Geboren im Jahre 1933 – umgebracht am 1. November 1957…Der nie aufgeklärt Mord an der Frankfurter Lebedame Rosemarie Nitribitt – Quelle – WDR/Geschichtszeit – 2001/
GeschichtsZeit /wdr
Freitag, 27. April 2001, 23.00 Uhr:
Die großen Kriminalfälle
Rosemarie Nitribitt – Tod einer Hure
Ein Film von Helga Dierichs
Redaktion: Gudrun Wolter
„Sie war keine große Lebedame, geschweige überhaupt eine Dame.“ Die Urteile der Zeitzeugen über Rosemarie Nitribitt zerstören das Bild von der glamourösen Kurtisane, das Nadja Tiller als „Das Mädchen Rosemarie“ im gleichnamigen Film nun schon seit mehr als 40 Jahren prägt. Doch der Drehbuchautor Erich Kuby hat nie Fakten gesammelt, wie er einräumt. Dennoch hielt sein Film der Nachkriegsgesellschaft den Spiegel vor. Wenn die Nitribitt für viele Bürger nichts als ein Flittchen war, ein öffentliches Phänomen war diese Dirne vom Autostrich allemal. Eine, die die Käuflichkeit ihres Körpers derart offen zur Schau trug, dass sie in der verklemmten und verlogenen Adenauer-Ära eine Provokation sein musste. Ihr schwarzes Mercedes-Coupé 190 SL, ihre großen Topfhüte, der Zweikaräter am Finger und die vielen Pelze in ihrem Kleiderschrank – all dies Insignien eines Wirtschaftswunders im Kleinen.
Die Dokumentation zeichnet das wahre Bild der Rosemarie Nitribitt, das Bild eines kleinen Mädchens, das bei Pflegeeltern und in Heimen aufwuchs und endlich raus wollte, aufsteigen wollte um jeden Preis. Am 1. November 1957 wurde sie ermordet – seither blühen die Gerüchte über Kunden, Mordmotive und polizeiliche Ermittlungsfehler. Von Politikern aus Bonn wurde gemunkelt, die geschont werden sollen, von Industriebossen und einem Dauerliebhaber aus einer Ruhrgebietsdynastie.
Erst im Jahr 1999 öffneten sich für die HR-Autorin Helga Dierichs die Ermittlungsakten. Die über 500 Nebenspuren überforderten schon damals die zuständige Mordkommission. Viel zu früh und viel zu freudig versteifte man sich auf einen Verdächtigen und einen Tathergang. Der Angeklagte Heinz Pohlmann wurde zweieinhalb Jahre später in einem spektakulären Urteil freigesprochen.
Der zuständige Richter hat jetzt das Beratungsgeheimnis gegenüber der Autorin gelüftet. Mit einer überraschenden Recherche kann nun Helga Dierichs das Urteil stützen. Und die prominenten Namen? Einige lassen sich durch Querverweise erschließen. Der bekannteste ist Harald von Bohlen und Halbach, Bruder von Alfred Krupp, dem Chef des Hauses Krupp. Aber nicht in den Akten, sondern im Keller eines der Kripobeamten fand die Autorin wichtige Beweisstücke: Briefe, Postkarten und ein Tonband voll sehnsüchtiger Liebesbekanntnisse. Der Sohn von Berta Krupp liebte eine Nutte. Aber die Polizei bohrte nicht weiter. Auch nicht, als Pohlmann, der drohte, Namen auszuplaudern, aus dem Umfeld der Krupp-Dynastie Schweigegeld geboten wurde.
Die faszinierende Kriminalgeschichte ist zugleich auch ein Sittengemälde der 50er Jahre.
„Die großen Kriminalfälle“ – Die aktuellen Folgen der ARD-Doku-Reihe