{"id":83386,"date":"2004-01-22T14:58:37","date_gmt":"2004-01-22T14:58:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.feminissima.de\/?p=83386"},"modified":"2004-01-22T14:58:37","modified_gmt":"2004-01-22T14:58:37","slug":"der-consulter-staat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2004\/01\/22\/der-consulter-staat\/","title":{"rendered":"Der CONSULTER-STAAT &#8211;"},"content":{"rendered":"<p>Rolf Hochhuths neues St\u00fcck: &#8222;McKinsey kommt&#8220; &#8211; sorgt bereits vor der Premiere, am 13. Februar im Theater der Stadt BRANDENBURG &#8211; f\u00fcr Furor.<br \/>Hier ein Kommentar, den wir dem TAGESSPIEGEL von gestern f\u00fcr unser Dauer-Archiv &#8211; entliehen haben.<br \/>Originaltitel:<\/p>\n<p>Die R\u00e4terepublik (21.1.04)<br \/>\n<br \/>\nDeutschland im Consulting-Fieber? Nicht nur die Wirtschaft, auch die Politik l\u00e4sst sich am liebsten beraten<\/p>\n<p>Von Peter von Becker<\/p>\n<p>&#8222;McKinsey kommt&#8220; &#8211; wir wissen zwar noch nichts \u00fcber die Qualit\u00e4t des gerade angek\u00fcndigten neuen St\u00fccks von Rolf Hochhuth. Aber der Titel klingt fast genial aktuell. Bei Hochhuth soll es um die sozialen Opfer von &#8222;Rationalisierungen und Fusionen&#8220;, um &#8222;die Katastrophe der Massenentlassungen&#8220; gehen. Doch McKinsey, der Name der amerikanischen Beraterfirma, die auch in Deutschland mit rund 600 Millionen Euro Jahresumsatz vor dem M\u00fcnchner Konkurrenten Roland Berger das Gesch\u00e4ft der Management Consulter anf\u00fchrt, McKinsey steht f\u00fcr eine ganze Branche. <\/p>\n<p>F\u00fcr eine Branche, deren Einfluss pl\u00f6tzlich auch als Politikum diskutiert wird. Zumindest ist das \u00f6ffentliche Erstaunen gro\u00df \u00fcber die &#8222;millionenschweren&#8220; Beratervertr\u00e4ge, mit denen beispielsweise das Verteidigungsministerium oder nun immer hartn\u00e4ckiger Florian Gerster und seine Bundesagentur f\u00fcr Arbeit ins Gerede gekommen sind. Allerdings pfeift hier der Zug der Zeit &#8211; denn auch die Politik macht nur das, was in der Wirtschaft oder in der Kulturindustrie l\u00e4ngst g\u00e4be ist. Und die Gerster-Beh\u00f6rde, die bis vor kurzem noch (juristisch korrekt) eine &#8222;Bundesanstalt&#8220; war, zeigt den Trend schon im neuen Namen. <\/p>\n<p>Das Monster von N\u00fcrnberg soll als umgetaufte &#8222;Bundesagentur&#8220; weniger amtlich und b\u00fcrokratisch wirken, die Sache soll mehr nach schlanker Servicestation klingen. Nat\u00fcrlich kann solche Kosmetik keine Arbeitslosenzahlen senken. Aber wenn die Arbeitsvermittler jetzt als &#8222;Agenten&#8220; auftreten, mag das nicht nur mehr Dynamik und Findigkeit signalisieren, als man sie dem \u00f6ffentlichen Dienst gemeinhin zutraut. Der quasi-geheimdienstliche Name weist auch in die Sph\u00e4re des Konspirativ-Konsultativen. Im zivilen Bereich hatten fr\u00fcher nur K\u00fcnstler, vor allem Schauspieler und S\u00e4nger, ihre Agenten. Inzwischen sind Agenten nicht nur die Vertrauten von Autoren, sondern als Literaturvermittler zugleich externe Berater der Buchbranche.<\/p>\n<p>Beratung tut offenbar Not in den Zeiten wachsender Komplexit\u00e4t und Un\u00fcbersichtlichkeit in allen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, technisch-wissenschaftlichen oder auch k\u00fcnstlerischen Bereichen. Dabei hat Beratung durch externe K\u00f6pfe gar nicht immer mit dem Hauptberuf oder unternehmerischen Kerngesch\u00e4ft zu tun. Was in der Privatsph\u00e4re mit zur Verbreitung so unterschiedlicher Ph\u00e4nomene wie Psychotherapie, Guru-Kulten oder Schwangerschaftsgymnastik f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner beigetragen hat &#8211; die Suche nach Lebenshilfe, Selbstvergewisserung und pers\u00f6nlicher Sinnstiftung &#8211;, das wiederholt sich auf anderen Ebenen.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnen prominente internationale Ex-Politiker von ihren meist wolkigen Verlautbarungsvortr\u00e4gen in Unternehmerclubs oder vor Industrieverb\u00e4nden leben, weil ihre Zuh\u00f6rer sich erhoffen, zumindest nachtr\u00e4glich-symbolisch noch irgendwie lehrreich oder in ihrem Selbstwert erhebend vom Hauch der Geschichte angeweht zu werden. Aber auch Philosophieprofessoren, Kultursoziologen oder eher einzelg\u00e4ngerische Schriftsteller sind bei Unternehmensvorst\u00e4nden immer h\u00e4ufiger als gut bezahlte und bewusst unspezifische Berater willkommen. Gleichsam als Kreativit\u00e4ts-Anstifter, als allgemeine Sinngeber.<\/p>\n<p>Aus dem gleichen Grund l\u00e4dt sich auch der Bundeskanzler immer mal wieder (unbezahlt) K\u00fcnstler und Intellektuelle ins Haus. Der Instinktpolitiker sch\u00e4tzt die unberechenbare Spontan-Anregung durch Leute, &#8222;die etwas k\u00f6nnen, was ich nicht kann: etwas erfinden&#8220; (so Schr\u00f6der einmal im Autoren-Gespr\u00e4ch). Wo es allerdings weder ums Atmosph\u00e4risch-Informative noch um pers\u00f6nliche PR-Beratung wie bei Stoiber-Spreng oder Scharping-Hunzinger, sondern um berechenbare Politik und l\u00e4ngerfristige Strategien geht, stellt sich die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von hoheitlichen Aufgaben und privatwirtschaftlicher Beratung. Und &#8211; nicht allein wegen der hierf\u00fcr aufgewandten Steuergelder: die Frage nach dem Nutzen.<\/p>\n<p>Ministerien oder Bundesbeh\u00f6rden sind wie alle Unternehmen (und Menschen) von Betriebsblindheit, Scheuklappen, Fachidiotie, Nabelschau oder dem ber\u00fchmten Tunnelblick bedroht. Das gilt auch f\u00fcr vorz\u00fcgliche Fachbeamte, nach deren Kompetenz jetzt die durch allzu viele Beratervertr\u00e4ge irritierte \u00d6ffentlichkeit ruft. Doch selbst die f\u00e4higste Ministerialb\u00fcrokratie scheint heute \u00fcberfordert, der ungeahnten Beschleunigung von Reformdebatten und immer neuen angek\u00fcndigten Gesetzentw\u00fcrfen hinreichend substantielle, durchgerechnete Konzepte nachzureichen. Das merkt auch die Opposition, sobald sie sich ihrerseits auf konkrete Papiere, Zahlen, Modelle einl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Bei diesem schnellen, harten Gesch\u00e4ft aber n\u00fctzen externe Berater kaum. Nicht einmal die wechselnden Hartz- oder Herzogkommissionen. Trotzdem nehmen zur Entlastung oder St\u00fctzung des Tagesgesch\u00e4fts die mittelfristig operierenden Beir\u00e4te und Enquete-Kommssionen zu, vor allem, wenn die Politik sich bioethischen Fragen oder Stadtschl\u00f6ssern mit sieben Siegeln n\u00e4hert. Im \u00fcbrigen k\u00fcmmern sich kommerzielle Berater in Zeiten des Sparzwangs eher um interne Organisationsfragen, um Kosten- und Stellenreduzierung: der McKinsey-Effekt &#8211; der ironischerweise (2002\/03) auch die Beraterbranche selbst getroffen hat. Das wiederum f\u00fchrt zu einer oft teuer bezahlten Besch\u00e4ftigung von Unternehmen und Institutionen vor allem mit sich selbst. In deutschen Gro\u00dfbanken und vielen Firmen wundern sich Beobachter schon, wie viele Manager sich unterm Einfluss der externen Berater fast ausschlie\u00dflich um interne Organisationsprofile und keineswegs ums eigentliche operative Gesch\u00e4ft mehr k\u00fcmmern. Neue Initiative, Kreativit\u00e4t oder gar des Kanzlers erw\u00fcnschte &#8222;Innovation&#8220; entstehen jedoch nicht auf Kommando und nicht per Consulting. Sonst k\u00f6nnten es die Berater gleich selber machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rolf Hochhuths neues St\u00fcck: &#8222;McKinsey kommt&#8220; &#8211; sorgt bereits vor der Premiere, am 13. 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