{"id":83787,"date":"2005-06-25T14:21:29","date_gmt":"2005-06-25T14:21:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.feminissima.de\/?p=83787"},"modified":"2005-06-25T14:21:29","modified_gmt":"2005-06-25T14:21:29","slug":"presse-schau-wir-denken-selbst-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2005\/06\/25\/presse-schau-wir-denken-selbst-zeit\/","title":{"rendered":"Presse-Schau\/&#8220;Wir denken selbst&#8220;\/ZEIT"},"content":{"rendered":"<p>Interessante Replik des CDU-Politikers Norbert Lammer auf einen Artikel in der ZEIT von Jens Jessen &#8211; :&#8220;Wer denkt f\u00fcr die CDU?\/Anders als die SPD hat die Union kein eigenes Kulturmilieu. Konservative Intellektuelle mi\u00dftrauen dem Fortschritt und der Volkspartei&#8220; &#8211; dazu die Replik &#8222;Wir denken selber&#8220; von Norbert Lammert<br \/>Wir denken selbst<\/p>\n<p>Die CDU und die Intellektuellen. Eine Replik auf Jens Jessen<\/p>\n<p>Von Norbert Lammert<\/p>\n<p>Dass die Union Probleme mit den Intellektuellen und K\u00fcnstlern habe, diese jedenfalls mit ihr, geh\u00f6rt seit Jahrzehnten zu den scheinbar gesicherten Erkenntnissen der inneren Verfassung dieser Republik \u2013 \u00e4hnlich stabil wie die Gewissheit, dass die Arbeitnehmer sich von der SPD am besten vertreten f\u00fchlen. Die zweite Vermutung ist zuletzt immer st\u00e4rkeren Zweifeln ausgesetzt, umso hartn\u00e4ckiger wird die andere Behauptung verteidigt.<\/p>\n<p>\u00bbNehmen wir einmal an, die Unionsparteien stellten nach der Wahl die Regierung. Wie w\u00e4re das Verh\u00e4ltnis der Politik zur Kultur?\u00ab, fragt Jens Jessen (Wer denkt f\u00fcr die CDU?, ZEIT Nr. 23\/05). Seine Antwort verbindet richtige Beobachtungen mit voreiligen Schlussfolgerungen. Tats\u00e4chlich kann man sich kaum vorstellen, dass Schriftsteller \u00bbspontane Aufrufe zur Unterst\u00fctzung der CDU oder gar CSU unterzeichneten\u00ab. Ludwig Erhards Beschimpfung kritischer Autoren als \u00bbPinscher\u00ab hatte verheerende Wirkungen, nicht zuletzt die selbstverst\u00e4ndliche Erwartung, dass solche despektierlichen Bemerkungen zwar K\u00fcnstlern gegen\u00fcber Politikern jederzeit erlaubt sein m\u00fcssen, nicht aber umgekehrt Politikern gegen\u00fcber K\u00fcnstlern. Tats\u00e4chlich gibt es \u00bbkeine CDU-Schriftsteller\u00ab, die sich wie G\u00fcnter Grass oder Peter R\u00fchmkorf immer wieder gerne (?) f\u00fcr die SPD ins Zeug legen und in Wahlk\u00e4mpfen von ihr in Anspruch nehmen lassen. Aber ist diese Vereinnahmung der Kulturszene f\u00fcr SPD-Wahlkampfzwecke, angef\u00fchrt von Klaus Staeck oder Johanno Strasser, nicht genau jene Instrumentalisierung, die nicht nur die ZEIT zu Recht verurteilt?<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind die Literaturpreistr\u00e4ger der Konrad-Adenauer-Stiftung \u00bbparteipolitisch unauff\u00e4llig\u00ab. Aber ist es nicht Ausweis politischer Souver\u00e4nit\u00e4t und eines nicht instrumentellen Kulturverst\u00e4ndnisses, wenn sich die Auswahl von Autoren f\u00fcr den auch deshalb inzwischen renommierten Literaturpreis eben nicht am Ma\u00dfstab ihrer CDU-N\u00e4he, sondern allein ihres k\u00fcnstlerischen Niveaus orientiert? Die richtige Beobachtung spricht also weder gegen die Schriftsteller noch gegen die Stiftung. Und wieso taugt sie dann als Nachweis der Kulturferne der Union, mindestens aber der CDU-Ferne der Dichter und Denker? Tats\u00e4chlich gibt es von Sarah Kirsch bis Wulf Kirsten, von Hilde Domin \u00fcber Walter Kempowski, Thomas H\u00fcrlimann bis Herta M\u00fcller gewiss keine Partein\u00e4he, wohl aber ein geistiges Band, das mit den Stichworten Erinnerungskultur, Diktaturerfahrung, Antitotalitarismus und Bekenntnis zur freiheitlich demokratischen Grundordnung beschrieben werden kann.<\/p>\n<p>\nAllen anders lautenden Bef\u00fcrchtungen oder Hoffnungen zum Trotz gibt es eine eindrucksvolle Reihe von K\u00fcnstlern und Intellektuellen im Inland wie im Ausland, die sich im Umfeld der Union oder der ihr nahestehenden Stiftung, aber weder in ihrem Namen noch in ihrem Auftrag, mit den Herausforderungen unserer Zeit auseinander setzen.<\/p>\n<p>W\u00fcrde es f\u00fcr das Wahlverhalten von Intellektuellen und K\u00fcnstlern \u00e4hnlich seri\u00f6se Analysen geben wie f\u00fcr Jungw\u00e4hler, Arbeitnehmer, Frauen oder \u00e4ltere Menschen, w\u00fcrde sich m\u00f6glicherweise eine ganz andere Parteienpr\u00e4ferenz ergeben, als sie gemeinhin vermutet, jedenfalls regelm\u00e4\u00dfig behauptet wird. Die wenigsten K\u00fcnstler und Intellektuellen sind konservativ \u2013 selbst diejenigen unter ihnen, die es tats\u00e4chlich sind, w\u00fcrden sich schwerlich so charakterisiert sehen wollen, aber erstaunlich viele f\u00fchlen sich bei unionsgef\u00fchrten Landesregierungen durchaus gut aufgehoben: von Bayern im S\u00fcden bis Hamburg im Norden und demn\u00e4chst bei einer Bundesregierung unter F\u00fchrung von Angela Merkel nicht schlechter als bei Gerhard Schr\u00f6der und \u00e4hnlich gut wie unter Helmut Kohl. Als Michael Naumann, der erste Kulturbeauftragte einer Bundesregierung mit Ministertitel, wenn auch ohne eigenes Ressort, der Kohl-Regierung nachrief, sie habe eine \u00bbkulturpolitische Sahelzone\u00ab hinterlassen, hatte diese gerade in ihrer Amtszeit die Kulturausgaben des Bundes von zun\u00e4chst weniger als 400 Millionen auf zuletzt rund 1,3 Milliarden D-Mark gesteigert, die seitdem sehr viel auff\u00e4lliger verwaltet werden, nach einer weiteren Steigerung auf umgerechnet 1,9 Mrd. D-Mark nun aber leider seit Jahren stagnieren und in der ausw\u00e4rtigen Kulturpolitik sogar faktisch gesunken sind.<\/p>\n<p>Das Interesse der Kanzler an Kunst und Kultur war durchaus unterschiedlich, aber zumeist begrenzt. Der gegenteilige Eindruck, den sie selbst gerne erzeugten, entsprach nicht immer der Wirklichkeit. Hilmar Hoffmann, eine der gro\u00dfen Figuren unter den Kulturpolitikern der SPD, der alle Kanzler, und ganz besonders die letzten, pers\u00f6nlich gut kannte, wei\u00df in seiner Autobiografie Erstaunliches dar\u00fcber zu berichten.<\/p>\n<p>\nUnter Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und Helmut Kohl hat die Union die Bundesrepublik Deutschland im Westen und seiner demokratischen politischen Kultur verankert, auf eine soziale Marktwirtschaft verpflichtet, in der europ\u00e4ischen Gemeinschaft neu aufgestellt und die deutsche Einheit vollendet. W\u00e4re die CDU auf diesem Weg den mal mehr, mal weniger deutlich artikulierten Empfehlungen der intellektuellen Bedenkentr\u00e4ger gefolgt, s\u00e4he das Land heute anders, aber nicht besser aus. In der Frage der deutschen Einheit war G\u00fcnter Grass ein Apologet des Stillstands, von der Vern\u00fcnftigkeit des Status quo, dem historischen Sinn und der Notwendigkeit der deutschen Teilung zutiefst \u00fcberzeugt: gegen \u00bbein Selbstbestimmungsrecht, das anderen V\u00f6lkern zusteht, spricht Auschwitz\u00ab, begr\u00fcndete er sein politisch wie moralisch gewaltiges Urteil (ZEIT Nr. 9\/90) Damit mag er Oskar Lafontaine beeindruckt haben, Helmut Kohl gl\u00fccklicherweise nicht. Der Sozialdemokrat Richard Schr\u00f6der, der im Unterschied zu Grass \u00fcber konkrete Erfahrungen mit der DDR verf\u00fcgt, attestiert dem \u00bbSPD-Schriftsteller\u00ab kurz und b\u00fcndig: \u00bbDer Mann leidet an konfuser Gespensterfurcht.\u00ab Der Nobelpreistr\u00e4ger sei ein bedeutender Geschichtenerz\u00e4hler, der sich zu Unrecht auch f\u00fcr einen gro\u00dfen Geschichtsdeuter halte. \u00bbGrass interessiert sich nicht wirklich f\u00fcr uns. Er instrumentalisiert uns blo\u00df f\u00fcr den Gestus des gnadenlosen Richters.\u00ab (ZEIT Nr. 20\/05)<\/p>\n<p>Gerade wegen der intellektuellen Versuchungen zum virtuosen Umgang mit der Wirklichkeit ist die von Jens Jessen beschriebene, historisch begr\u00fcndete traditionelle \u00bbSkepsis gegen\u00fcber Theorien und Utopien, ein n\u00fcchterner Pragmatismus und Humanismus, der schon wei\u00df, dass sich der alte Adam nicht in den Neuen Menschen verwandeln l\u00e4sst\u00ab, kein \u00fcbles Merkmal des politischen Konservatismus und keine schlechte Grundlage konservativer Politik. Dazu geh\u00f6rt nicht zuletzt der Respekt vor der Autonomie der Kunst, der jede politische Vereinnahmung ausschlie\u00dft, schon gar den \u00bbleninistischen Wunsch nach Kulturschaffenden, die das Land fit machen f\u00fcr eine neue \u00f6konomische Politik\u00ab (Jessen).<\/p>\n<p>Ob die SPD tats\u00e4chlich ein \u00bbeigenes Kulturmilieu\u00ab hat, m\u00f6gen andere entscheiden. Die CDU hat es jedenfalls nicht und muss sich daf\u00fcr auch gewiss nicht entschuldigen.<\/p>\n<p>Wir denken selbst. In der Regel zumindest. Nicht immer gr\u00fcndlich genug, nicht immer \u00fcberzeugend, aber mit dem bescheidenen Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und nicht andere aus Bequemlichkeit oder geborgter Autorit\u00e4t f\u00fcr eigene Absichten in Anspruch zu nehmen. Und wenn bei Neuwahlen, vorzeitigen oder regul\u00e4ren, tats\u00e4chlich die Regierungsverantwortung wechseln sollte, dann werden weder die Arbeitnehmer noch die Intellektuellen dies ausdr\u00fccklich begr\u00fc\u00dfen, aber beide bedeutenden W\u00e4hlergruppen werden gewiss dazu beigetragen haben.<\/p>\n<p>\nNorbert Lammert ist Vizepr\u00e4sident des Bundestages, Mitglied des Pr\u00e4sidiums der CDU und stellvertretender Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung<\/p>\n<p>\n(c) DIE ZEIT 23.06.2005 Nr.26<br \/>\n<br \/>\n    ARTIKEL ZUM THEMA<\/p>\n<p>Wer denkt f\u00fcr die CDU?<br \/>\n<br \/>\nAnders als die SPD hat die Union kein eigenes Kulturmilieu. Konservative Intellektuelle misstrauen dem Fortschritt und der Volkspartei <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interessante Replik des CDU-Politikers Norbert Lammer auf einen Artikel in der ZEIT von Jens Jessen &#8211; :&#8220;Wer denkt f\u00fcr die CDU?\/Anders als die SPD hat die Union kein eigenes Kulturmilieu. 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