Presse-Spiegel heute – KULTUR/THEATER – zur Münchner Inszenierung, allein die Besetzung der Rollen lässt das Wasser im Munde zusammenlaufen:
– WELT-online:
Der Feinstaub der Ironie
Elmar Goerden inszeniert Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ in München
von Wieland Freund
Viel näher kommt das Theater der Erzählung nicht. An Eugene O’Neills spätem Stück „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ ist der amerikanischen Literatur ein Musterbeispiel ihrer vielleicht größten Obsession, dem Familienroman, verloren gegangen. Gewonnen hat dieses Mal das Theater, dem der Nobelpreisträger am Ende seines glücklich unglücklichen, himmlisch höllischen Lebens einen Text vermacht hat, das es glänzen läßt wie im Fegefeuerschein.
Am Bayerischen Staatsschauspiel scheint man das zu wissen, allein schon die Besetzung verspricht ein loderndes Ereignis: Hans Peter Hallwachs als ein gemeißelter Vater Tyrone, Cornelia Froboess als kreuzunglückliche Mutter, und Rainer Bock und Jens Harzer geben die Söhne, den sarkastischen Jamie und den morbiden Edmund, mit dem sich O’Neill nicht ohne Narzißmus selbst ins Stück geschrieben hat. Harzer ist für diese Rolle tatsächlich wie geschaffen.
Regisseur Elmar Goerden tut gut daran, diese Schauspieler gewähren zu lassen. Sie wirken. Der übliche theatrale Schnickschnack verbietet sich von selbst, die Bühne (Slivia Merlo, Ulf Stengl) ist, wie es anders gar nicht sein darf: schlicht und angemessen realistisch. Ein paar zerschlissene Sessel vor einem Panoramafenster, im Bühnenhintergrund liegt ein zweiter Raum im Halbdunkel einer unzuverlässigen Erinnerung an angeblich bessere Tage.
Natürlich ist das Fenster blind, natürlich bleibt der Spiegel an der Wand daneben leer. Die Tyrones sehen keiner Wahrheit ins Gesicht, die Brille der morphiumsüchtigen Mama ist auf ewig verlegt. In ihren Augen muß Edmunds Schwindsucht eine „Sommergrippe“ bleiben, den Alkoholismus von Vater und Söhnen kaschiert die Sessellehne. Auf der Klippe dieser Lehne spielt das Stück, am Ende wird auf dem leeren Bildschirm des Fernsehers ein kleiner weißer Punkt von Rand zu Rand taumeln, aber doch nie glücklich aus dem Rahmen fallen. „So weit weg“, sagt Edmund, der Dichter, „bist du doch noch gar nicht, daß du schon alles vergessen hast.“ So weit kommt hier keiner.
Rennen und bremsen, stürzen und umkehren, das ist das Prinzip dieser Inszenierung. Die Wahrheit liegt hier immer auf der Zunge – viel weiter kommt sie nicht. Einmal will der alte Tyrone der Mutter die Tränen tupfen, aber dann drückt er ihr das Taschentuch doch bloß wie einen in Chloroform getränkten Knebel ins Gesicht. Aus einem Schluchzen wird ein fröhliches Krähen, aus einem Lachen ein Heulen, aus Abscheu wird Zuneigung, aus Konversation Klage. Nur aus den Bissen wollen einfach keine Küsse werden. Hans Peter Hallwachs gibt den alten Tyrone als Mann, dem seine großen Hände nicht gehorchen. Wie zum Gebet schließen sie sich um das ewige Whiskyglas, streicheln können sie nicht. Nur wenn die Söhne sich prügeln, kommen sie sich nah, dann legen sich ihre Schuhsohlen übereinander wie zum Kreuz. Und dann? „Die Wahrheit ist doch: es gibt überhaupt keine Rettung.“
Gerade weil die Psychologisierung seiner Kunst so nahe liegt, hat O’Neill sie immer gefürchtet, „they read“, polterte er, „too damn much Freud into stuff“. Elmar Goerden hält sich da wohltuend zurück. Nur einen Totenfluß an der Rampe hat er sich erlaubt, ein kleines Wasserspiel, dessen Lichteffekte die Bühne zum Aquarium machen. Über den Rest legt sich der Feinstaub der Ironie: Jamies Songs („Let it be“, „the damage’s done“), wehren sich gegen O’Neills Fatalismus, Edmunds clowneske Cowboystiefel und das Peng! Peng! mit dem nackten Zeigefinger spotten über eine allzu ausgestellte Männlichkeit. Gegen so feine Gesten wirkt der übliche Amerikaspott eher plump: weder die im Rauch schwingende Lampe über dem Pokertisch noch die „Stars and Stripes“ hätte es auf der Bühne gebraucht. Die Familienhölle mag ein amerikanisches Thema sein, ein amerikanisches Problem ist sie nicht.
Termine: heute, 10., 21. April; Karten: (089) 21 85 19 40.
Artikel erschienen am Mo, 4. April 2005