{"id":83400,"date":"2004-01-27T15:09:10","date_gmt":"2004-01-27T15:09:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.feminissima.de\/?p=83400"},"modified":"2004-01-27T15:09:10","modified_gmt":"2004-01-27T15:09:10","slug":"heinz-berggruen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2004\/01\/27\/heinz-berggruen\/","title":{"rendered":"Heinz Berggruen"},"content":{"rendered":"<p>Vermutlich anl\u00e4ssliche des Holocaust-Gedenktags ver\u00f6ffentlicht spiegel-online ein Interview mit Heinz Berggruen &#8211; wir heben es f\u00fcr Euch auf. <br \/>Und legen Euch einen (nein, ganz viele!) Besuche seiner der Stadt Berlin g\u00fcnstig \u00fcberlassenen Sammlung MODERNER KUNST ans Herz.<br \/>Sein Lieblingsk\u00fcnstler: PICASSO.<br \/>Die erste Ausstellung Berggruens war dem DADA-isten Kurt SCHWITTERS gewidmet, \u00fcbrigens.<br \/>Quelle: spiegel-online<\/p>\n<p>INTERVIEW MIT HEINZ BERGGRUEN<\/p>\n<p>&#8222;Berlin fehlt geistige \u00dcberlegenheit&#8220;<\/p>\n<p>1996, 60 Jahre nach seiner Flucht vor den Nazis, kehrte der Kunsth\u00e4ndler und Sammler Heinz Berggruen mit seiner weltber\u00fchmten Sammlung der Klassischen Moderne nach Berlin zur\u00fcck. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der 90-J\u00e4hrige \u00fcber seine neue alte Heimat, die Bedeutung Picassos und das Gl\u00fcck, mit Kunst zu leben. <\/p>\n<p>AP<br \/>\n<br \/>\nKunstsammler Berggruen: &#8222;Ich habe Gl\u00fcck gehabt&#8220;<br \/>\n<br \/>\nSPIEGEL ONLINE: Herr Berggruen, in Ihrer Autobiografie schreiben Sie: &#8222;Der Mensch kann aus seiner Heimat vertrieben werden, die Heimat aber nicht aus dem Menschen&#8220;. Sind Sie, als Sie vor acht Jahren nach Berlin zur\u00fcckzogen, in Ihre Heimat zur\u00fcckgekehrt?<br \/>\n<br \/>\nHeinz Berggruen: Ich habe eine Doppelheimat: Paris und Berlin. Berlin ist die alte, zu der ich zur\u00fcckgekehrt bin, aber in Paris habe ich mich so intensiv eingew\u00f6hnt, dass ich in gar keiner Weise Paris abschreiben k\u00f6nnte. Es geh\u00f6rt zu mir, es ist ein Teil von mir. <\/p>\n<p>SPIEGEL ONLINE: Sie sind in Wilmersdorf aufgewachsen und 1936 emigriert. 1944 sind Sie als amerikanischer Soldat nach Europa zur\u00fcckgekehrt. Wie haben Sie das erlebt? <\/p>\n<p>Berggruen: Das war f\u00fcr mich sehr aufregend. Ich hatte eine ganz gro\u00dfe Sehnsucht und ein ungeheures Bed\u00fcrfnis nach Europa, und das wurde ausgerechnet durch so etwas Schlimmes wie den Krieg erf\u00fcllt. Ich erinnere mich, dass ich, als wir auf dem Truppenschiff wie die Heringe eingelagert waren, mit einem Kollegen, der auch ein deutscher Emigrant war, auf Deck stand und aufs Meer geschaut habe und gesagt habe: Ist das nicht herrlich, jetzt kommen wir immer n\u00e4her, immer n\u00e4her zu Europa, wo wir herkommen, wo wir hingeh\u00f6ren. Das hat er nicht verstanden. Ich jedoch freute mich auf Europa. Ich brauchte Europa. <\/p>\n<p>SPIEGEL ONLINE: War auch die R\u00fcckkehr nach Deutschland eine freudige Wiederkehr? <\/p>\n<p>Berggruen: Doch. Deutschland war zwar zerst\u00f6rt, vor allem Berlin. Ich werde nie vergessen, wie entsetzlich bedr\u00fcckt ich war, als ich in meiner amerikanischen Uniform zwischen den Schuttbergen durch die v\u00f6llig zerst\u00f6rten Stra\u00dfen Berlins wanderte und mein Elternhaus in der Konstanzer Stra\u00dfe besuchte. Es war v\u00f6llig zerdeppert, stand nicht mehr. Das alles war nat\u00fcrlich deprimierend. Aber ich war nur kurz in Berlin, dann kam ich nach M\u00fcnchen, da sah alles viel besser aus. Da war dann auch eine freudige Atmosph\u00e4re zu sp\u00fcren, dass der Krieg endlich vorbei war. <\/p>\n<p>\n Heinz Berggruen<\/p>\n<p>Heinz Berggruen wird 1914 in Berlin geboren. Seine Eltern betreiben ein Papierwarengesch\u00e4ft in Wilmersdorf. 1936 emigriert Berggruen nach Kalifornien. Nach einem Studium in Berkeley arbeitet er am San Francisco Museum of Art. 1947 l\u00e4sst sich Berggruen in Paris nieder und er\u00f6ffnet eine eigene Galerie. 1950 lernt er Pablo Picasso kennen und vertreibt fortan dessen Werk. 1996 kehrt Berggruen mit seiner Privatsammlung Klassischer Moderne nach Berlin zur\u00fcck, die er im Jahre 2000 der Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz. Berggruen gilt als bedeutendster Kunstsammler unserer Zeit.<br \/>\n<br \/>\nSPIEGEL ONLINE: Trotzdem lie\u00dfen Sie sich nach den Jahren im amerikanischen Exil nicht in Berlin, sondern in Paris nieder.<br \/>\n<br \/>\nBerggruen: Ich war in Paris bei der neu gegr\u00fcndeten Unesco t\u00e4tig, in der Kunstabteilung. Das war ein sehr guter Job, 10.000 Dollar steuerfrei im Jahr. Aber ich habe mich gelangweilt. Ich wollte mehr, mehr Leben. <\/p>\n<p>SPIEGEL ONLINE: Und k\u00fcndigten&#8230; <\/p>\n<p>Berggruen: Ich sp\u00fcrte, dass es einen Sektor gab, wo man was tun konnte, das war die Kunst. Und da ich nicht einmal ein Haus skizzieren kann, bin ich nicht sch\u00f6pferisch, sondern als Vermittler, als Bindestrich zwischen den Menschen, die Bilder sch\u00e4tzen und sammeln, und den K\u00fcnstlern an die Sache herangegangen. Ich dachte, da k\u00f6nnte es einen Platz f\u00fcr mich geben. Und so war es dann ja auch. <\/p>\n<p>SPIEGEL ONLINE: War der Anfang schwer? <\/p>\n<p>Berggruen: Man fragt mich oft, ob das nicht sehr schwierig war, ich war ja vollkommen mittellos. Aber es ging sehr schnell, dass ich in den Kunsthandel hineinfand, ich war, glaube ich, einer der wenigen, der ein Gef\u00fchl daf\u00fcr hatte, worauf es ankam. <\/p>\n<p>SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich an Ihre erste Ausstellung? <\/p>\n<p>AP<br \/>\n<br \/>\nK\u00fcnstler Picasso (1972): &#8222;Essenziell, ganz wesentlich&#8220;<br \/>\n<br \/>\nBerggruen: Eine der ersten Ausstellungen, die ich machte, war Kurt Schwitters gewidmet. Damals hat sich kein Mensch f\u00fcr Schwitters interessiert, kein Mensch kannte Schwitters, in Frankreich schon \u00fcberhaupt nicht. Ich fand seine Kunst wunderbar und habe das Potential gesehen bei ihm.<br \/>\n<br \/>\nSPIEGEL ONLINE: Sp\u00e4ter war es Picasso, der Ihr Leben als Sammler bestimmt hat. <\/p>\n<p>Berggruen: Picasso war in meinem Leben mit Abstand das gr\u00f6\u00dfte Erlebnis, der gr\u00f6\u00dfte Eindruck, gar keine Frage. Und auch als K\u00fcnstler hat er mir mehr gegeben, mir mehr gesagt als alle anderen. Picasso war der st\u00e4rkste Ausdruck der Zeit zwischen den Weltkriegen. Und so ist alles, was Picasso betrifft, f\u00fcr mich und viele Zeitgenossen essenziell, ganz wesentlich. Ich f\u00fchle mich im Geiste sehr verbunden und sehr geehrt, dass ich \u00fcberhaupt in der N\u00e4he von Picasso existieren durfte. <\/p>\n<p>SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen zeitgen\u00f6ssischen K\u00fcnstler, der das Potential von Picasso hat? <\/p>\n<p>Berggruen: Nein, aber vielleicht hat man einfach noch nicht den Abstand. Es gibt interessante Leute &#8211; Polke, Baselitz, Richter &#8211; aber das ist f\u00fcr mich alles nicht sehr entscheidend. Das mag daran liegen, dass ich letztlich eher zu einer Generation, wenn auch etwas zu jung, von Picasso geh\u00f6re. <\/p>\n<p>SPIEGEL ONLINE: Was sch\u00e4tzen Sie an ihrem Beruf? <\/p>\n<p>Berggruen: Das Wichtige war, zu der Kunst ein intimes Verh\u00e4ltnis zu gewinnen, mit der Kunst, die ich mag. Hier in Berlin habe ich das Gl\u00fcck, \u00fcber meiner Sammlung im St\u00fcler-Bau in Charlottenburg wohnen zu d\u00fcrfen. Ich gehe jeden Tag hindurch und sehe meine Bilder. <\/p>\n<p>SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als Doyen des Kunsthandels. W\u00e4re eine Karriere wie die Ihre heute noch m\u00f6glich? <\/p>\n<p>Berggruen: Ich glaube, es ist sehr schwierig. Der Kunsthandel hat sich so stark kommerzialisiert, das ist eine Routine geworden mit sehr viel Konkurrenz. Die Branche hat nicht mehr die Intensit\u00e4t von innen her. Ich habe Gl\u00fcck gehabt. Ich bin zum richtigen Moment an der richtigen Stelle gewesen. <\/p>\n<p>SPIEGEL ONLINE: Welchen Beruf w\u00fcrden Sie heute ergreifen? <\/p>\n<p>Berggruen: Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass es nicht der Kunsthandel w\u00e4re. Ich k\u00f6nnte mir denken, dass ich zu meiner Ursprungsliebe zur\u00fcckkehren w\u00fcrde, zum Journalismus. Ich habe meine ersten Geschichten f\u00fcr die &#8222;Frankfurter Zeitung&#8220; ganz jung geschrieben, mit zwanzig oder so. Und trotz des Handicaps, dass ich ein j\u00fcdischer Mensch war, hat man das mit Vorbehalt akzeptiert. Welcher Vorbehalt? Ohne meinen Namen, nur meine Initialen. Und dann kam der Moment, wo man mir klar machte, dass f\u00fcr mich kein Platz mehr sei. Da ging ich dann weg. <\/p>\n<p>DDP<br \/>\n<br \/>\nBerggruen mit Picasso-Gem\u00e4lde &#8222;H\u00e4user auf einem H\u00fcgel&#8220; (1909): &#8222;Das gr\u00f6\u00dfte Erlebnis&#8220;<br \/>\n<br \/>\nSPIEGEL ONLINE: Aber auch heute schreiben Sie noch gelegentlich.<br \/>\n<br \/>\nBerggruen: Die &#8222;Frankfurter Allgemeine Zeitung&#8220; hat am 6. Januar, meinem 90. Geburtstag, eine Gratulation ver\u00f6ffentlicht, die ich mir selber geschickt habe. Das ist doch eine originelle Form seinen eigenen Geburtstag zu feiern. <\/p>\n<p>SPIEGEL ONLINE: Wer sonst hat Ihnen gratuliert? <\/p>\n<p>Berggruen: Ich habe Hunderte und Hunderte von Briefen bekommen, teils von mir ganz unbekannten Menschen. Die sehr starke Aufmerksamkeit hat mich \u00fcberrascht, sogar ein bisschen erschreckt. In dem Ma\u00dfe gibt es so etwas nur in Deutschland. Ich habe ja den gr\u00f6\u00dften Teil meines Lebens in Frankreich verbracht, \u00fcber 50 Jahre. Dort werden Geburtstage grunds\u00e4tzlich \u00fcbergangen. Aus meiner Jugend in Deutschland erinnere ich mich auch nicht, dass Geburtstage so gefeiert wurden. Heute schon. Das ist vielleicht ein bisschen \u00fcbertrieben. <\/p>\n<p>SPIEGEL ONLINE: Wie erkl\u00e4ren Sie sich diese Ehrerbietung? <\/p>\n<p>Berggruen: Ich habe es als ein gro\u00dfes, kollektives Dankesch\u00f6n verstanden. Anscheinend habe ich sehr vielen Menschen durch meine Sammlung etwas gegeben. Die Sammlung ist ja eine Art permanentes Geschenk. Die Leute kommen und freuen sich. <\/p>\n<p>SPIEGEL ONLINE: In Ihren fr\u00fchen Schriften haben Sie sich vor allem mit dem Berliner Gro\u00dfstadtleben besch\u00e4ftigt. Wie sehen Sie Berlin heute? <\/p>\n<p>Berggruen: Berlin ist leider nicht Paris, leider nicht London, leider nicht New York. Berlin ist leider immer noch recht provinziell und das sollte sich verbessern. Man versucht, alles k\u00fcnstlich in eine Metropolen-Atmosph\u00e4re zu heben, doch das geht nicht, das ist kleinkariert. <\/p>\n<p>SPIEGEL ONLINE: Was fehlt zur Weltstadt? <\/p>\n<p>Berggruen: Eine geistige \u00dcberlegenheit, eine Gr\u00f6\u00dfe, eine geistige Spannung. Menschen, die wirklich aus einem gro\u00dfen Verst\u00e4ndnis heraus das Kulturschaffen leiten. Das fehlt sehr stark Da kann man auch nicht auf die Tube dr\u00fccken und dann ist es da. <\/p>\n<p>SPIEGEL ONLINE: Wird denn nicht genug daf\u00fcr getan, den Vorsprung der anderen Metropolen einzuholen? <\/p>\n<p>Berggruen: Da wird dann ein so genanntes Luxushotel hingestellt, das Ritz-Carlton, und da rennt dann die Bev\u00f6lkerung hin, als ob es ein Luna-Park w\u00e4re: Die Treppen rauf und runter und gucken in die Zimmer rein. Das ist nicht sehr elegant, nicht sehr w\u00fcrdig. Das ist nicht gro\u00dfst\u00e4dtisch sondern ein bisschen peinlich. So etwas sollte nicht passieren. <\/p>\n<p>SPIEGEL ONLINE: Sie sind nach Berlin gezogen und haben der Stadt vor drei Jahren Ihre weltber\u00fchmte Sammlung der Klassischen Moderne zu einem Spottpreis \u00fcberlassen. Hoffen Sie, dass andere Ihrem Beispiel folgen werden und so ein bisschen Welt nach Berlin kommt? <\/p>\n<p>Berggruen: Helmut Newton, der so wie ich in Berlin geboren wurde, wird sehr bald mit seinen Fotografien herkommen. Und Christian Flick kommt mit seiner Sammlung von Gegenwartskunst. Die Tatsache, dass ich hier bin, hat &#8211; glaube ich &#8211; schon dazu beigetragen, dass so etwas passiert. <\/p>\n<p>Anmerkung der Redaktion: Das Interview wurde in der vergangenen Woche, vor dem t\u00f6dlichen Unfall Helmut Newtons in Los Angeles, gef\u00fchrt<\/p>\n<p>\nInterview: Ulrike Putz <\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vermutlich anl\u00e4ssliche des Holocaust-Gedenktags ver\u00f6ffentlicht spiegel-online ein Interview mit Heinz Berggruen &#8211; wir heben es f\u00fcr Euch auf. <br \/>Und legen Euch einen (nein, ganz viele!) 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