{"id":83203,"date":"2003-01-05T07:04:11","date_gmt":"2003-01-05T07:04:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.feminissima.de\/?p=83203"},"modified":"2003-01-05T07:04:11","modified_gmt":"2003-01-05T07:04:11","slug":"schon-ist-die-jugend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feminissima.de\/index.php\/2003\/01\/05\/schon-ist-die-jugend\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6n ist die Jugend  \/ alte Short-Stories (gerade im Archiv wiedergefunden)"},"content":{"rendered":"<p>von:roseville<\/p>\n<p>Es war sechs Uhr fr\u00fch. Die Hitze bereits unertr\u00e4glich. Da hatte doch vor etwa zwei Stunden jemand angerufen, da s\u00e4\u00dfe irgendwo am Stra\u00dfenrand so ein komischer Typ. Anscheinend besoffen oder so. Jedenfalls s\u00e4\u00dfe er dort. Auf dem Bordstein, in blutverschmierten Kleidern und in sich zusammengesunken. Der Anrufer war auf dem Weg zur Fr\u00fchschicht, als er die Gestalt bemerkte. Die Angst sa\u00df noch in seiner Stimme. Er wolle mit der Sache nichts zu tun haben. Hastig gab er der Polizei den Stra\u00dfennamen und die ungef\u00e4hre Hausnummer durch und h\u00e4ngte ein.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hockte an der beschriebenen Stelle eine schm\u00e4chtige Gestalt. Der Kopf war auf die Knie gesunken.<br \/>\nNeben dem anscheinend schlafenden oder toten Jungen stand eine in Seidenpapier eingewickelte Flasche. Eine Literflasche Wein, Mosel. Der Typ neben der Flasche roch merkw\u00fcrdig. &#8222;Eingetrocknetes Blut,&#8220; stellte einer der Beamten fest. Der Typ wurde schnell wach und wollte die Flucht ergreifen. Der Typ war ein auffallend d\u00fcnner, ja schm\u00e4chtig wirkender mittegro\u00dfer dunkelblonder Junge, das Haar bemerkenswert kurz g eschnitten, um nicht zu sagen von beinah milit\u00e4rischer Akuratesse. Dabei mochte der Junge nicht \u00e4lter als 16 Jahre oder so sein. &#8222;Mensch, hast nen duften Wein da&#8220;, sagte einer der Beamten, &#8222;h\u00e4tt ich jetzt auch Lust drauf, hab gerade Feierabend, auch wenn es grad fr\u00fch am Morgen ist..gibt&#8217;s sowas hier in der N\u00e4he? So&#8216; n Imbi\u00df? So&#8217;n B\u00fcdchen, das schon offen hat?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;In der N\u00e4he ist ein Flaschenverkauf&#8220;, antwortete der Junge automatisch. Dann wurde er blass und schwieg abrupt.<\/p>\n<p>&#8222;Wir wollen uns das B\u00fcrschlein mal etwas n\u00e4her anschauen, &#8220; brummte der \u00e4ltere Beamte.<\/p>\n<p>&#8222;Komm, Kleiner, zeig uns mal Deine Papierchen, Du hast doch welche..?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin \u00fcberfallen worden&#8220;, sagte der Junge, &#8222;die haben mir die Papiere geklaut.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aha. Komm, sei brav, und zeig uns mal, was Du in den Hosentaschen da hast und zieh auch mal Deine Schuhe aus&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Die Hosentaschen gaben ein blutverkrustetes Taschentuch her, sonst nichts.<\/p>\n<p>In den Schuhen fanden sich sieben Hundertmarkscheine.<\/p>\n<p>&#8222;Wie nett, &#8222;, sagte der \u00e4ltere Beamte.<\/p>\n<p>&#8222;D\u00fcrfen wir fragen, woher Du das Geld hast?&#8220;<\/p>\n<p>Der Junge wollte sich auf den Beamten st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>&#8222;Sachte, Sch\u00e4tzchen&#8220;, sagte der \u00e4ltere, gem\u00fctlich wirkende Beamte.<\/p>\n<p>Und das Sch\u00e4tzchen kr\u00fcmmte sich schmerzverzerrt.<\/p>\n<p>&#8222;Okay&#8220;, sagten die zwei j\u00fcngeren Beamten, &#8222;wir sehen uns mal nach dem Laden um&#8220;.<\/p>\n<p>Der Junge wurde von dem \u00e4lteren Beamten mit den H\u00e4nden auf dem R\u00fccken in den Streifenwagen verbracht und hineingehievt. &#8222;Wir fahren mal aufs Revier..&#8220; l\u00e4chelte der gem\u00fctlich wirkende, \u00e4ltere Beamte. &#8222;Bist Du immer so schweigsam?&#8220; fragte er, w\u00e4hrend sein Kollege sich auf den Stra\u00dfenverkehr konzentrierte und stur geradeaus schaute. Der Junge schwieg. &#8222;Ich kann auch anders, wenn wir auf dem Revier sind&#8220;, sagte der \u00e4ltere Beamte. &#8222;Ich kann auch anders. Das kannst Du mir glauben. &#8220;<\/p>\n<p>Der Junge schwieg.<\/p>\n<p>Im Verh\u00f6rraum verlie\u00df den Beamten die Geduld.<\/p>\n<p>&#8222;Schau mich an!&#8220; schrie der freundliche Beamte, nahm den Kopf des Jungen zwischen seine zwei H\u00e4nde, als ob er den Sch\u00e4del des Jungen zerquetschen wollte &#8211;<\/p>\n<p>&#8222;Schau mich an, wenn ich mit dir rede!&#8220;<\/p>\n<p>Der Junge hob das Gesicht, hob den gesenkten Blick, und sah dem Beamten in die Augen.<\/p>\n<p>Der Beamte sah die Augen des Jungen. Er lie\u00df spontan von ihm ab. Ein j\u00e4hes, ein entsetzliches, ein unerkl\u00e4rliches Schuldgef\u00fchl durchfegte f\u00fcr den Bruchteil einer st\u00f6renden Sekunde sein Hirn. Sein eigener Sohn schien vor ihm zu stehen. Und er sp\u00fcrte den Gedanken in sich, oder die Frage, ob er nicht zu streng mit seinem Sohn sei.<\/p>\n<p>In diesem Augenblick st\u00fcrmten die beiden j\u00fcngeren Beamten in den Raum. Der eine, wie im Film, rannte gleich zur Toilette. Die Hand vor dem Mund und so. Er mu\u00dfte sich schon wieder \u00fcbergeben.<\/p>\n<p>Er war noch nicht abgebr\u00fcht. Noch nicht lange im Dienst. Noch jung.<\/p>\n<p>Sie hatten den privaten Flaschenverkauf gefunden. Auch die Besitzer. Ein Ehepaar. Beide tot. Ermordet. Zerst\u00fcckelt. Mit einer Axt erschlagen.<\/p>\n<p>Eingesch\u00fcchtert blickte der Junge zu Boden.<\/p>\n<p>&#8222;Er ist verstockt, aber wir werden ihn schon noch zum Reden bringen..&#8220; sagte der \u00e4ltere Polizist, der seinen Sohn schon wieder vergessen hatte.<\/p>\n<p>Der Junge schwieg.<\/p>\n<p>&#8222;Hast Du das Ehepaar umgebracht?&#8220; fragte der Beamte.<\/p>\n<p>&#8222;Und wenn &#8211; warum hast Du es getan?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Welchen Grund gab es daf\u00fcr?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Grundlos bringt man doch niemanden um, nicht wahr?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Und erst recht n icht so ein \u00e4lteres, eher schw\u00e4chliches Ehepaar, das so freundlich ist, nach Ladenschlu\u00df noch Getr\u00e4nke, Zigaretten und Salzstangen zu verkaufen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Oder?&#8220;<\/p>\n<p>Der Junge sa\u00df apathisch am Tisch und hielt den Blick gesenkt.<\/p>\n<p>Ein weiterer Beamte kam in den Raum.<\/p>\n<p>Er lehnte mit gekreuzten Armen an der Wand und sah dem Verh\u00f6r zu.<\/p>\n<p>&#8222;Du willst ihn aber nicht foltern..&#8220; h\u00f6rte er sich sagen, als er sah, und deswegen war er in den Raum gekommen, wie sich sein \u00e4lterer Kollege in eine Rage hineinbewegte, in eine Art Machtrausch steigerte,<\/p>\n<p>die ihn unberechenbar und gef\u00e4hrlich f\u00fcr andere werden lassen konnte.<\/p>\n<p>&#8222;Du hast zwei Erwachsenen ihre Eltern geraubt, den Enkeln ihre Oma und ihren Opa!&#8220;<\/p>\n<p>Der Junge war kurz zusammengezuckt.<\/p>\n<p>&#8222;Rede! Rede endlich!&#8220; br\u00fcllte der Beamte und sein Kollege blickte indigniert. Diese altmodischen , drittklassigen Nazifilmen abgeguckten Verh\u00f6rmethoden waren ihm zuwider. Ja, sie ekelten ihn an. Und er fragte sich oft, was seine Kollegen an eigener Gewaltverdr\u00e4ngung bei solchen sogenannten<\/p>\n<p>T\u00e4ter-Verh\u00f6ren ungeniert und im Namen des Gesetzes abreagierten. Und ein Satz ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, den ihm seine Tochter k\u00fcrztlich mittags zum Nachtisch auf den Tisch geknallt hatte &#8211;<\/p>\n<p>&#8222;Meine Freundinnen sagen, Polizisten k\u00f6nnen niemanden leiden. Stimmt das, Papa? Und sie sagten auch, niemand kann Polizisten leiden. Warum denn nicht, Papa?&#8220;<\/p>\n<p>Ja, vielleicht gingen wirklich viele zur Polizei, weil die Zeit der Blockwarte vor\u00fcber war.<\/p>\n<p>Und sie nach Ersatz daf\u00fcr suchten.<\/p>\n<p>Der Junge stand unerwartet auf.<\/p>\n<p>Hielt sich mit beiden H\u00e4nden, wie um sich abzust\u00fctzen, an der Tischkante fest.<\/p>\n<p>&#8222;Vielleicht ist es gut, wenn die Kinder keine Eltern mehr haben!&#8220; sagte er.<\/p>\n<p>&#8222;Vielleicht sind sie erleichtert. Jemand hat sie von ihnen befreit.!&#8220;<\/p>\n<p>Der \u00e4ltere Beamte, nach einem f\u00fcr ihn endlos langen Augenblick des Schweigens, fragte &#8211;<\/p>\n<p>&#8222;Wie meinst Du das?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wenn Ihr meinen Eltern nichts verratet, erz\u00e4hle ich Euch alles,&#8220; erkl\u00e4rte der Junge feierlich.<\/p>\n<p>Und lacht. Nat\u00fcrlich ist dies kein Lachen. Wie k\u00f6nnte es Lachen sein. Sie lachen immer. So liest man oder sieht man es in schlechtgemachten Filmen. Keiner lacht in solch einem Augenblick. Es kann n ur der Ausdruck von Wahnsinn sein, der wiederum ein Ausdruck von Flucht aus einer nicht ertragbaren Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Es war also nicht auszumachen, ob der Junge lachte, weinte, schluchzte, stotterte, schrie oder um sich schlug.<\/p>\n<p>Denn er fiel in Ohnmacht. Er kippte einfach um.<\/p>\n<p>&#8222;Schade&#8220;, sagte der Alte unger\u00fchrt,<\/p>\n<p>&#8222;Wir hatten ihn gerade!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Kannst Du einen starken Kaffee organisieren?&#8220; fragte er seinen an der Wand lehnenden Kollegen.<\/p>\n<p>&#8222;Und vielleicht k\u00fchles Minieralwasser?&#8220;<\/p>\n<p>Die Hitze.<\/p>\n<p>Der Junge kam wieder zu sich. Er trank den Kaffee, trank das Mineralwasser und a\u00df ein halbes Croissant.<\/p>\n<p>Er stand wieder von seinem Stuhl auf.<\/p>\n<p>Fuhr sich mit zehn Fingern durch die akkurat kurzgeschnittenen Haare und ging mit nach vorne gebeugtem Oberk\u00f6rper in dem Raum auf und ab. Ab und auf.<\/p>\n<p>Dann hob er den Zeigefinger.<\/p>\n<p>&#8222;Das ist der Vater! Der Vater denkt beim Gehen. Er denkt viel. Und daher geht er viel.<\/p>\n<p>Immer auf und ab. Und er darf nicht gest\u00f6rt werden, beim Denken. Denn seine Gedanken sind wichtig. Von Wert. Lebenswert. Wert f\u00fcr das Leben der anderen. Der Vater ist der werte Herr Jugendrichter dieser Stadt, den jeder lieber nicht kennen m\u00f6chte&#8230;nicht wahr!&#8220;<\/p>\n<p>Der Junge beugte den Oberk\u00f6rper weiter nach vorne.<\/p>\n<p>Sein Schritt wurde schwerer.<\/p>\n<p>&#8222;Wenn der Herr Jugendrichter sich einer Entscheidung n\u00e4hert, wird sein Schritt gewichtig.<\/p>\n<p>Noch gewichtiger als f\u00fcr gew\u00f6hnlich. Das Haus h\u00e4lt den Atem an. Der Herr Jugendrichter darf nicht gest\u00f6rt werden. Erst wenn die Schritte aufgeh\u00f6rt haben, beginnt das Leben wieder&#8230;der Hund bellt, der Vogel singt, die Blumen richten sich auf, die Mama beginnt mit ihren Finger\u00fcbungen am Klavier. &#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Der Herr Jugendrichter, ich, ich war wohl das Ergebnis einer seiner so seltenen schwachen Sekunden&#8230;denn er ist ein Herr der Beherrschung, vor allem anderer, er ist schon ein alter Mann. Ein Mann der alten Schule, wie man so sagt.<\/p>\n<p>&#8222;Als M\u00e4nner noch M\u00e4nner waren!<\/p>\n<p>Und was das bedeutete, war klar! Wenigstens ein Schmi\u00df auf der Wange. Das war das Wenigste.<\/p>\n<p>Reiten, pah, l\u00e4cherlich, mindestens Polo&#8230;.Im Winter Skilaufen, im Herbst zur Jagd und all das Getue.&#8220;<\/p>\n<p>Der Junge setzte sich wieder.<\/p>\n<p>&#8222;Schuldig. Ich war von Anfang an schuldig. Ich habe die musische Art meiner mozartbesessenen wagnerianischen Mutter geerbt&#8230;sie hat mich verh\u00e4tschelt, wie der Herr Vater Jugendrichter zu sagen pflegt.<\/p>\n<p>&#8222;Sie hat einen Weichling aus mir gemacht, und keinen Mann!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Er bestand darauf, da\u00df ich meine schulterlangen Haare abschneiden lie\u00df, als er zum Landgerichtspr\u00e4sidenten oder wie das l\u00e4cherlich aufgebl\u00e4hte Zeug so hei\u00dft, einen Empfang bei uns im Haus gab.<\/p>\n<p>&#8222;So wie Du aussiehst, wie ein Gammler, kommst Du mir nicht \u00fcber die Schwelle. Deine Mutter mache ich daf\u00fcr verantwortlich, wenn Du heute Abend vor verschlossener T\u00fcre bleibst &#8211; falls Du Dich weigerst, Dir die Haare ordentlich schneiden zu lassen!&#8220;<\/p>\n<p>Ja. Die Haare werden abgeschnitten. Die Gitarre wird weggeworfen.<\/p>\n<p>Denn der Sohn, dieser Schw\u00e4chling, der schert sich einen Dreck um Mozart und Wagner, der ha\u00dft diese Typen, der will in Wirklichkeit Rock-Gitarrist werden. Tja, nur die Mutter wu\u00dfte das.<\/p>\n<p>Ein Geheimnis. Er \u00fcbte woanders, der Sohn und tat daheim als \u00fcbe er Klavier..Et\u00fcden, klassische..gemeinsam mit der Frau Mama.<\/p>\n<p>&#8222;Er kennt sich aus. Der Herr Jugendrichter-Vater. Er wei\u00df wie man mit dem laschen G esindel, das sich heutzutage &#8222;jugendlich&#8220; nennt, umzugehen hat.<\/p>\n<p>&#8222;Wegsperren! Alle!&#8220;<\/p>\n<p>Jeder, der anders denkt , als er selbst.<\/p>\n<p>Der Junge greift nach dem Mineralwasser, h\u00e4lt sich die Flasch an den Mund.<\/p>\n<p>&#8222;Naja, und dann kam die Chance der Chancen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Eltern verrreisten. F\u00fcr ein Wochenende mal wieder.<\/p>\n<p>Endlich. Eine kleine Jagd-Partie.<\/p>\n<p>Und ich schmi\u00df ne Party. Erstmals in meinem Leben.<\/p>\n<p>Ich war so verknallt in diese S\u00fc\u00dfe aus der 9. Klasse&#8230;<\/p>\n<p>Es war alles so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte, wie es sein m\u00fc\u00dfte, wenn man jung sein d\u00fcrfte&#8230;<\/p>\n<p>Und nicht ganz arm &#8211; ein Haus, voll mit Menschen und Lachen und Musik und so.<\/p>\n<p>Ja, so war es auch.<\/p>\n<p>Wir waren um die drei\u00dfig Leute.<\/p>\n<p>Und dann gingen irgendwann die Getr\u00e4nke aus.<\/p>\n<p>Wir waren auch schon ganz gut anget\u00f6rnt. Aber nichts Besonderes.<\/p>\n<p>Tanzten, schmusten ein wenig, drehten die Musik auf, schlossen auch mal die E-Guitar an&#8230;<\/p>\n<p>Ja, und dann ging es darum, wer noch was organisiert.<\/p>\n<p>Ich wollte den Helden spielen.<\/p>\n<p>Ich wu\u00dfte, wo das Geld lag und wo es den Laden gab.<\/p>\n<p>Ich hatte vergessen, da\u00df es mitten in der Nacht war.<\/p>\n<p>Was spielte die Uhrzeit f\u00fcr eine Rolle?<\/p>\n<p>Ich war gl\u00fccklich&#8230;ich war beschwipst, weniger vom Alkohol als von meiner ersten Liebe&#8230;ja&#8230;<\/p>\n<p>Und dann klingelte ich wie verr\u00fcckt, begeistert, nicht b\u00f6se gemeint.<\/p>\n<p>Ich wollte ihnen mein Gl\u00fcck entgegenjubeln. Ihnen mindestens hundert Mark Trinkgeld f\u00fcr das Trinkgesch\u00e4ft anbieten&#8230;ach, ich wollte alles sein&#8230;.der Prinz Eisenherz &#8230;der Ritter ohne Furcht und Tadel&#8230;<\/p>\n<p>Was passierte?<\/p>\n<p>Es war so banal.<\/p>\n<p>Der alte Mann, so ganz alt, war er noch nicht, so um die Mitte 60 , noch sehr r\u00fcstig, er selbst ha\u00dfte dieses Wort, es hatte schon so etwas Halbtotes, er f\u00fchlte sich fit und ohne Alter&#8230;er war im besten Alter, pflegte er zu sagen&#8230;und er spielte noch Tennis, nahm es mit jedem J\u00fcngling auf, wenn es sein mu\u00dfte.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall \u00f6ffnete der Mann, im Schlafrock und rot vor Wut im Gesicht.<\/p>\n<p>Das sei ja der Gipfel und all das \u00dcbliche, und das werde er dem Herrn Vater aber stecken, was sich da sein B\u00fcrschlein von Sohn so leiste&#8230;mitten in der Nacht und so viel Geld, sicher beim Vater geklaut..hahaha, lautes h\u00f6hnisches Lachen, der Sohn des Jugendrichters selbst ein Dieb&#8230;hahaha&#8230;.<\/p>\n<p>&#8222;Ich verabscheue jede Gewalt!&#8220;<\/p>\n<p>sagte der Junge.<\/p>\n<p>&#8222;Aber da brach dieser Hass aus, der mich blind machte.<\/p>\n<p>Es war, als ob ich endlich meinen eigenen Vater umgebracht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Endlich zum Schweigen f\u00fcr immer gebracht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Das Pech war, da\u00df dann die Frau auch noch in den Kellerraum kam, um mal nachzuschauen, wo denn ihr Mann blieb.<\/p>\n<p>&#8222;Da fing sie dann auch noch an. Fast noch schlimmer als ihr Alter &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Ja, da lag sie Axt, sie lag dort, ich wei\u00df ncht, warum sie dort lag, und was ohne diese Axt&#8230;<\/p>\n<p>Ich schlug zu , immer wieder, auf beide. Als sie l\u00e4ngst schon&#8230;&#8230;.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich glaube, ich hielt die Axt lange in der Hand. Pr\u00fcfend. Abw\u00e4gend. Voller Angst.<\/p>\n<p>Ich wu\u00dfte, was eine Axt kann. Vielleicht wollte mir der Mann auch die Axt entrei\u00dfen.<\/p>\n<p>Das Merkw\u00fcrdige ist, ich kann mich nicht mehr genau an den Ablauf erinnern. &#8230;<\/p>\n<p>Die Spontan-Amnesie als Folge eines tiefen Schocks. Das Hirn hat viele Schutzmuster.<\/p>\n<p>Lebensrettende. Wie das blitzschnelle Reagieren bei einem Sturz. Um ihn abzufedern.<\/p>\n<p>Das menschliche Gehirn ist schneller als die Zeit. Viel schneller..<\/p>\n<p>Es reagiert viel schneller und eben auch so vielschichtig, da\u00df ein junger Doppelm\u00f6rder nicht unter der Last seiner Tat sofort zusammenbricht, sondern erst einmal &#8222;vergisst&#8220;. Oder vor Ersch\u00f6pfung auf dem Stra\u00dfenrand einschlief.<\/p>\n<p>&#8222;Es wird meiner Mutter das Herz brechen. Um meinen Vater tut es mir nicht leid.<\/p>\n<p>Der wird sich so \u00e4rgern, da\u00df es schon fast eine Genugtuung f\u00fcr mich ist&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Der Junge hielt an.<\/p>\n<p>Er hielt sich die Hand an den Magen.<\/p>\n<p>Er wirkte im wei\u00dfen Licht des Morgens so kalkig, pl\u00f6tzlich.<\/p>\n<p>Er blickte noch einmal auf. Erstaunt. Der Junge.<\/p>\n<p>Fasste sich an sein Herz. Und starb.<\/p>\n<p>Kreislaufversagen, Schock, Todessehnsucht nach einer Tat, die er nie mehr w\u00fcrde vergessen k\u00f6nnen, die ihm niemand w\u00fcrde verzeihen k\u00f6nnen, ein Gebrandmarkter, Ausgesto\u00dfener, Verzweifelter, Ungeliebter, f\u00fcr immer. Es war vielleicht zu viel f\u00fcr sein jugendliches weiches Herz.<\/p>\n<p>Der Arzt stellte den Totenschein aus.<\/p>\n<p>Der Herr Jugendrichter war noch nicht zur\u00fcck, von seinem Jagdausflug.<\/p>\n<p>Die Beamten w\u00fcrden ausw\u00fcrfeln, wer es ihm beizubringen hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von:roseville<\/p>\n<p>Es war sechs Uhr fr\u00fch. Die Hitze bereits unertr\u00e4glich. Da hatte doch vor etwa zwei Stunden jemand angerufen, da s\u00e4\u00dfe irgendwo am Stra\u00dfenrand  so ein komischer Typ. Anscheinend besoffen oder so. Jedenfalls s\u00e4\u00dfe er dort. Auf dem Bordstein, in blutverschmierten Kleidern und in sich zusammengesunken. Der Anrufer war auf dem Weg zur Fr\u00fchschicht, als er die Gestalt bemerkte. Die Angst sa\u00df noch in seiner Stimme. Er wolle mit der Sache nichts zu tun haben. Hastig gab er der Polizei den Stra\u00dfennamen und die ungef\u00e4hre Hausnummer  durch und h\u00e4ngte ein.<br \/>\n<br \/>\nTats\u00e4chlich hockte an der beschriebenen Stelle eine schm\u00e4chtige Gestalt. 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