{"id":84031,"date":"2005-11-24T10:57:09","date_gmt":"2005-11-24T10:57:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.feminissima.de\/?p=84031"},"modified":"2005-11-24T10:57:09","modified_gmt":"2005-11-24T10:57:09","slug":"fluesse-im-kokainrausch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2005\/11\/24\/fluesse-im-kokainrausch\/","title":{"rendered":"Fl\u00fcsse im Kokainrausch&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&#8230;Mit Hightech-Wasseranalysen im Flu\u00dfwasser finden Forscher heraus, wo am meisten gekokst wird..offenbar f\u00fchrend &#8211; Rhein &#038; Isar&#8230;<\/p>\n<p>Erstmals haben Forscher das Wasser deutscher Fl\u00fcsse in einer umfangreichen Studie auf Kokainspuren untersucht. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Deutschen weit mehr Kokain konsumieren als bisher vermutet &#8211; allein am Rhein j\u00e4hrlich im Wert von 1,6 Milliarden Euro.<\/p>\n<p>Hamburg &#8211; Zwei Wochen lang haben Experten das Wasser gro\u00dfer Fl\u00fcsse auf chemische Spuren von Kokainkonsum gepr\u00fcft. Erste Analysen lassen vermuten, dass die bisher g\u00fcltigen Statistiken den Koks-Verbrauch der Deutschen deutlich untersch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>DDP<br \/>\n<br \/>\nKokain: Konsum in Deutschland bisher untersch\u00e4tzt<br \/>\n<br \/>\nAnhand der Konzentrationen des Kokain-Abbauprodukts Benzoylecgonin k\u00f6nnen Forscher auf die konsumierte Menge der Droge schlie\u00dfen. Die Analysen des N\u00fcrnberger Instituts f\u00fcr Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP), die SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegen, zeigen: Die Deutschen lieben das wei\u00dfe Pulver offenbar mehr, als Suchtexperten geahnt haben.<\/p>\n<p>F\u00fcr besonders aufschlussreich halten die N\u00fcrnberger Forscher die Analyse des Rheinwassers. Knapp 11 Tonnen reines Kokain pro Jahr verbrauchen demnach allein die rund 38,5 Millionen Menschen, deren Abw\u00e4sser der Rhein bei D\u00fcsseldorf enth\u00e4lt. Tag f\u00fcr Tag schwappen dort die Abbauprodukte von rund 30 Kilogramm reinem Kokain von der Toilette in Richtung Kl\u00e4rwerk. Stra\u00dfenwert: rund 4,5 Millionen Euro. Pro Jahr kommt so allein an dieser Stelle die ungeheure Summe von 1,64 Milliarden Euro zusammen.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung und die Europ\u00e4ische Union gehen in aktuellen Ver\u00f6ffentlichungen davon aus, dass 0,8 Prozent der 18- bis 59-j\u00e4hrigen Deutschen, mithin rund 400.000 Menschen, mindestens einmal im Jahr koksen. Doch angesichts der Konsummengen, die die Chemiker des IBMP anhand ihrer Wasseranalyse hochgerechnet haben, scheint klar: Die aktuellen Statistiken zeichnen ein zu rosiges Bild.<\/p>\n<p>&#8222;Sind die Ergebnisse des IBMP korrekt, dann liegt die tats\u00e4chliche Zahl der Kokainkonsumenten offensichtlich deutlich \u00fcber den bisherigen Annahmen&#8220;, sagt Roland Simon vom M\u00fcnchner Institut f\u00fcr Therapieforschung (IFT), das die Bundesregierung und die EU mit den deutschen Kokainkonsum-Statistiken beliefert.<\/p>\n<p>In der Tat ergibt es kaum plausible Resultate, wenn man die bisherige 0,8-Prozent-Quote auf die Messungen der N\u00fcrnberger Chemiker anwendet. Von den 38,5 Millionen Menschen, die nach Zahlen der Wasserwirtschafts\u00e4mter im Einzugsgebiet des Rheins oberhalb von D\u00fcsseldorf leben, sind etwa 23 Millionen zwischen 18 und 59 Jahre alt. Nach den bisherigen Statistiken m\u00fcssten 0,8 Prozent von ihnen, also 184.000, f\u00fcr einen Kokain-Jahresverbrauch von 11 Tonnen verantwortlich sein.<\/p>\n<p>Das w\u00fcrde bedeuten, dass ein Kokser 60 Gramm pro Jahr oder 164 Milligramm pro Tag reines Kokain verbraucht. Da die \u00fcbliche Stra\u00dfenprobe nach Angaben des Bundeskriminalamts aber nur einen Reinheitsgrad von 40 Prozent besitzt, w\u00e4ren f\u00fcr den Durchschnittskokser t\u00e4glich 411 Milligramm Pulver oder 16 Lines \u00e0 25 Milligramm f\u00e4llig &#8211; ein eher unwahrscheinliches Verhalten. Bei K\u00f6ln haben die N\u00fcrnberger Forscher \u00e4hnliche, bei Mannheim deutlich h\u00f6here Werte gemessen. Anderswo lagen die Benzoylecgonin-Mengen wiederum niedriger.<\/p>\n<p>Die Vereinten Nationen geben im &#8222;World Drug Report 2005&#8220; auf Basis der bisherigen Sch\u00e4tzungen an, dass der durchschnittliche Kokser in Mittel- und Westeuropa 35 Gramm reines Kokain pro Jahr nimmt. Hochgerechnet anhand der von den Forschern bei D\u00fcsseldorf gemessenen Werte bedeutet dies, dass sich nahezu doppelt so viele Menschen wie bisher angenommen dem Koksrausch hingeben w\u00fcrden. Die bisher g\u00fcltige 0,8-Prozent-Quote f\u00fcr Deutschland m\u00fcsste revidiert werden.<\/p>\n<p>Offizielle Zahlen basieren auf Umfragen <\/p>\n<p>Die Zahlen zur Verbreitung des Kokainkonsums in Deutschland und anderen L\u00e4ndern fu\u00dfen in erster Linie auf Umfragen. Insbesondere starke Drogenkonsumenten seien aber mit dieser Methode nur schwer erreichbar und zeigten &#8222;eine Tendenz zur Untertreibung&#8220; ihres Konsums, wie das Bundeskriminalamt im &#8222;Bundeslagebild Rauschgift 2004&#8220; bemerkt. Bei Bev\u00f6lkerungsumfragen m\u00fcsse deshalb &#8222;mit einer nicht unerheblichen Untersch\u00e4tzung der tats\u00e4chlichen Zahlen gerechnet werden&#8220;.<\/p>\n<p>Neben Umfragen k\u00f6nnen Epidemiologen nur auf Zahlen aus Hilfs- und Beratungseinrichtungen sowie Polizeistatistiken zur\u00fcckgreifen. Doch auch dies ist im Bezug auf Kokain nur begrenzt aussagekr\u00e4ftig: Ein Gro\u00dfteil der Kokainbenutzer besucht nie eine Beratungsstelle oder ein Entziehungsprogramm, auf Kokain zur\u00fcckzuf\u00fchrende Todesf\u00e4lle sind selten, und die Polizeistatistiken sind stark abh\u00e4ngig von der aktuellen Aktivit\u00e4t der Ermittler. <\/p>\n<p>Kokain wird im menschlichen K\u00f6rper zu Benzoylecgonin, kurz BE, abgebaut. Die Substanz ist im Flusswasser auch nach einiger Zeit noch messbar und kann nach einhelliger Meinung von Fachleuten nur durch den Abbau von Kokain entstehen. &#8222;Andere Entstehungsprozesse sind nicht bekannt&#8220;, sagt Herbert K\u00e4ferstein, Professor am Institut f\u00fcr Rechtsmedizin der Universit\u00e4t K\u00f6ln. &#8222;Das liegt sowohl an der sehr komplexen chemischen Struktur des Kokains als auch des Benzoylecgonins.&#8220;<\/p>\n<p>K\u00e4ferstein, der in seinem Institut etwa die Haar-Analyse im Fall des Fu\u00dfballtrainers Christoph Daum vorgenommen hat, hat gemeinsam mit Gerold Kauert, Leiter des Instituts f\u00fcr Forensische Toxikologie der Uni Frankfurt, die analytischen Vorraussetzungen der IBMP-Studie bewertet. Beide halten die Untersuchung von S\u00f6rgels Team f\u00fcr einwandfrei. Kauert gibt allerdings zu bedenken, dass das Benzoylecgonin seinerseits einem chemischen Abbau unterliegt. Das m\u00fcsse man bei den Schlussfolgerungen aus einer solchen Analyse ber\u00fccksichtigen. <\/p>\n<p>Die Mitarbeiter des IBMP (N\u00fcrnberg entnahmen unter Leitung einer Apothekerin aus den Fl\u00fcssen jeweils mehrere Proben: Zum einen mitten im freien Strom, zum anderen m\u00f6glichst nah an den Stellen, wo Wasser aus Kl\u00e4ranlagen eingeleitet wird. <\/p>\n<p>Kokainspuren im Kl\u00e4rwasser <\/p>\n<p>Die Ergebnisse waren f\u00fcr fast alle \u00fcberpr\u00fcften Fl\u00fcsse \u00e4hnlich: Wo das Abwasser aus der Stadt einflie\u00dft, steigt die Konzentration von Benzoylecgonin an. In M\u00fcnchen etwa lie\u00df das Wasser aus dem Kl\u00e4rwerk die BE-Konzentration auf das 30-fache des Ursprungswerts steigen.<\/p>\n<p>Um auf die Gesamtmenge an konsumiertem Kokain zu schlie\u00dfen, rechneten die Forscher die BE-Mengen in ihren Proben zun\u00e4chst auf einen Tag hoch &#8211; anhand der Wassermenge, die zum Messzeitpunkt pro Sekunde flussabw\u00e4rts geflossen ist. Die daraus berechnete Gesamtmenge an Benzoylecgonin multiplizierten sie noch einmal mit dem Faktor 4,19, da laut S\u00f6rgel nur etwa ein Viertel einer Kokaindosis als BE mit dem Urin ausgeschieden wird. Zudem hatten die Chemiker am Beispiel des Kl\u00e4rwerks in Heroldsberg bei N\u00fcrnberg ermittelt, dass etwa 80 Prozent des Benzoylecgonins durch das Kl\u00e4rwerk zerst\u00f6rt werden.<\/p>\n<p>&#8222;Dieses Rechenmodell ist nat\u00fcrlich eine Vereinfachung und ber\u00fccksichtigt nicht alle Einflussfaktoren&#8220;, betont S\u00f6rgel. &#8222;F\u00fcr eine solide Sch\u00e4tzung d\u00fcrfte es aber ausreichen.&#8220; W\u00fcrde man Faktoren wie das Wasser aus Nebenfl\u00fcssen und Regenf\u00e4llen oder Kokser in Siedlungen weiter flussaufw\u00e4rts herausrechnen, w\u00fcrde der berechnete Pro-Kopf-Konsum sogar noch weiter steigen.<\/p>\n<p>&#8222;Nur ein erster Schritt&#8220; <\/p>\n<p>Zwar r\u00e4umt S\u00f6rgel ein, dass es sich bei den Messungen jeweils um &#8222;Momentaufnahmen&#8220; handele. &#8222;Da wir aber an den verschiedenen Messstellen an verschiedenen Tagen und zu unterschiedlichen Tageszeiten Proben genommen haben, sollten wir ein zuverl\u00e4ssiges Gesamtbild bekommen.&#8220;<\/p>\n<p>Seine Studie sei nur &#8222;ein erster Schritt&#8220; beim Nachweis von Drogenkonsum per Gew\u00e4sseranalyse. &#8222;Wir k\u00f6nnen nat\u00fcrlich nicht alle offenen Fragen beim ersten Versuch beantworten&#8220;, erkl\u00e4rt S\u00f6rgel. Dennoch sieht er in seiner Messmethode einen potentiell wichtigen Beitrag zur Suchtforschung. Dank der neuesten, hoch empfindlichen Messmethoden k\u00f6nne das Flusswasser mittlerweile so pr\u00e4zise analysiert werden, dass auch kleinste Mengen von Benzoylecgonin nachweisbar seien.<\/p>\n<p>&#8222;Am Beispiel von Heroldsberg haben wir gezeigt, dass wir f\u00fcr Ortschaften mit 8000 Einwohnern sogar eine einzige Kokaindosis von 50 bis 100 Milligramm nachweisen k\u00f6nnen&#8220;, sagt S\u00f6rgel. &#8222;Damit eignet sich die Methode bestens f\u00fcr schnelle Untersuchungen des Kokainkonsums in der Bev\u00f6lkerung.&#8220; \u00c4hnliche Studien wie die des IBMP, allerdings weniger umfangreich, haben bereits in Italien und England f\u00fcr Aufsehen gesorgt. Auch sie kamen auf weit gr\u00f6\u00dfere Konsumentenzahlen als die zuvor durchgef\u00fchrten Umfragen.<\/p>\n<p>Die Urheber der bisherigen Statistiken sind mittlerweile durchaus geneigt, die chemische Methode als Erg\u00e4nzung ihrer Arbeit in Betracht zu ziehen. Die Umfragen k\u00f6nnten ohnehin nur einen eingeschr\u00e4nkten Bev\u00f6lkerungskreis abdecken, erkl\u00e4rt Ludwig Kraus, Epidemiologe am M\u00fcnchner IFT. &#8222;Die Wahrscheinlichkeit, mit dieser Methode eine Hochrisikogruppe von Kokainkonsumenten zu erreichen, ist sehr gering&#8220;, so der Experte. &#8222;Und wenn ja, ist es eher unwahrscheinlich, korrekte Antworten zu bekommen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Sch\u00e4tzungen, von denen unter anderem die Bundesregierung und EU bisher ausgegangen sind, seien lediglich als &#8222;untere Grenzwerte&#8220; zu verstehen.<br \/>\n<br \/>\nQuelle: spiegel-online\/wissenschaft\/<\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;Mit Hightech-Wasseranalysen im Flu\u00dfwasser finden Forscher heraus, wo am meisten gekokst wird..offenbar f\u00fchrend &#8211; Rhein &#038; Isar&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-84031","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-femgesundheit","entry"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - 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