{"id":84111,"date":"2005-12-04T11:13:24","date_gmt":"2005-12-04T11:13:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.feminissima.de\/?p=84111"},"modified":"2005-12-04T11:13:24","modified_gmt":"2005-12-04T11:13:24","slug":"pressekippe-korruption-knete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2005\/12\/04\/pressekippe-korruption-knete\/","title":{"rendered":"PRESSE:Kippe, Korruption, Knete!"},"content":{"rendered":"<p>FEMINISSIMA hatte auch schon eine fr\u00fchere Meldung aufgegriffen &#8211; wie namhafte Professoren sich von der Tabakindustrie haben kaufen lassen.<br \/>\n<br \/>\nNun hat sich erneut ein St\u00fcck Nebel gelichtet.<br \/>\n<br \/>\nUnd andererseits einem Professor den &#8230;Heiligenschein entzogen.<br \/>\n<br \/>\nProf. Dr. Fritz Kemper, der als einer der gro\u00dfen, nachgerade &#8222;begnadeten&#8220; Toxikologen galt, langj\u00e4hriger Professor an der Universit\u00e4t M\u00fcnster, kann nun seinen Ruhestand nicht mehr so richtig genie\u00dfen: Er wurde enttarnt. Als jemand, der f\u00fcr gutes Geld der Tabakindustrie zu Diensten war&#8230;.<br \/>\n<br \/>\nPRESSE-SCHAU: &#8222;Im W\u00fcrgegriff der Industrie&#8220; &#8211;<br \/>\n<br \/>\nspiegel-online vom 5. 12. 05<\/p>\n<p>\n TABAK<\/p>\n<p>Im W\u00fcrgegriff der Industrie<\/p>\n<p>Von Udo Ludwig <\/p>\n<p>Mediziner wurden finanziert, kritische Untersuchungen unterdr\u00fcckt: In ungeahntem Ausma\u00df habe die Zigarettenbranche, so eine Studie, f\u00fchrende Institutionen des Gesundheitswesens manipuliert.<\/p>\n<p>Er ist einer der ganz Gro\u00dfen in der deutschen Medizin. Fritz Kemper, langj\u00e4hriger Professor der Universit\u00e4t M\u00fcnster, gilt international als begnadeter Toxikologe, versierter Berater und renommierter Publizist.<\/p>\n<p>DPA<br \/>\n<br \/>\nKrebsforschungszentrum in Heidelberg: Nie mehr Geld von den Tabakkonzernen<br \/>\n<br \/>\nSeine wissenschaftlichen Leistungen und die Mitarbeit in h\u00f6chsten Medizinergremien belohnte die Bundes\u00e4rztekammer mit ihrer wertvollsten Auszeichnung, der Paracelsus-Medaille. Der Geehrte habe sich um das deutsche &#8222;Gesundheitswesen in hervorragender Weise verdient gemacht&#8220;, lobten die Laudatoren. Bundespr\u00e4sident Johannes Rau verlieh Kemper 2002 das Gro\u00dfe Verdienstkreuz mit Stern.<\/p>\n<p>Der emeritierte Professor, mit 78 Jahren immer noch Herausgeber und Pr\u00e4sident verschiedener Fachzeitschriften und Gesellschaften, h\u00e4tte hochdekoriert seinen Ruhestand genie\u00dfen k\u00f6nnen, wenn da nicht Thilo Gr\u00fcning w\u00e4re. Der Berliner Forscher ist Hauptautor einer vergangene Woche im &#8222;American Journal of Public Health&#8220; erschienenen Studie \u00fcber den Einfluss der Tabakindustrie auf die deutsche Medizinerelite.<\/p>\n<p>Und die Autoren lassen Professor Kemper nun in ganz anderem Licht erscheinen: Er sei ein wichtiger Verb\u00fcndeter der Zigarettenmultis in der Wissenschaftsszene, hei\u00dft es. Er habe Hand in Hand mit Firmenmanagern gearbeitet. In einem Jahr habe er laut interner Dokumente 20 000 Dollar vom Reynolds-Konzern kassiert, die er \u00fcber Aktivit\u00e4ten deutscher Wissenschaftler und Politiker informiert habe. Man mochte sich: Ein Reynolds-Gesandter habe sich laut der Studie nach einem Besuch beim &#8222;lieben Fritz&#8220; ganz &#8222;ungeheuer&#8220; f\u00fcr das Essen bedankt.<\/p>\n<p>Kemper kann sich heute nur noch an eine &#8222;befristete Beratungsvereinbarung&#8220; mit R. J. Reynolds (Camel) erinnern, in der es &#8222;um toxikologische Fragestellungen&#8220; gegangen sei. Er habe nie ein &#8222;pers\u00f6nliches Verh\u00e4ltnis zu Firmen der Tabakindustrie&#8220; gehabt und unterst\u00fctze zudem alle Bestrebungen, um die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber &#8222;Sch\u00e4den des Tabakrauchens&#8220; zu informieren.<\/p>\n<p>Die Kooperation von Medizinern mit &#8222;Big Tobacco&#8220; war lange effektiv. Mit &#8222;ungeheurem Erfolg&#8220; habe es die Tabakindustrie \u00fcber Jahrzehnte geschafft, renommierte deutsche Wissenschaftler in gro\u00dfer Zahl zu finden, die in ihren Ver\u00f6ffentlichungen die Beweise f\u00fcr die t\u00f6dlichen Auswirkungen des Qualmens &#8222;manipulieren und verdrehen&#8220;, lautet das Res\u00fcmee der Gr\u00fcning-Studie.<\/p>\n<p>Mindestens 80 zumeist hochrangige Klinikprofessoren h\u00e4tten sich &#8222;im W\u00fcrgegriff der Tabakindustrie&#8220; befunden, weil sie Forschungsgelder annahmen. Denn fast immer waren die Zusch\u00fcsse an Vorgaben gekn\u00fcpft, die die Auftraggeber bestimmten &#8211; ein Lehrst\u00fcck f\u00fcr gekaufte Wissenschaft. Internisten, Toxikologen oder Pneumologen, die sich im Hauptberuf um die Heilung von Raucherkrankheiten bem\u00fchten, wurden quasi im Nebenjob Teil der Gesch\u00e4ftsstrategie der Zigarettenkonzerne.<\/p>\n<p>Deutschland war nach den USA die wichtigste Operationsbasis der Tabaklobby. Schon 1975 gr\u00fcndete der Verband der Cigarettenindustrie (VDC) den &#8222;Forschungsrat Rauchen und Gesundheit&#8220;. Als Vorsitzenden gewann der VDC ausgerechnet Dietrich Schm\u00e4hl, damals ein Direktoriumsmitglied des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg. Eine absurde Konstruktion: Der Professor stand der wichtigsten deutschen Institution gegen den Rauchertod vor &#8211; und war gleichzeitig Verteiler der Tabakgelder. Die Investition lohnte sich f\u00fcr die Lobbyisten: F\u00fcr den anfangs 14 Mann starken Forschungsrat rekrutierte Schm\u00e4hl das Who&#8217;s who deutscher Klinikprofessoren.<\/p>\n<p>Nach au\u00dfen h\u00e4ngte sich das Gremium stets den Mantel der wissenschaftlichen Unabh\u00e4ngigkeit um. In Wirklichkeit war der Forschungsrat, wie Gr\u00fcning nachweist, eine Art Selbstbedienungsladen. In der ersten Schaffensperiode gingen 73 Prozent der 15 Millionen Mark an die eigenen Mitglieder oder an kooperierende Organisationen. Die Industrie hatte alles unter Kontrolle. Der Vorteil des Forschungsrats sei, sagte ein Firmenvertreter in einer vertraulichen Sitzung, dass die Industrie auf alle Forschungsvorhaben und deren Ver\u00f6ffentlichung &#8222;eine bedeutsame Einflussnahme aus\u00fcben&#8220; k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Jene Wissenschaftler, die von der Politik geh\u00f6rt wurden, waren f\u00fcr die Industrie von besonderem Wert. Die Zuwendung zeigte Wirkung: In kaum einem anderen Land werden die Gefahren des Rauchens \u00e4hnlich runtergeredet wie in Deutschland. Mit 32,5 Prozent Rauchern in der Gruppe der \u00fcber 15-J\u00e4hrigen ist Deutschland weit oben in der EU, bei den Raucherinnen liegt das Land auf einem Spitzenplatz. Die Verharmlosung des Rauchens, sagt Martina P\u00f6tschke-Langer, Leiterin des Zentrums f\u00fcr Tabakkontrolle der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Heidelberg, habe dazu beigetragen, dass Deutschlands Anti-Raucher-Strategien im internationalen Vergleich &#8222;weit hinterherhinken&#8220;.<\/p>\n<p>Die Lobby hat offenbar ganze Arbeit geleistet &#8211; das kann Thilo Gr\u00fcning aufgrund seiner Quellen schl\u00fcssig nachweisen. Als Gastforscher am Londoner Institut f\u00fcr Hygiene und Tropenmedizin untersuchte er systematisch firmeninterne Dokumente der Tabakindustrie. Ende der neunziger Jahre hatten sich Multis wie Reynolds verpflichtet, s\u00e4mtliche Firmenunterlagen zu ver\u00f6ffentlichen, weil sie die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber die wahren Risiken des Rauchens get\u00e4uscht hatten. \u00dcber 40 Millionen Seiten stellten die Unternehmen daraufhin ins Internet (http:\/\/legacy.library.ucsf.edu).<\/p>\n<p>Eindrucksvoll ist daraus die Strategie der Konzerne zu erkennen. Weltweit agierten die Firmen nach einer Art vierstufigem Masterplan. Erstens: Sie wollten Wissenschaftler f\u00fcr sich gewinnen; zweitens: Sie wollten sich Gef\u00e4lligkeitsdienste sichern; drittens: Sie wollten andersdenkende Wissenschaftler in die Isolation dr\u00e4ngen; viertens: Sie wollten m\u00f6glichst viele Arbeiten ver\u00f6ffentlichen, um tabakfeindlichen Studien etwas entgegensetzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr machten sie sich die hohe &#8222;Glaubw\u00fcrdigkeit&#8220; der Medizinprofessoren zunutze. Neben der zentralen Vergabe von Forschungsgeldern durch den VDC kooperierten einzelne Tabakfirmen noch separat mit Wissenschaftlern. Nach Firmendokumenten erhielt etwa Hans Marquardt, der damalige Leiter des Instituts f\u00fcr Toxikologie am Universit\u00e4tskrankenhaus Hamburg-Eppendorf, im Jahr 2001 eine \u00dcberweisung von 13 816 Dollar von Philip Morris (Marlboro). Wof\u00fcr Marquardt das Geld bekam, bleibt offen, er war f\u00fcr eine Stellungnahme nicht erreichbar. Klar ist, dass der Wissenschaftler \u00e4hnlich wie Kemper als Mitglied eines Wissenschaftskomitees der EU sehr einflussreich war.<\/p>\n<p>Der Tabakkonzern Reynolds wiederum kontaktierte 1975 Helmut Schievelbein, den damaligen Vorstand des Instituts f\u00fcr Klinische Chemie am Deutschen Herzzentrum M\u00fcnchen, da dieser h\u00e4ufig vom &#8222;deutschen Parlament, anderen Wissenschaftlern und Journalisten&#8220; befragt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Anbahnungen verliefen nach festem Muster. Anfangs verlangte &#8222;Big Tobacco&#8220; Untersuchungen, um die angebliche &#8222;Diskriminierung&#8220; des Rauchers in der Gesellschaft bek\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen. Dann wollte man Ergebnisse, um leichtere Zigaretten besser vermarkten zu k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich dr\u00e4ngelte man die Forscher, die Gefahren des Passivrauchens abzustreiten.<\/p>\n<p>So begab sich auch Helgo Magnussen, \u00e4rztlicher Direktor des Krankenhauses Gro\u00dfhansdorf bei Hamburg und eine Koryph\u00e4e der Lungenheilkunde, in die F\u00e4nge der Zigarettenindustrie. Zwischen 1989 und 1993 erstellte der ehemalige Pr\u00e4sident der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Pneumologie mehrere Studien und stellte daf\u00fcr, so errechnete Gr\u00fcning, \u00fcber 420.000 Mark in Rechnung. Sein Ergebnis, dass zumindest kurzzeitiges Passivrauchen bei Kindern mit Asthma keinerlei gesundheitliche Auswirkung zeige, nutzte die Zigarettenindustrie, um die Gefahr des Mitrauchens zu verharmlosen. Magnussen sagt heute, die Ergebnisse habe er in &#8222;hochrangigen Wissenschaftsjournalen publiziert. Dennoch muss mit Fehldeutungen gerechnet werden, sofern eine Forschungsf\u00f6rderung durch die Tabakindustrie erfolgt&#8220;.<\/p>\n<p>Wenn Untersuchungen nicht nach Gutd\u00fcnken interpretiert werden konnten, versuchte die Tabaklobby, sie schlicht verschwinden zu lassen. So fand Gr\u00fcning in den Unterlagen folgenden Vorgang: Franz Adlkofer, der Organisator der deutschen Tabakforschung, habe seinen Kollegen in den USA versichert, dass eine Studie \u00fcber Nikotin als Krebsverursacher &#8222;verheimlicht&#8220;, eine andere Studie &#8222;garantiert nicht ver\u00f6ffentlicht&#8220; w\u00fcrde. Im Vorfeld eines Anti-Raucher-Tags der WHO schw\u00e4chten die Vertreter der Industrie auch schon mal die Rede eines Wissenschaftlers ab. Der Professor, ehemaliger Ordinarius an der Universit\u00e4t Heidelberg, hatte seinen Vortrag zuvor der Tabaklobby zum Korrekturlesen gegeben.<\/p>\n<p>Die Rolle f\u00fchrender deutscher Kliniker sei &#8222;schockierend&#8220;, sagt die WHO-Vertreterin P\u00f6tschke-Langer, &#8222;vermutlich w\u00fcrden heute viel weniger Menschen am Tabak sterben, wenn Mediziner die Erkenntnisse \u00fcber die Folgen des Rauchens ernst genommen h\u00e4tten&#8220;. Doch die Medizinerschaft beginnt erst langsam umzudenken. Erstmals hat Anfang November mit dem Krebsforschungszentrum in Heidelberg eine deutsche Forschungsst\u00e4tte einen ethischen Code verabschiedet, nach dem es kein Geld mehr von der Tabakindustrie annehmen darf.<\/p>\n<p>Herbert Remmer, ehemaliger Leiter des Instituts f\u00fcr Toxikologie an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen, war einer der wenigen, die fr\u00fchzeitig auf die fatale Wirkung des Industriegeldes hingewiesen hatte. Im R\u00fcckblick sei er &#8222;dankbar&#8220;, dass er niemals Zusch\u00fcsse von der Zigarettenindustrie bekommen habe, schrieb der Professor an den Forschungsrat, dadurch habe er sein &#8222;Gewissen nicht mit Forschungsgeldern belastet, deren Annahme ich heute bereuen w\u00fcrde&#8220;. <\/p>\n<p>ZUM THEMA IM INTERNET<\/p>\n<p> Legacy Tobacco Documents Library <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>FEMINISSIMA hatte auch schon eine fr\u00fchere Meldung aufgegriffen &#8211; wie namhafte Professoren sich von der Tabakindustrie haben kaufen lassen.<br \/>\n<br \/>\nNun hat sich erneut ein St\u00fcck Nebel gelichtet.<br \/>\n<br \/>\nUnd andererseits einem Professor den &#8230;Heiligenschein entzogen.<br \/>\n<br \/>\nProf. Dr. Fritz Kemper, der als einer der gro\u00dfen, nachgerade &#8222;begnadeten&#8220; Toxikologen galt, langj\u00e4hriger Professor an der Universit\u00e4t M\u00fcnster, kann nun seinen Ruhestand nicht mehr so richtig genie\u00dfen: Er wurde enttarnt. 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