{"id":83963,"date":"2005-09-17T18:21:54","date_gmt":"2005-09-17T18:21:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.feminissima.de\/?p=83963"},"modified":"2005-09-17T18:21:54","modified_gmt":"2005-09-17T18:21:54","slug":"buchtip-damals-im-romanischen-cafe-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2005\/09\/17\/buchtip-damals-im-romanischen-cafe-in-berlin\/","title":{"rendered":"BUCHTIP: &#8222;Damals im Romanischen Caf\u00e9&#8220; (in Berlin)"},"content":{"rendered":"<p>als es dank der j\u00fcdischen Kultur auch noch eine heute l\u00e4ngst versunkene Kaffeehauskultur gab &#8211;<br \/>\n<br \/>\nhier ein Interview mit dem Autor, J\u00fcrgen Schebera, Verlag Das Neue Berlin, 192 Seiten, 12.90 Euro \/DeutschlandradioKultur\/ Sendezeit war 5.9.  &#8211; 15 Uhr 35 &#8211; \/<br \/>Versunkene Berliner Kaffeehauskultur<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Schebera: &#8222;Damals im Romanischen Caf\u00e9&#8220;<\/p>\n<p>Von Jens Br\u00fcning<br \/>\n<br \/>\nIn den so genannten Goldenen Zwanzigern gab es eine F\u00fclle von ihnen in Berlin: K\u00fcnstlertreffpunkte wie das Romanische Caf\u00e9 oder das Caf\u00e9 Gr\u00f6\u00dfenwahn. Alle sind sie hingegangen: K\u00e4stner und Kisch, Liebermann und Lenya, Oppenheimer und Orlik. Ein unterhaltsamer F\u00fchrer in die Vergangenheit &#8211; mit seltenen Bildern illustriert.<\/p>\n<p>Das Romanische Caf\u00e9 gegen\u00fcber der Ged\u00e4chtniskirche war der bekannteste K\u00fcnstlertreffpunkt. Es gab in den zwanziger Jahren eine Vielzahl solcher K\u00fcnstler-Wohnstuben. Eine vollst\u00e4ndige Darstellung h\u00e4tte den Umfang eines mehrb\u00e4ndigen Lexikons. J\u00fcrgen Schebera beschr\u00e4nkt sich in seinem mit vielen seltenen Bildern illustrierten Buch auf die wesentlichen Etablissements: Das legend\u00e4re Caf\u00e9 Gr\u00f6\u00dfenwahn als Urzelle aller Berliner Caf\u00e9h\u00e4user darf nicht fehlen. Neben dem Romanischen waren Schwannecke und Mutter Maenz ebenso beliebt wie das Restaurant Schlichter, wo die Theaterleute sich mit den Malern und Schriftstellern mischten und an dessen Tischen aus der Idee eines aus der bayerischen Provinz zugereisten Autors der Welterfolg &#8222;Dreigroschenoper&#8220; wurde. Schlie\u00dflich wird der \u00dcberblick perfekt durch Erinnerungen an die feineren H\u00e4user, Eden, Adlon und Kempinski, wo die besseren Herrschaften, mit ihren Nobelpreisurkunden als Tischkarte, Hof hielten. J\u00fcrgen Schebera:<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte einfach Appetit machen. Ich hab es auf dem Kaffeetisch liegen, ich bl\u00e4ttere darin, ich freue mich an sch\u00f6nen Bildern, aber dann soll von diesem coffeetablebook der Funke \u00fcbergehen. Dann soll das Interesse geweckt sein und dieses ungeheure Berlin der zwanziger Jahre, diese Kultur, die nie wiederkommen wird, weil der ganze j\u00fcdische Beitrag zu dieser Berliner Kultur der zwanziger Jahre im Holocaust untergegangen ist. Aber ich w\u00fcnschte mir, dass Anst\u00f6\u00dfe kommen f\u00fcr eine heutige Berliner Caf\u00e9hauskultur.<\/p>\n<p>In den achtziger Jahren gab es noch Menschen, die sich an die gro\u00dfe Zeit der Berliner Caf\u00e9h\u00e4user erinnern konnten. Elga Jacobi zum Beispiel. Sie war damals in Westberlins Kulturszene eine schillernde Figur. Als sie noch jung war, ging sie ins Romanische Caf\u00e9:<\/p>\n<p>Da trafen sich alle: Maler, Bildhauer, verkrachte Existenzen. Und all die ganz ber\u00fchmten K\u00fcnstler und Schriftsteller, Max Brod und Tucholsky, alles, was Klang und Namen hatte im damals literarischen und k\u00fcnstlerischen Leben, die verkehrten einfach im Romanischen Caf\u00e9. Es war eine ganz geschlossene Gemeinschaft und auch ein ganz bestimmter Typ von Mensch verkehrte da. Und das hat mich angezogen, schon als junger Mensch. Das war meine Welt.<\/p>\n<p>Diese Welt ist untergegangen. Dort, wo das Romanische Caf\u00e9 stand, ragt seit 40 Jahren das langweilige Europa-Center empor. In den zwanziger Jahren ging man ins Caf\u00e9, um zu sehen und gesehen zu werden, um einen Auftrag f\u00fcr ein Buch, einen Artikel oder ein Gem\u00e4lde zu bekommen, um in der Zeitung zu lesen, was die Kritiker von einem hielten oder was es wieder ungeheuer Aufregendes auf der Welt gab. Zuallerletzt ging man ins Caf\u00e9, um Kaffee zu trinken. Auch das eine versunkene Kultur, meint J\u00fcrgen Schebera:<\/p>\n<p>Die Zeitungen aus aller Welt finden Sie heute auch wieder da h\u00e4ngen. Ich glaube allerdings, dass kommerzielle Zw\u00e4nge es heute verhindern, dass ich dort sechs Stunden bei einer Tasse Kaffee sitze und zwanzig Zeitungen lese. Ich denke, nach zwei Stunden werde ich doch einen Wink bekommen, wenn Sie nicht einen zweiten Kaffee ordern, war&#8217;s das wohl jetzt.<\/p>\n<p>Das Romanische Caf\u00e9 lebte geradezu von den Hungerleidern, die sich \u00fcber Stunden an ihrem Erstgetr\u00e4nk labten. Stadtrundfahrten machten hier halt, und die Landeier str\u00f6mten durch das Lokal, um die Bohemiens zu bestaunen. Stammgast und Komponist Friedrich Hollaender nahm das Romanische in sein Repertoire auf. Texte aus seiner Revue &#8222;Bei uns um die Ged\u00e4chtniskirche rum&#8220; sind in J\u00fcrgen Scheberas Buch zu finden:<\/p>\n<p>(Musik) Bei uns um die Ged\u00e4chtniskirche rum \/ Ist der Verkehr f\u00fcrs Publikum geregelt! \/ Dort steht der Sipo und notiert sich stumm, \/ Mit wem Herr X in seinem Chrysler segelt.<\/p>\n<p>Die Nahtstelle zwischen Kudamm und Tauentzien war in den zwanziger Jahren nicht nur f\u00fcr Caf\u00e9hausg\u00e4nger angesagt.<\/p>\n<p>(Musik) Dort sieht er f\u00fcr Gem\u00fct und Bett, \/ teils knabenhaft, teils G\u00e4nsefett, \/ Teils im Sopran, teils im Falsett, \/ Die angemalten Frau&#8217;n zieh&#8217;n. \/ &#8222;Palais am Zoo&#8220;, der letzte cri \/ F\u00fcr die Kurf\u00fcrstendammer. \/ F\u00fcr Nervenstarke vis-a-vis \/ Romanische Schreckenskammer.<\/p>\n<p>Dort hatten sie ihre Auftritte, die Ber\u00fchmten und die Ber\u00fcchtigten. Zu letzteren z\u00e4hlte ein Multitalent: Der Mann zeichnete und dichtete und ging im Romanischen Caf\u00e9 seinem Brotberuf nach:<\/p>\n<p>John H\u00f6xter, auch heute nicht mehr bekannt, der schon im Caf\u00e9 des Westens als der Edelschnorrer bekannt, ber\u00fchmt und geliebt war, also man gab sehr gerne H\u00f6xter die zehn Pfennig oder zwanzig Pfennig, die er schnorren kam, und ich zitiere auch einen sehr sch\u00f6nen Tagesablauf aus dem Romanischen, der das so nach Stunden auff\u00fchrt, und immer wieder an das Ende der Rubrik schreibt: Elf Uhr, H\u00f6xter kassiert seine zwanzig Pfennig, dreizehn Uhr, H\u00f6xter kassiert seine zwanzig Pfennig.<\/p>\n<p>Das Schnorrerprotokoll ist vom Stammgast Paul Marcus, damals Feuilletonist beim 12-Uhr-Blatt. Friedrich Hollaender hat John H\u00f6xter musikalisch verewigt:<\/p>\n<p>(Musik) Ich pendle langsam zwischen allen Tischen. \/ Ab zwanzig Uhr beherrsch ich dieses Reich. \/ Ich will mir einen edlen G\u00f6nner fischen \/ Vor mir sind Rassen und Parteien gleich. \/\/ Irren\u00e4rzte, Kom\u00f6dianten, \/ Junge Boxer, alte Tanten \/ Jeder kommt mal an die Reihe \/ Jeder kriegt von mir die Weihe: \/ K\u00f6nn&#8217;se mir fumpfzig Pfennje borgen? \/ Nur bis morgen? \/ Ehrenwort!<\/p>\n<p>&#8222;Damals im Romanischen Caf\u00e9&#8220; bietet Stadtgeschichte, Kulturgeschichte, Geistesgeschichte. Ein Buch voller Anekdoten, Erinnerungen und Bilder. Es geh\u00f6rt in die Nachbarschaft der Berlin-B\u00fccher von Walther Kiaulehn und Paul Marcus. Da man heute nicht mehr voraussetzen kann, dass die in jedem B\u00fccherschrank stehen, ist J\u00fcrgen Scheberas spannendes Kaleidoskop einer untergegangenen Kultur immerhin ein Anfang.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Schebera: &#8222;Damals im Romanischen Caf\u00e9&#8220; erscheint im Verlag Das Neue Berlin. Das Buch hat 192 Seiten, ist reich illustriert und kostet 12.90 Euro. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>als es dank der j\u00fcdischen Kultur auch noch eine heute l\u00e4ngst versunkene Kaffeehauskultur gab &#8211;<br \/>\n<br \/>\nhier ein Interview mit dem Autor, J\u00fcrgen Schebera, Verlag Das Neue Berlin, 192 Seiten, 12.90 Euro \/DeutschlandradioKultur\/ Sendezeit war 5.9.  &#8211; 15 Uhr 35 &#8211; \/<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-83963","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fembcher","entry"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>BUCHTIP: &quot;Damals im Romanischen Caf\u00e9&quot; (in Berlin) - Feminissima<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2005\/09\/17\/buchtip-damals-im-romanischen-cafe-in-berlin\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"BUCHTIP: &quot;Damals im Romanischen Caf\u00e9&quot; 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