{"id":83518,"date":"2004-11-14T17:54:01","date_gmt":"2004-11-14T17:54:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.feminissima.de\/?p=83518"},"modified":"2004-11-14T17:54:01","modified_gmt":"2004-11-14T17:54:01","slug":"neues-aus-der-krebsforschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2004\/11\/14\/neues-aus-der-krebsforschung\/","title":{"rendered":"Neues aus der Krebsforschung"},"content":{"rendered":"<p>Aus der \u00c4rzte-Zeitung vom 5. 11. 2004 &#8211; ein Gespr\u00e4ch der \u00c4Z mit dem neuen Chef des Deutschen Krebsforschungsinstituts Heidelberg, mit Prof. Dr. Otmar Wiestler. Spannend!<br \/>\n<br \/>\nF\u00fcr Euch gesammelt und konserviert!<br \/>\u00c4rzte Zeitung, 05.11.2004 <\/p>\n<p>\n &#8222;Entscheidende Beitr\u00e4ge in der Krebsforschung&#8220;<\/p>\n<p>Das Deutsche Krebsforschungszentrum will verst\u00e4rkt Forschungsergebnisse in neue Therapieverfahren umsetzen \/ Ein Gespr\u00e4ch mit Otmar Wiestler<br \/>\n<br \/>\nDer neue Leiter des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), Professor Otmar Wiestler, will ihm eine neue Richtung geben. Das Zentrum soll sich st\u00e4rker darauf konzentrieren, Ergebnisse aus der Forschung in neue Diagnose- und Behandlungsverfahren f\u00fcr Patienten mit Krebs umzusetzen, erl\u00e4uterte der Wissenschaftler im Gespr\u00e4ch mit Ingeborg B\u00f6rdlein, Mitarbeiterin der &#8222;\u00c4rzte Zeitung&#8220;.<\/p>\n<p>\u00c4rzte Zeitung: Professor Wiestler, Sie haben das Ruder im DKFZ vor fast einem Jahr \u00fcbernommen. Wo geht die Fahrt hin?<\/p>\n<p>\n  &#8222;Ich halte die Stammzell-<br \/>\n<br \/>\nforschung auch bei Krebs f\u00fcr wichtig.&#8220;<br \/>\n<br \/>\n  Professor Otmar Wiestler<br \/>\n<br \/>\nLeiter des Deutschen Krebsforschungs-<br \/>\n<br \/>\nzentrums<br \/>\n<br \/>\nWiestler: In der vergangenen Epoche hat ein wesentlicher Schwerpunkt unserer Arbeiten darin gelegen, grundlegende Mechanismen bei der Entstehung von Krebserkrankungen zu verstehen. In den letzten zehn Jahren ist unser Wissen auf diesem Gebiet explodiert. Durch Errungenschaften der Genomforschung und der Zellbiologie sind mittlerweile wesentliche St\u00f6rungen im Erbgut und im zellul\u00e4ren Stoffwechsel von Krebszellen entschl\u00fcsselt. Wir m\u00f6chten nun auf dieser Grundlage aufbauen und uns st\u00e4rker darauf konzentrieren, Ergebnisse aus der Forschung in neue Diagnose- und Behandlungsverfahren f\u00fcr Patienten mit Krebs umzusetzen.<\/p>\n<p>Neue inhaltliche Schwerpunkte liegen in einer Verst\u00e4rkung der Erforschung von Krebserkrankungen des Gehirns sowie im Aufbau eines neuen Forschungsgebiets zum Thema Krebs-Stammzellen. Weiterhin haben wir begonnen, einige am Standort Heidelberg besonders intensiv erforschte und betreute Krebsarten im Rahmen von Netzwerken mit universit\u00e4ren und anderen Partnern zu untersuchen. Hier entstehen momentan neue Initiativen auf den Gebieten des Lungenkarzinoms, des Pankreaskarzinoms und der Gliome.<\/p>\n<p>\u00c4rzte Zeitung: Ist die Krebsforschung jetzt beim Patienten angekommen?<\/p>\n<p>Wiestler: In der Tat hat die Krebsforschung hier einen wesentlichen Wandel vollzogen. Mit der Erkenntnis, da\u00df genetische Ver\u00e4nderungen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Tumorerkrankungen spielen und der k\u00fcrzlich erfolgten Entschl\u00fcsselung des menschlichen Genoms, verlagert sich der Schwerpunkt vieler Forschungsarbeiten nun zunehmend auf die Untersuchung menschlicher Tumorgewebe und menschlicher Tumorzellen. Um dieses Gebiet weiter zu bef\u00f6rdern, gehen wir mannigfache Allianzen mit Forschern aus der Universit\u00e4tsklinik, aus anderen Forschungseinrichtungen und auch aus der Industrie ein.<\/p>\n<p>Nach wie vor kommt allerdings auch der Untersuchung von Tiermodellen eine gro\u00dfe Bedeutung zu. Hier stehen inzwischen transgene M\u00e4use, in denen gezielt Ver\u00e4nderungen in Krebs-assoziierte Gene eingef\u00fcgt werden, an erster Stelle. Diese Tiermodelle sind notwendig, um grundlegende Vorg\u00e4nge der Krebsentstehung zu verstehen; sie bilden jedoch auch eine wichtige Grundlage zur Entwicklung und \u00dcberpr\u00fcfung von Diagnose- und Therapieverfahren.<\/p>\n<p>\u00c4rzte Zeitung: In Deutschland stirbt noch immer die H\u00e4lfte der Krebskranken an ihrem Leiden. In anderen L\u00e4ndern sind die Heilungsraten besser. Was wurde in der Krebsforschung oder der Therapie in Deutschland falsch gemacht?<\/p>\n<p>Wiestler: Die Tatsache, da\u00df Heilungschancen f\u00fcr Patienten mit Krebs in Deutschland ung\u00fcnstiger sind als in manchen anderen L\u00e4ndern ist nach meiner Einsch\u00e4tzung nicht der Krebsforschung anzulasten. Ein wesentliches Problem scheint mir eher darin zu bestehen, da\u00df die Versorgung von Krebspatienten in unserem Land prinzipiell anders organisiert ist als etwa in den USA oder in skandinavischen Nationen. W\u00e4hrend unser Medizinsystem sehr stark auf Fach\u00e4rzte setzt, bauen ausl\u00e4ndische Zentren st\u00e4rker auf eine fach\u00fcbergreifende Betreuung von Krebspatienten durch ein Team von Experten und nach vereinbarten Standards. Da wir den letzteren Weg ebenfalls als den besseren ansehen, unternehmen wir in enger Zusammenarbeit mit Partnern aus dem Universit\u00e4tsklinikum Heidelberg und der Thoraxklinik in Heidelberg-Rohrbach momentan den Versuch, im Nationalen Centrum f\u00fcr Tumorerkrankungen Heidelberg die Behandlungswege f\u00fcr Tumorpatienten grundlegend zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>\u00c4rzte Zeitung: Der Weg in die Anwendung scheint in Deutschland steiniger zu sein als etwa in den USA. Wo liegen die Hindernisse, und wie sind diese zu beseitigen?<\/p>\n<p>Wiestler: In der Vergangenheit wurden Anwendungen von Ergebnissen aus der Krebsforschung dadurch erschwert, da\u00df Krebsforschung und Krebsmedizin noch nicht ausreichend vernetzt waren. Mittlerweile werden jedoch mannigfache Verbindungen aufgebaut, um dieses Defizit auszugleichen. Ein eindr\u00fcckliches Beispiel f\u00fcr diese Entwicklung ist das Nationale Centrum f\u00fcr Tumorerkrankungen in Heidelberg, wo das Deutsche Krebsforschungszentrum, das Universit\u00e4tsklinikum Heidelberg, die Universit\u00e4t Heidelberg, die Thoraxklinik in Heidelberg-Rohrbach und die Deutsche Krebshilfe eine langfristige strategische Allianz eingehen, um auf der Basis einer neuen Qualit\u00e4t der Versorgung von Krebspatienten Forschungsergebnisse sehr viel schneller in die Klinik zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Ein Problem f\u00fcr diese Arbeiten war bislang auch, da\u00df die forschende Arzneimittelindustrie in Deutschland durch eine ausgepr\u00e4gte Schw\u00e4chephase geht. Diese kann dadurch \u00fcberwunden werden, da\u00df industrielle Partner in solche strategischen Allianzen einbezogen werden. Wenn es gelingt, die entscheidenden Spieler auf diese Weise zusammenzubringen, kann Deutschland auf diesem wichtigen Sektor eine international f\u00fchrende Rolle \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>\u00c4rzte Zeitung: Ihr wissenschaftliches Interesse galt vor ihrer Zeit als DKFZ-Chef der Stammzellforschung. Ist dieses Gebiet auch f\u00fcr die Krebsforschung von Interesse? Denken Sie daran, dieses Forschungsgebiet auch am DKFZ zu etablieren?<\/p>\n<p>Wiestler: In der Tat halte ich die Stammzellforschung auch f\u00fcr das Krebsproblem f\u00fcr wichtig. Dieses beruht darauf, da\u00df Stammzellen und Krebszellen eine erstaunliche Zahl von Merkmalen teilen. Beispiele schlie\u00dfen die gro\u00dfe Vielgestaltigkeit von Krebszellen trotz identischen Erbguts, die Steuerung ihres Wachstums, die vielf\u00e4ltige Interaktion zwischen Krebszellen und Zellen des normalen Gewebes sowie die Eigenschaft ein, da\u00df Krebszellen sich nicht selten wie Stammzellen \u00fcber lange Zeit in Nischen des K\u00f6rpers verbergen. Schlie\u00dflich spricht auch vieles daf\u00fcr, da\u00df Krebserkrankungen im erwachsenen K\u00f6rper sich aus adulten Stammzellen entwickeln. Um die vielen \u00dcberlappungen zwischen beiden Forschungsgebieten zu nutzen, bauen wir derzeit einen Forschungsschwerpunkt zum Thema Tumor-Stammzellen auf.<\/p>\n<p>\u00c4rzte Zeitung: Wie l\u00e4\u00dft sich eine exzellente wissenschaftliche Arbeit trotz der Sparzw\u00e4nge fortf\u00fchren?<\/p>\n<p>Wiestler: Das DKFZ ist in der g\u00fcnstigen Situation, da\u00df es als Einrichtung der Helmholtz-Gemeinschaft vom Bund (90 Prozent) und vom Land Baden-W\u00fcrttemberg (10 Prozent) eine stabile Grundfinanzierung erh\u00e4lt. Ohne Einwerbung von Forschungsdrittmitteln, welche sich derzeit auf etwa 30 Millionen Euro pro Jahr belaufen, k\u00f6nnte das Zentrum seine international f\u00fchrende Stellung allerdings nicht behaupten. Um angesichts der gro\u00dfen Zukunftsaufgaben in der translationalen Forschung auch k\u00fcnftig konkurrenzf\u00e4hig zu bleiben, m\u00fcssen wir neue Quellen der Unterst\u00fctzung erschlie\u00dfen. Gedacht ist unter anderem an eine intensivere Zusammenarbeit mit privaten Sponsoren und Mentoren, welche sich Anliegen der Krebsforschung zu eigen machen.<\/p>\n<p>Ein Zentrum mit vielen herausragenden Projekten<br \/>\n<br \/>\nDie Genomforschung hat mit der Entschl\u00fcsselung des menschlichen Erbguts die Krebsforschung entscheidend befl\u00fcgelt. Professor Otmar Wiestler: &#8222;F\u00fcr eine gro\u00dfe Zahl von Tumorerkrankungen sind mittlerweile urs\u00e4chliche Ver\u00e4nderungen im Genom und die damit zusammenh\u00e4ngenden St\u00f6rungen der Signal\u00fcbertragung in Tumorzellen in Grundz\u00fcgen verstanden. Auch unser Haus hat auf diesem Gebiet entscheidende Beitr\u00e4ge geleistet. Gerne greife ich einige Arbeitsgruppen exemplarisch heraus.&#8220;<\/p>\n<p>Der Abteilung von Professor Peter Lichter ist es in den zur\u00fcckliegenden Jahren gelungen, Verfahren zum empfindlichen Nachweis kleiner genetischer Defekte aus dem menschlichen Chromosom zu entwickeln. Mit Hilfe dieser komparativen genomischen Hybridisierung (CGH) ist es nicht nur m\u00f6glich, neue Ver\u00e4nderungen des Erbguts aufzusp\u00fcren; insbesondere hat sich auch gezeigt, da\u00df ein bestimmtes Spektrum genetischer Defekte bessere Voraussagen zum Verlauf von Leuk\u00e4mien und anderen Krebserkrankungen sowie zu ihrem Ansprechen auf bestimmte Behandlungsverfahren erlaubt.<\/p>\n<p>Durch die Erfassung von Genexpressionsprofilen mit Chip-basierten Methoden konnte die Abteilung von Frau Professor Annemarie Poustka wichtige Muster von Signalver\u00e4nderungen f\u00fcr verschiedene Krebsarten nachweisen. Auch hier steht eine \u00dcbertragung in diagnostische Anwendungen bevor.<\/p>\n<p>Im Umfeld des Arbeitskreises von Professor Werner Franke konnte der Nachweis von Zellskelettstrukturen dazu genutzt werden, die Diagnose von Tumoren an pathologischen Pr\u00e4paraten entscheidend zu verbessern.<\/p>\n<p>Mit dem Konzept des programmierten Zelltods und dem Verst\u00e4ndnis seiner Ausl\u00f6sung hat Herr Professor Peter Krammer ein entscheidendes neues biologisches Prinzip entdeckt. Da sich Krebszellen h\u00e4ufig dem programmierten Zelltod entziehen, wird momentan intensiv an Strategien zur Ausl\u00f6sung der Apoptose in Tumoren gearbeitet.<\/p>\n<p>Herr Professor Christof Niehrs und seine Mitarbeiter haben neue Signal\u00fcbertragungswege entdeckt, welche sowohl w\u00e4hrend der Entwicklung des Organismus als auch beim gest\u00f6rten Wachstum von Tumorzellen eine kritische Rolle spielen. Hier ist eine sehr erfolgreiche Synthese der Entwicklungsbiologie mit der Krebsforschung gelungen.<\/p>\n<p>Traditionell z\u00e4hlt das DKFZ zu den Pionieren bei der Erforschung der Rolle von Viren als Ausl\u00f6ser von Krebs. Hier ist vor allem die im Arbeitskreis von Herrn Professor Harald zur Hausen entdeckte und intensiv untersuchte Rolle von menschlichen Papillomviren zu nennen. Aufbauend auf Untersuchungen aus unserem Haus beginnen derzeit weltweite Studien, um gegen Krebs-ausl\u00f6sende Papillomviren zu impfen. Damit \u00f6ffnet sich ein neuer Weg zur Pr\u00e4vention von Geb\u00e4rmutterhalskrebs und anderen Tumoren.<\/p>\n<p>Herausragende Beitr\u00e4ge leistet das DKFZ seit l\u00e4ngerer Zeit auch zur Entwicklung neuer Verfahren der Strahlentherapie. Die Mehrzahl der wesentlichen Neuerungen auf diesem Gebiet gehen auf Forschungsergebnisse aus dem DKFZ zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Schlaglichtartig sind hier einige Beispiele genannt. Nur aus Platzgr\u00fcnden k\u00f6nnen andere wichtige Beitr\u00e4ge nicht genannt werden. <\/p>\n<p>\n(so schreibt die \u00c4rzte-Zeitung\/Anm. von feminissima zum letzten Satz &#8211; nicht wir haben Platzmangel&#8230;).<br \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus der \u00c4rzte-Zeitung vom 5. 11. 2004 &#8211; ein Gespr\u00e4ch der \u00c4Z mit dem neuen Chef des Deutschen Krebsforschungsinstituts Heidelberg, mit Prof. Dr. Otmar Wiestler. 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