Berlin, Prenzlauer Berg.
Eine unscheinbare, gesichtslose Straße
besitzt seit Montag
eine traurige Berühmtheit:
Einsteinstraße 4 b.
Dort hat sich in der Nacht von
Sonntag auf Montag,
in jener Nacht,
da in Berlin die Temperaturen kochten,
die Gereiztheit auf überfüllten
Perrons des Hauptbahnhofs Berlin
den Siedepunkt erreicht hatte.
Züge, die nicht ankamen.
Die nicht abfuhren.
Ersatz-Regios für die S-Bahn,
mit über 40-minütiger Verspätung.
In dieser Nacht,
heiß,
Abkühlung nur flüchtig,
durch einen Sekundenregen,
danach feuchtschwüle Hitze, tropisch.
In dieser Nacht,
und wir wissen nicht,
was bis dahin hinter den
uniformen, schlichten Fassaden
des Plattenbaus sich abgespielt hat,
an Leben…
beschloss ein Paar,
die Frau 39,
der Mann 52,
den gemeinsamen Tod:
Sofort vollstreckbar –
für jedermann sichtbar.
Waren sie als lebende Menschen unsichtbar geblieben?
Sie hängten sich auf.
An einem Strick.
An der Fassade
ihres Wohnhauses,
vor ihrem Fenster.
Der Strick mit dem
schwergewichtigen Mann riß,
er knallte auf den Waschbeton,
weit unter ihm.
Die Frau hing erhängt am Seil.
In Berlin haben sich im vergangenen Jahr
347 Menschen
das Leben genommen.
Im Jahr 2007
waren es 433 Menschen.
(laut Berliner Zeitung)
Drei Viertel davon sind Männer.
Dass sich jemand an der Hauswand erhängt,
sichtbar für die Öffentlichkeit,
ist äußerst ungewöhnlich.
Das Paar lebte in einem Haus,
in dem keiner wußte,
wer sie waren.
Niemand schien das Paar gekannt zu haben.
Sie sei Ukrainerin gewesen,
schrieb eine Zeitung.
Aber in dem Haus
mit den endlosen Fluren,
die Wohnungen durchnummeriert,
1-Raum-Wohnungen..
hatte man
das Paar nie gesehen.
Nicht bewußt,
jedenfalls.
Bis zu ihrem Tod nicht.
Dem gemeinsamen Selbstmord.