8211; mehr: (quelle: spiegel-online.de)<br \/>HEIMKINDER-SCHICKSALE<\/p>\n<p>20 Euro f\u00fcr 15 Jahre Leid<\/p>\n<p>Von Peter Wensierski <\/p>\n<p>Bedauern, Aufarbeitung, Begegnung: Nachdem die Leiden misshandelter Heimkinder lange totgeschwiegen wurden, nehmen sich nun Kirchen und Politik ihres Schicksals an. Auch wenn Bewegung in das Thema kommt, reagieren manche Geistliche mit h\u00f6chst zweifelhaften Gesten.<\/p>\n<p>\nHamburg &#8211; Hoffnungsvoll nahm J\u00fcrgen Schubert, 59, dieser Tage einen ganz besonderen Brief in Empfang. Der Absender: die Kongregation der Barmherzigen Schwestern in Paderborn. Einen Monat zuvor hatte der Mann aus Aachen der Generaloberin der Nonnen seine Lebensgeschichte mit der Bitte um Stellungnahme zugesandt. Unter dem Titel &#8222;Mundtot&#8220; hatte er notiert, welche Qualen er einst in einem Heim des Ordens erlitten hatte, in dem er 15 Jahre lang, so Schubert, &#8222;als abgeschobenes uneheliches Kind dahinvegetierte&#8220;.<\/p>\n<p>\nDUNKLES KAPITEL: HEIMKINDER IN DER BUNDESREPUBLIK<\/p>\n<p> Das Opfer der Nonnen hoffte auf ein paar Worte der Entschuldigung. Doch von Bu\u00dfe keine Spur: Der Briefumschlag enthielt nur eine Karte mit wenigen Zeilen und einem seltsamen Lob. Sein Lebensbericht sei &#8222;sachlich und spannend verfasst&#8220;, schrieb Generaloberin C\u00e4cilie M\u00fcller, zudem habe der Text &#8222;keine Vorw\u00fcrfe&#8220; enthalten &#8211; was sie und ihre Schwestern &#8222;erleichtert&#8220; zur Kenntnis genommen h\u00e4tten. Doch irgendwie muss die fromme Schwester doch das Gewissen geplagt haben: Der Karte lag ein 20-Euro-Schein bei, als &#8222;Anlage&#8220;.<\/p>\n<p>Nun ist der Zorn des Mannes, der von 1949 bis 1964 im Johannesstift im sauerl\u00e4ndischen Marsberg gelebt hatte, gr\u00f6\u00dfer als je zuvor. &#8222;Zwanzig Euro Wiedergutmachung nach 15 Jahren des Eingesperrtseins? Nach Pr\u00fcgel, Dem\u00fctigung und Kinderarbeit?&#8220;, emp\u00f6rt er sich und kann &#8222;so viel Unbarmherzigkeit nicht fassen&#8220;.<\/p>\n<p>Nur eines tr\u00f6stet Schubert, Mitglied in einem neu gegr\u00fcndeten &#8222;Verein ehemaliger Heimkinder&#8220;: Anders als die Schwestern von Paderborn wollen sich die beiden gro\u00dfen Kirchen jetzt endlich des Schicksals jener rund 500.000 Menschen annehmen, die bis in die siebziger Jahre in meist kirchlichen Heimen Westdeutschlands unter menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen untergebracht waren &#8211; das ist ein radikaler Kurswechsel, denn bis vor kurzem, war dies bei den ehemaligen konfessionellen Betreibern westdeutscher Erziehungsheime so gut wie kein Thema.<\/p>\n<p>\nBUCHTIPP<br \/>\n<br \/>\nPeter Wensierski:<br \/>\n<br \/>\n&#8222;Schl\u00e4ge im Namen des Herrn&#8220; <\/p>\n<p>\nErschienen als SPIEGEL- Buch bei DVA; 300 Seiten; 19,90 Euro.<br \/>\n<br \/>\nEinfach und bequem direkt im SPIEGEL- Shop bestellen <\/p>\n<p>Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, will in seiner Kirche &#8222;heilsame und entlastende Entschuldigungen&#8220; auf den Weg bringen: &#8222;Wenn dieses Unrecht nicht beim Namen genannt wird, dann wird die W\u00fcrde der betroffenen Menschen heute genauso verletzt wie damals.&#8220; Und auch im Bundestag ist eine Anh\u00f6rung zu diesem bislang verdr\u00e4ngten Kapitel der bundesdeutschen Geschichte geplant.<\/p>\n<p>Am weitesten sind die Hessen. Der Landeswohlfahrtsverband (LWV), ein Zusammenschluss hessischer St\u00e4dte und Kommunen, hat jetzt einstimmig eine Resolution verabschiedet, durch die der Verband anerkennt, dass bis in die siebziger Jahre auch in seinen Kinder- und Jugendheimen eine Erziehungspraxis stattgefunden hat, die &#8222;aus heutiger Sicht ersch\u00fctternd&#8220; ist. In der Erkl\u00e4rung, die von allen f\u00fcnf Partei-Fraktionen der Verbandsversammlung getragen wird, spricht er &#8222;sein tiefstes Bedauern \u00fcber die damaligen Verh\u00e4ltnisse&#8220; in den Heimen aus und entschuldigt sich bei allen Kindern und Jugendlichen, die dort &#8222;allt\u00e4glich physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt waren&#8220;. Ihr Leid bleibe verbunden mit &#8222;Holzpritschen ohne Matratzen, mit Strafbunkern, Besinnungsr\u00e4umen, Arbeitszwang, Schl\u00e4gen, Dem\u00fctigung&#8220;.<\/p>\n<p>In Hessen will man es nicht nur bei einer offiziellen Entschuldigung belassen, sondern weitere Schritte der Aufarbeitung angehen: Am 9. Juni findet dazu im Sozialp\u00e4dagogischen Zentrum Kalmenhof in Idstein eine Tagung statt, bei der eine kritische Auseinandersetzung mit der Heimerziehung in den f\u00fcnfziger und sechziger Jahren im Mittelpunkt stehen wird. Dazu sind auch Mitglieder des &#8222;Vereins ehemaliger Heimkinder&#8220; und Vertreter heutiger sozialp\u00e4dagogischer Ausbildungsst\u00e4tten eingeladen. Diskutiert werden soll dann auch \u00fcber den Plan, eine Forschungs- und Beratungsstelle einzurichten sowie erstmals ein Museum zur &#8222;Geschichte der Heimerziehung&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Falsch verstandene P\u00e4dagogik&#8220;<\/p>\n<p>Auch andere Landschaftsverb\u00e4nde in der Bundesrepublik planen solche Entschuldigungen, verbunden mit konkreten Schritten der Aufarbeitung. EKD-Chef Huber ist ebenfalls schon aktiv geworden: Er hat das Diakonische Werk aufgefordert, die Aufarbeitung voranzutreiben. Archive sollen ge\u00f6ffnet, Begegnungen zwischen fr\u00fcheren Mitarbeitern und einstigen Z\u00f6glingen erm\u00f6glicht werden.<\/p>\n<p>Selbst der Chef der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, spricht inzwischen von &#8222;falsch verstandener P\u00e4dagogik&#8220;. Das &#8222;Leid jener Heimkinder&#8220;, habe ihn &#8222;ersch\u00fcttert und tief ber\u00fchrt&#8220;. Er teile zwar nicht &#8222;einen Generalverdacht gegen alle Heime&#8220;, bef\u00fcrworte jedoch, &#8222;die Aufarbeitung der Geschehnisse, die in einigen Heimen schon begonnen hat, um wenigstens heute den Opfern gerecht zu werden zu versuchen&#8220;.<\/p>\n<p>\nZUR PERSON<br \/>\n<br \/>\nPeter Wensierski, Jahrgang 54, arbeitet seit 1993 im Deutschland- Ressort des SPIEGEL. In Kooperation mit der Deutschen Verlags- Anstalt erscheint am 13. Februar 2006 sein Buch &#8222;Schl\u00e4ge im Namen des Herrn&#8220;, das mit den Lebensbedingungen von Heimkindern ein bisher wenig bekanntes Kapitel der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik aufgreift. Wensierski l\u00e4sst darin Betroffene, die in kirchlichen oder staatlichen Heimen bis in die siebziger Jahre unter dem\u00fctigenden Bedingungen leben mussten, in Erfahrungsberichten zu Wort kommen. <\/p>\n<p>Der Schwenk der Kirchen ist erstaunlich: Noch vor kurzem wimmelten sie Opfer und Kritiker meist ab. Der evangelische Erziehungsverband etwa hatte in einem internen Rundschreiben empfohlen, &#8222;in etwaigen \u00f6ffentlichen Diskursen das Thema m\u00f6glicher Rentenanspr\u00fcche aus &#8218;Zwangsarbeit&#8216; oder anderer Schadensersatzleistungen&#8220; abzuw\u00fcrgen &#8211; m\u00f6glichst durch Verweis auf erforderliche &#8222;juristische Pr\u00fcfungen&#8220;.<\/p>\n<p>Doch weil sich nun auch die Politik der Sache annimmt, steigt der Druck auf die Kirchen. &#8222;Wichtig und notwendig&#8220; sei es, so Bundestagsvizepr\u00e4sident Wolfgang Thierse (SPD), dass sich das Parlament mit dem Thema befasse. Dort sollten die Abgeordneten &#8222;M\u00f6glichkeiten der moralischen und sozialen Anerkennung des erlittenen Unrechts diskutieren&#8220;.<\/p>\n<p>Zu diesem Zweck will die SPD-Bundestagsabgeordnete Marlene Rupprecht, Mitglied im Petitionsausschuss, sobald wie m\u00f6glich eine Anh\u00f6rung von ehemaligen Heimkindern organisieren. Was da mit den jungen Menschen in der Bundesrepublik geschehen ist, sagt die Abgeordnete, sei &#8222;nicht staatliche Hilfe zur Erziehung, sondern in viel zu vielen F\u00e4llen die Zerst\u00f6rung von Pers\u00f6nlichkeiten&#8220; gewesen. Es seien Dinge geschehen &#8222;im Namen des Rechtsstaates, die jedoch Unrecht waren&#8220;.<\/p>\n<p>Ex-Heimkind J\u00fcrgen Schubert hofft, dass es nicht allzu lange dauert, bis er bei einer Anh\u00f6rung im Bundestag sprechen kann. Seine Lebensgeschichte, die er bereits den Schwestern in Paderborn schickte, will er demn\u00e4chst den Parlamentariern vorlegen. Die 20 Euro, die der Orden der &#8222;Barmherzigen Schwestern&#8220; ihm zukommen lie\u00df, hat er inzwischen zur\u00fcckgespendet &#8211; das Geld liegt im Opferstock des Aachener Doms.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;ein totgeschwiegenes Kapitel &#8211; der deutsche Sadismus hinter dem Nonnenh\u00e4ubchen und dem Talarengewand&#8230;ein Spiegel-Autor hat jetzt in Interviews &#8211; mehr: (quelle: spiegel-online.de)<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-84433","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fembcher","entry"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>SPIEGEL-Buch Heimkinder-Schicksale - Feminissima<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2006\/04\/19\/spiegel-buch-heimkinder-schicksale\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"SPIEGEL-Buch Heimkinder-Schicksale - 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