{"id":84423,"date":"2006-04-27T01:59:31","date_gmt":"2006-04-27T01:59:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.feminissima.de\/?p=84423"},"modified":"2006-04-27T01:59:31","modified_gmt":"2006-04-27T01:59:31","slug":"durs-gruenbein-ein-verriss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2006\/04\/27\/durs-gruenbein-ein-verriss\/","title":{"rendered":"Durs Gr\u00fcnbein &#8211; ein Verriss"},"content":{"rendered":"<p>Die sehr gesch\u00e4tzte NZZ (sehr l\u00e4ssig auch letztes Wochenende \u00fcber den 60j\u00e4hrigen Geburtstag von ZEIT und WELT &#8230;wir sind im Hintertreffen..des Berichtens..!) &#8211; hier in einer Rezension aus dem Jahre 2005 &#8211; zeitlos, aber auf jeden Fall eine wirtliche Einf\u00fchrung zu Durs Gr\u00fcnbein und der deutschen Preis-Ritis.<br \/>Porzellan.<br \/>\nPoem vom Untergang meiner Stadt von Durs Gr\u00fcnbein (2005, Suhrkamp).<br \/>\nBesprechung von Michael Braun in Neue Z\u00fcricher Zeitung vom 22.9.2005:<\/p>\n<p>Gibt es eine Sprache f\u00fcr das Inferno?<br \/>\nEin Poem auf Dresdens Untergang von Durs Gr\u00fcnbein<\/p>\n<p>Als Durs Gr\u00fcnbein vor einiger Zeit von der Literaturzeitschrift \u00abLose Bl\u00e4tter\u00bb um einen R\u00fcckblick auf sein erstes Buch gebeten wurde, \u00fcberraschte er mit einer Unbarmherzigkeit gegen sich selbst, die keine mildernden Umst\u00e4nde gegen\u00fcber den M\u00e4ngeln seines Erstlings gelten liess. Mit ungewohnter Heftigkeit, die der Apodiktik eines Verrisses gleichkam, geisselte der Dichter die vermeintliche Unreife seines D\u00e9buts \u00abGrauzone morgens\u00bb, das im Herbst 1988, also gleichsam am Vorabend der Wende, erschienen war. In seiner \u00abjugendlichen Vers-Anarchie\u00bb und metaphysischen \u00abD\u00fcrftigkeit\u00bb, liess Gr\u00fcnbein wissen, empfinde er das ganze Werk als eine \u00abPeinigung\u00bb, als niederschmetterndes Dokument \u00e4sthetischer \u00abUnm\u00fcndigkeit\u00bb. <\/p>\n<p>Klassizistischer Formwillen<\/p>\n<p>Dass ein fr\u00fchzeitig zum \u00abG\u00f6tterliebling\u00bb nobilitierter Dichter vom Ungest\u00fcm seiner literarischen Anf\u00e4nge abr\u00fccken m\u00f6chte, scheint zun\u00e4chst nicht weiter verwunderlich. Im Falle Gr\u00fcnbeins ist diese Distanzierungswut aber von einiger Brisanz, gibt es doch Leser, die gerade die \u00abGrauzone\u00bb-Gedichte, diese verwackelten Momentaufnahmen aus der Endzeit der DDR, zu seinen aufregendsten Werken rechnen. In diesen Gedichten, organisiert in freien, typografisch aufgef\u00e4cherten Versen, bewegte sich ein nomadisierendes Ich durch die grauen, zerfallenden Industrielandschaften Dresdens und zeichnete das Bild einer Stadt im realsozialistischen F\u00e4ulnisstadium. Die fl\u00fcchtige Impression, der poetische Augenblick waren noch nicht jenem strengen Formbewusstsein unterworfen, das der Autor in seinen sp\u00e4teren Gedichten ausgebildet hat. Und dennoch haben diese impressionistischen Streifz\u00fcge eines renitenten Flaneurs ihre sch\u00f6ne Rauheit bewahrt. <\/p>\n<p>Warum der Autor die \u00fcberst\u00fcrzte Flucht vor seinem Erstling angetreten hat, kann man nun seinen j\u00fcngsten Gedichten und Essays entnehmen, die in ihrem klassizistischen Formwillen um strenge Abgrenzung gegen\u00fcber einer offenen Poetik bem\u00fcht sind. Das nerv\u00f6se Grossstadtpoem gilt dem Autor nun als Jugends\u00fcnde, sein \u00e4sthetischer Fixpunkt und lyrischer Tabernakel ist seit etwa einem Jahrzehnt die antike Dichtung, die \u00abun\u00fcbertroffene Kunstform der Alten\u00bb. Das Streben nach Klassizit\u00e4t artikulierte sich schon in den Gedichtsammlungen \u00abNach den Satiren\u00bb (1999) und \u00abErkl\u00e4rte Nacht\u00bb (2002), die sich wie Huldigungen eines Nachgeborenen an die Meisterdenker der r\u00f6mischen Kaiserzeit lesen. In diesen Gedichten hatte Gr\u00fcnbein nicht nur \u00abeinige Ateml\u00e4ngen zwischen Antike und X\u00bb ausgemessen, wie es in einem seiner Essays heisst, sondern das Antikisieren seines bildungsreisenden Ich zu schw\u00e4rmerischen Reminiszenzen ausufern lassen. <\/p>\n<p>Seiner \u00abwichtigsten Schreiblektion\u00bb, der Begegnung mit dem \u00abStraffen und Vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngenden lateinischer Verse\u00bb, hat Gr\u00fcnbein nun auch einen Grossteil der Essays gewidmet, die in seinem Band \u00abAntike Dispositionen\u00bb gesammelt sind. Dem r\u00f6mischen Philosophen Seneca, dessen Maske er bereits in einem Rollengedicht des Bandes \u00abErkl\u00e4rte Nacht\u00bb aufgesetzt hatte, widmet er eine hinreissende Hommage, als habe er dessen Habitus einer stoischen Souver\u00e4nit\u00e4t auch f\u00fcr seine eigene Poesie adoptiert. Bei aller Skepsis gegen\u00fcber Senecas prek\u00e4rer Doppelrolle als Philosoph der Seelenruhe einerseits und als politischer Helfershelfer Neros andererseits ist Gr\u00fcnbeins Diktion bis in die Syntax hinein von tiefer Verehrung bestimmt. Was auch immer der Autor hier essayistisch umkreist, ger\u00e4t zur Liebeserkl\u00e4rung. Die tr\u00e4umerische Empathie f\u00fcr seine r\u00f6mischen Helden geht so weit, dass er in seinem Versuch \u00fcber den Satirendichter Juvenal sogar einen August-Spaziergang des Dichters durch die Metropole Rom imaginiert \u2013 eine jener \u00e4sthetisch riskanten \u00dcbungen, die der Lyriker Thomas Kling einmal nicht ohne Grund als \u00abSandalenfilme aus den Gr\u00fcnbein-Studios\u00bb verspottet hat. <\/p>\n<p>Gerade am Juvenal-Portr\u00e4t, das zu den konzisesten Arbeiten in Gr\u00fcnbeins Essaybuch geh\u00f6rt, l\u00e4sst sich der lyrische Paradigmenwechsel des Autors am deutlichsten zeigen. Denn Juvenal wird hier als erster Grossstadt-Poet neuen Typs beschrieben. In seinen fr\u00fchen Essays hatte Gr\u00fcnbein den \u00abneuen K\u00fcnstler\u00bb noch als Streuner in den \u00aburbanen Gefahrenzonen\u00bb der Gegenwart angesiedelt. Dieses \u00abmillionenfach zerlegte\u00bb, den Reizen im \u00abTransitraum\u00bb der Gegenwart ausgelieferte Ich wird im Juvenal-Essay historisch r\u00fcckprojiziert in die Antike, wo es wieder feste Kontur gewinnt als souver\u00e4nes, ungeteiltes Dichter-Subjekt: \u00abSein Idiom war das des Sarkasten, der sich z\u00e4hneknirschend durch das urbane Stimmengewirr frisst, keinem der Zirkel ganz zugeh\u00f6rig und doch ihnen allen verfallen.\u00bb <\/p>\n<p>Eine markante Abweichung gegen\u00fcber fr\u00fcheren Perspektiven offenbart auch Gr\u00fcnbeins \u00abPoem vom Untergang meiner Stadt\u00bb, in dem in 49 Strophen der Zerst\u00f6rung Dresdens im alliierten Bombenkrieg gedacht wird. In einem Abschiedsgedicht des Bandes \u00abSch\u00e4delbasislektion\u00bb (1991) hatte Gr\u00fcnbein seine Heimatstadt noch als \u00abBarockwrack an der Elbe\u00bb beschrieben. Ihre Ausl\u00f6schung im Fl\u00e4chenbrand wird hier nur sehr k\u00fchl, aus einer historisch-objektivierenden Perspektive angesprochen: \u00abAuch Dresden ist ein Werk des Malerlehrlings \/ Mit dem in Wien verst\u00fcmperten Talent \/ Der halb Europa seinen Stilbruch aufzwang. \/ In diesem Fall ergab sich wie von selbst \/ Die Technik fl\u00e4chendeckender Radierung \/ Durch fremde Bomber, Meister ihres Fachs \/ In einer Nacht mit schwarzem Schnee im Februar.\u00bb <\/p>\n<p>Elegischer Weichzeichner<\/p>\n<p>Diese kontrollierte, die Einf\u00fchlung meidende Anrufung des Schrecklichen weicht in Gr\u00fcnbeins Untergangs-Poem \u00abPorzellan\u00bb einem elegischen Ton, der f\u00fcr die m\u00f6rderischen Vorg\u00e4nge im Februar 1945 eine Sprache der Trauer finden will. Zwar geraten die Stimmen, die hier das versunkene \u00abElbflorenz\u00bb, die \u00abSch\u00f6nheitstrunkene\u00bb und die \u00abstolze Stadt\u00bb beschw\u00f6ren, in inneren Widerstreit, zwar wechselt Gr\u00fcnbein mitunter die Tonlage hin zu Spott und k\u00fchlem Fatalismus. Aber nirgendwo vermag das Poem eine angemessene Sprache f\u00fcr das Trauma des Untergangs zu finden. Denn das Spiel mit Formen und Reimen wirkt bei der Beschw\u00f6rung des Furchtbaren kontraproduktiv. Die traumatischen Urszenen der Vernichtung verdunsten in bem\u00fchter Feierlichkeit und unfreiwilliger Komik. \u00dcber die Pogromnacht im November 1938 heisst es: \u00abNein, kein Polterabend war, was Volkes spitze Zungen \/ Die Kristallnacht nannten, jener Gl\u00fcckstag f\u00fcr die Glaser.\u00bb Der sarkastisch gemeinte Vergleich von \u00abPolterabend\u00bb und \u00abKristallnacht\u00bb wird in seiner metaphorischen Peinlichkeit nur noch durch die Allegorisierung der zerbombten Stadt zu einer M\u00e4tresse \u00fcberboten: \u00abBombe, Bombe \u2013 blankpoliert, fiel durch den Schacht \/ Tonnenweise Schrott in den M\u00e4tressenschoss\u00bb. <\/p>\n<p>Besonders prek\u00e4r wird der elegische Weichzeichner, wenn auch noch sachliche Fehler hinzukommen. An einer Stelle r\u00e4soniert das lyrische Subjekt, ein \u00abTr\u00e4umer\u00bb, \u00fcber das m\u00f6gliche Gelingen des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944: \u00abWaffenstillstand, Ende gut, und Dresden st\u00fcnde noch? \/ Kein Berlin-Finale, keine Landung in der Normandie, \/ \u00dcber Nacht verscheucht die Geister, die man rief?\u00bb Kein noch so erfolgreiches Attentat h\u00e4tte indes die Landung der Alliierten in der Normandie verhindert \u2013 fand die doch schon sechs Wochen vor Stauffenbergs Aktion statt. Der Umstand, dass im zitierten Gedicht ein \u00abTr\u00e4umer\u00bb spricht, mildert nicht den historiographischen Schnitzer. Dem Inferno von Dresden, so lehrt uns Durs Gr\u00fcnbeins Poem, ist mit solchen Elegien nicht beizukommen. <\/p>\n<p>[&#8230;diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]<\/p>\n<p>Leseprobe I Buchbestellung 1005 LYRIKwelt \u00a9 NZZ<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die sehr gesch\u00e4tzte NZZ (sehr l\u00e4ssig auch letztes Wochenende \u00fcber den 60j\u00e4hrigen Geburtstag von ZEIT und WELT &#8230;wir sind im Hintertreffen..des Berichtens..!) &#8211; hier in einer Rezension aus dem Jahre 2005 &#8211; zeitlos, aber auf jeden Fall eine wirtliche Einf\u00fchrung zu Durs Gr\u00fcnbein und der deutschen Preis-Ritis.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[32],"tags":[],"class_list":["post-84423","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-supissima","entry"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Durs Gr\u00fcnbein - ein Verriss - Feminissima<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2006\/04\/27\/durs-gruenbein-ein-verriss\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Durs Gr\u00fcnbein - ein Verriss - Feminissima\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die sehr gesch\u00e4tzte NZZ (sehr l\u00e4ssig auch letztes Wochenende \u00fcber den 60j\u00e4hrigen Geburtstag von ZEIT und WELT ...wir sind im Hintertreffen..des Berichtens..!) - hier in einer Rezension aus dem Jahre 2005 - zeitlos, aber auf jeden Fall eine wirtliche Einf\u00fchrung zu Durs Gr\u00fcnbein und der deutschen Preis-Ritis.\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2006\/04\/27\/durs-gruenbein-ein-verriss\/\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Feminissima\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2006-04-27T01:59:31+00:00\" \/>\n<meta name=\"author\" content=\"admin\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Verfasst von\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"admin\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:label2\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data2\" content=\"6\u00a0Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\/\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"WebPage\",\"@id\":\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2006\/04\/27\/durs-gruenbein-ein-verriss\/\",\"url\":\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2006\/04\/27\/durs-gruenbein-ein-verriss\/\",\"name\":\"Durs Gr\u00fcnbein - ein Verriss - Feminissima\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\/\/feminissima.de\/#website\"},\"datePublished\":\"2006-04-27T01:59:31+00:00\",\"dateModified\":\"2006-04-27T01:59:31+00:00\",\"author\":{\"@id\":\"https:\/\/feminissima.de\/#\/schema\/person\/0b901e053624f88e7ecbea289d9d5128\"},\"breadcrumb\":{\"@id\":\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2006\/04\/27\/durs-gruenbein-ein-verriss\/#breadcrumb\"},\"inLanguage\":\"de\",\"potentialAction\":[{\"@type\":\"ReadAction\",\"target\":[\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2006\/04\/27\/durs-gruenbein-ein-verriss\/\"]}]},{\"@type\":\"BreadcrumbList\",\"@id\":\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2006\/04\/27\/durs-gruenbein-ein-verriss\/#breadcrumb\",\"itemListElement\":[{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":1,\"name\":\"Startseite\",\"item\":\"https:\/\/feminissima.de\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":2,\"name\":\"Durs Gr\u00fcnbein &#8211; 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