{"id":83812,"date":"2005-06-30T11:16:09","date_gmt":"2005-06-30T11:16:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.feminissima.de\/?p=83812"},"modified":"2005-06-30T11:16:09","modified_gmt":"2005-06-30T11:16:09","slug":"presse-schau-der-grosse-bluff-pharma-total","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2005\/06\/30\/presse-schau-der-grosse-bluff-pharma-total\/","title":{"rendered":"PRESSE-SCHAU: Der gro\u00dfe Bluff- Pharma total"},"content":{"rendered":"<p>Aus der WOCHENZEITUNG\/SCHWEIZ &#8211; ( woz&#038;woz.ch ) f\u00fcr alle, die etwas mehr wissen m\u00f6chten&#8230;\u00fcber die Pillen, die&#8230;\/ vom 30. Juni 2005 \/ Textzitat des Autors Marcel H\u00e4nggi: &#8222;Der gewichtigste Angriff auf die Pharmaindustrie erfolgt aus dem Zentrum des medizinischen Establishments heraus&#8230;Die Novartis-Privatstadt, die derzeit in Basel entsteht und die ArchitekturkritikerInnen begeistert &#8211; &#8222;&#8230;<br \/>\n<br \/>\nDer Artikel ist die Rezension eines neu erschienen BUCHS: <\/p>\n<p>\u00abDer Pharma-Bluff. Wie innovativ die Pharmaindustrie wirklich ist\u00bb<\/p>\n<p>Angell, Marcia<br \/>\n<br \/>\nKompart-Verlag. Bonn 2005<br \/>\n<br \/>\n288 Seiten. Zirka 40 Franken<\/p>\n<p>Der grosse Bluff<br \/>\n<br \/>\nVon Marcel H\u00e4nggi<\/p>\n<p>\nDer gewichtigste Angriff auf die Pharmaindustrie erfolgt aus dem Zentrum des medizinischen Establishments heraus.<br \/>\n<br \/>\nDie Novartis-Privatstadt, die derzeit in Basel entsteht und ArchitekturkritikerInnen begeistert, soll &#8211; in den Worten von CEO Daniel Vasella &#8211; die \u00abmoderne und innovative\u00bb Philosophie des Konzerns zum Ausdruck bringen. <\/p>\n<p>\u00abInnovativ\u00bb? Ist \u00abBig Pharma\u00bb innovativ? Kaum. Sind neue Medikamente gut? Selten. Sind die Medikamentenpreise gerechtfertigt? Nein. Bel\u00fcgen die Pharmafirmen die KonsumentInnen? Ja. Korrumpiert die 500-Milliarden-Franken-Industrie am Ende gar Politik, Wissenschaft, \u00c4rztInnen? Und wie. <\/p>\n<p>Wenn eine Buchautorin solche Verdikte \u00fcber eine ganze Branche f\u00e4llt, muss sie entweder eine durchgeknallte Wirtschaftshasserin sein. Oder es muss mit dieser Branche sehr viel im Argen liegen. Marcia Angell, von deren Buch \u00abDer Pharma-Bluff\u00bb hier die Rede ist, ist ganz bestimmt nicht Ersteres, sondern eine der renommiertesten Stimmen im medizinischen Wissenschaftsbetrieb: Sie war jahrelang die Chefredaktorin des \u00abNew England Journal of Medicine\u00bb, der einflussreichsten Wissenschaftszeitschrift der Welt. Wenn ihr W\u00f6rter wie \u00abr\u00e4uberisch\u00bb oder \u00abErpressung\u00bb aus der Feder fliessen, so basiert ihr Urteil auf jahrelanger Erfahrung. <\/p>\n<p>Zum Beispiel Glivec. Daniel Vasella l\u00e4sst sich nicht nur in Basel ein Denkmal bauen, er hat auch das Leuk\u00e4miemedikament Glivec in einem Buch zum Vasella-Denkmal stilisiert. Tats\u00e4chlich gesteht Marcia Angell Glivec zu, eine wirkliche Innovation zu sein. Damit ist das Krebsheilmittel eine grosse Ausnahme: 1998 bis 2002 wurden in den USA 415 rezeptpflichtige Medikamente neu zugelassen. 133 davon enthielten neue Wirkstoffe &#8211; die anderen variierten bereits bekannte. Von diesen 133 wiederum brachten nur 58 Verbesserungen gegen\u00fcber bereits bekannten Wirkstoffen. Nur diese Medikamente &#8211; vierzehn Prozent aller neu zugelassenen Arzneimittel &#8211; sind wirklich innovativ. Glivec geh\u00f6rt dazu. Doch das Medikament, das Novartis heute rund eine Milliarde Franken pro Jahr in die Kassen sp\u00fclt und dem Konzern als Vorzeigeprodukt dient, wurde im Wesentlichen mit \u00f6ffentlichen Forschungsgeldern entwickelt (siehe WOZ Nr. 36\/2004). <\/p>\n<p>Alter Wein in neuen Schl\u00e4uchen <\/p>\n<p>Oder zum Beispiel Nexium, ein so genannter Protonenpumpehemmer gegen Sodbrennen. 2001 lief ein Patent auf den Protonenpumpehemmer Prilosec von AstraZeneca aus. Prilosec war mit 7,5 Milliarden Franken Jahresumsatz eines der umsatzst\u00e4rksten Medikamente \u00fcberhaupt. Just im selben Jahr patentierte AstraZeneca Nexium. Dieses enth\u00e4lt einen Teil der Inhaltsstoffe von Prilosec &#8211; Angell nennt es ein \u00abHalb-Prilosec\u00bb. Obwohl in Nexium nichts drin ist, das nicht schon in Prilosec enthalten war, erhielt AstraZeneca ein neues Patent. AstraZeneca hatte also nichts wirklich Neues entwickelt, investierte aber 2001 eine halbe Milliarde US-Dollar, um diesen alten Wein in neuen Schl\u00e4uchen zu vermarkten. Die Strategie ging auf: Obwohl heute billige Prilosec-Generika zu haben w\u00e4ren, verlangen PatientInnen und verschreiben \u00c4rztInnen vorwiegend das teure, patentgesch\u00fctzte Nexium. <\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte argumentieren, das sei legitimes Verhalten gewinnorientierter Unternehmen in einer freien Marktwirtschaft, und wenn die KonsumentInnen lieber das teurere Medikament haben wollten, sollten sie es haben. Ein solches Argument geriete aber von zwei Seiten her in Bedr\u00e4ngnis: Erstens wollen die Firmen selber nicht als rein kapitalistische Gewinnmaschinen wahrgenommen werden. Lieber stellen sie sich als Wohlt\u00e4terinnen dar &#8211; schliesslich verkaufen sie Medikamente, die Leben retten k\u00f6nnen. Deshalb behaupten deren PR-Abteilungen, die Firmen w\u00fcrden Gutes tun, die Medizin voranbringen, in die Aus- und Weiterbildung von \u00c4rztInnen investieren und die Bev\u00f6lkerung aufkl\u00e4ren. <\/p>\n<p>Zweitens kann von freier Marktwirtschaft keine Rede sein. Big Pharma ist eine risikofreie, steuerbeg\u00fcnstigte Branche, die ihre Profite im Wesentlichen unter Patentschutz erwirtschaftet. Sowohl das Patentrecht wie die Praxis der Patentgew\u00e4hrung wurden seit 1980 immer wieder den Interessen der Pharmaindustrie angepasst. Diese unterh\u00e4lt beispielsweise in Washington 675 LobbyistInnen &#8211; mehr, als der Kongress Mitglieder hat. Innovative (und risikoreiche) Forschung betreiben in erster Linie \u00f6ffentliche Institutionen mit Geldern der \u00f6ffentlichen Hand; die Industrie erwirbt Rechte an den Forschungsresultaten zu Spottpreisen. So zahlen die KonsumentInnen zweimal: Zuerst finanzieren sie \u00fcber die Steuern die zugrunde liegende Forschung, danach zahlen sie die \u00fcberh\u00f6hten Preise. Dabei zahlen sie deutlich mehr an die Unternehmensgewinne und das Marketing als an Forschung und Entwicklung. <\/p>\n<p>\u00abWeiterbildung\u00bb als Marketing<\/p>\n<p>Die Forschung, die die Industrie selber leisten muss, sind die klinischen Tests. H\u00e4ufig werden diese an eigens daf\u00fcr gegr\u00fcndete Forschungsfirmen oder an Universit\u00e4ten in Auftrag gegeben; von Unabh\u00e4ngigkeit kann nicht die Rede sein. <\/p>\n<p>Das Geld, das die Pharmaindustrie laut Marcia Angell f\u00fcr Weiterbildung ausgibt, ist im Wesentlichen eine Mischung von Marketing und Bestechung: Man m\u00fcsste einigermassen naiv sein zu glauben, ein Seminar an einem sch\u00f6nen Wintersportort, das den \u00c4rztInnen gratis offeriert wird und nebst einigen Vortr\u00e4gen viel Freizeit und Skiliftkarten bietet, verfolge einen anderen Zweck. Der Einfluss der Pharmaunternehmen auf die \u00f6ffentliche Meinung und Wissenschaft ist so stark, dass es ihr gelingt, Definitionen von Krankheit zu ver\u00e4ndern, sodass mehr Leute als krank gelten, und gar neue Krankheiten zu erfinden (etwa die \u00aberektile Dysfunktion\u00bb, eine Erfindung des Viagra-Herstellers Pfizer). Das \u00abBritish Medical Journal\u00bb hat deshalb 2002 eine Liste der Nichtkrankheiten erstellt. <\/p>\n<p>Nun betrifft einiges in Angells Buch die spezifische Situation in den USA, wo die Medikamentenpreise &#8211; anders als in den restlichen Industriestaaten ausser Neuseeland &#8211; von den Firmen beliebig festgesetzt werden k\u00f6nnen. Das meiste l\u00e4sst sich aber auf Europa \u00fcbertragen. Die Firmen sind dieselben. <\/p>\n<p>In der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) und in der \u00c4rztInnenvereinigung FMH wird das Verh\u00e4ltnis von \u00c4rztInnenschaft und Industrie seit l\u00e4ngerem diskutiert; die SAMW hat im vergangenen Dezember entsprechende Richtlinien erlassen. <\/p>\n<p>Rund achtzig Prozent der medizinischen Forschung in der Schweiz werden privat finanziert &#8211; Unabh\u00e4ngigkeit darf unter solchen Voraussetzungen niemand erwarten. <\/p>\n<p>In Britannien, das eine \u00e4hnliche Medikamentenpreisbildung kennt wie die Schweiz, hat eine parlamentarische Untersuchungskommission einen Bericht \u00fcber den Einfluss der Pharmaindustrie verfasst, der zu \u00e4hnlich d\u00fcsteren Resultaten kommt wie Angell in ihrem Buch. <\/p>\n<p>WOZ vom 30.06.2005<\/p>\n<p>Top<\/p>\n<p>\nAktuell in der Print-Ausgabe:<\/p>\n<p>\n\u00abAls w\u00e4re es ein Verbrechen\u00bb<br \/>\n<br \/>\nGegen eine Milliarde Franken k\u00f6nnten im Gesundheitswesen j\u00e4hrlich eingespart werden, wenn die Medikamentenpreise auf EU-Niveau gesenkt w\u00fcrden<br \/>\n<br \/>\n\u00abDer Pharma-Bluff. Wie innovativ die Pharmaindustrie wirklich ist\u00bb<\/p>\n<p>Angell, Marcia<\/p>\n<p>Kompart-Verlag. Bonn 2005<\/p>\n<p>288 Seiten. Zirka 40 Franken<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus der WOCHENZEITUNG\/SCHWEIZ &#8211; ( woz&#038;woz.ch ) f\u00fcr alle, die etwas mehr wissen m\u00f6chten&#8230;\u00fcber die Pillen, die&#8230;\/ vom 30. Juni 2005 \/ Textzitat des Autors Marcel H\u00e4nggi: &#8222;Der gewichtigste Angriff auf die Pharmaindustrie erfolgt aus dem Zentrum des medizinischen Establishments heraus&#8230;Die Novartis-Privatstadt, die derzeit in Basel entsteht und die ArchitekturkritikerInnen begeistert &#8211; &#8222;&#8230;<br \/>\n<br \/>\nDer Artikel ist die Rezension eines neu erschienen BUCHS: <\/p>\n<p>\u00abDer Pharma-Bluff. Wie innovativ die Pharmaindustrie wirklich ist\u00bb<\/p>\n<p>Angell, Marcia<br \/>\n<br \/>\nKompart-Verlag. Bonn 2005<br \/>\n<br \/>\n288 Seiten. 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